Als der Oberst diese letztere Nachricht erhielt, zögerte er nicht länger; er machte sich Vorwürfe, nicht schon früher abgereiset zu sein, und schob auf sich selbst einen Theil der Schuld an dem von seiner Schwester begangenen Fehler. Jetzt mußte so schnell als möglich Hülfe geleistet werden, und nachdem er Helenen um Rath gefragt hatte, die völlig seiner Meinung war, begab er sich nach Prag, von wo er mit Extrapost weiter nach Stettin eilte. Er reisete ganz allein ab, und ließ zum Schutze für seine Frau und Kinder den rechtschaffenen und furchtlosen Werner zurück, den er in Allem, was das Interesse seiner Familie betraf, als sein zweites Selbst betrachten konnte. Helene mußte ihren ganzen Muth zusammennehmen, um sich beim Abschiede von ihrem Gatten zu fassen. Dieß war die erste Trennung von ihm, aber sie wußte ihren Schmerz in sich zu verschließen, und zeigte nur so viel davon, als ihr völlig unmöglich war zurückzuhalten.

„Ach, Geliebter! rief sie unter einem Strom von Thränen aus; eile, daß du zu mir zurückkehrst! Erst jetzt wird mir dieser Ort hier als eine wirkliche Wüstenei erscheinen; ich werde völlig allein sein, sobald ich dich nicht mehr sehe.“

Alfred versuchte, der zärtlichen Helene einigen Trost einzuflößen. Schon befand man sich im Monat September, und er versprach ihr, spätestens im Monat Dezember wieder zu kommen, hinzusetzend: daß sie seiner Zärtlichkeit wohl so viel Vertrauen schenken würde, um zu glauben, daß er selbst nichts sehnlicher wünschen könnte, als noch weit früher in ihre Arme zu eilen, wenn es nur irgend möglich wäre. Aber wie vergeblich sind alle Trostgründe in dem Augenblicke der Trennung! Man fühlt nichts, als das gegenwärtige Uebel, und es drückt uns danieder. Die Zukunft ist in solcher Stimmung gleichgültig, die Hoffnung verliert allen ihren Zauber, und man kennt nur die Qual der Gegenwart.

In den ersten Tagen nach Alfred’s Abreise war Helene gleichsam in einem Zustande der Bewußtlosigkeit. Ihr Geist, von hundert peinlichen Vorstellungen angegriffen, ward für eine abergläubische Furcht empfänglich, und nur mit einem geheimen Schauder ging sie des Abends die Treppe hinauf und durch den großen Saal. Die Einbildungskraft, die stets bereit ist, Alles herbeizuziehen, was uns in Schrecken setzen kann, verdoppelte ihre Lebendigkeit, um Helenen mit Schrecken zu erfüllen. Die geringste Kleinigkeit war hinreichend, sie in Furcht zu setzen; oft stand sie plötzlich zitternd still, weil sie ein sonderbares Geräusch gehört zu haben glaubte, oder sie machte ihre Augen zu, aus Scheu, irgend eine fürchterliche Erscheinung zu erblicken. Die Gesellschaft ihrer Kinder war an den Abenden, die schon lang zu werden anfingen, nicht mehr hinreichend, um sie zu beruhigen; sie rief nach dem treuen Werner und nach Lisetten, der Köchin, einem guten, aber höchst abergläubischen, furchtsamen Mädchen, und behielt Beide Stunden lang bei sich, unter dem Vorwande, ihnen Befehle für den folgenden Tag zu geben, oder ihnen Rechenschaft von dem, was sie den Tag über gethan hatten, abzufordern.

Es mag auf dem Lande auch noch so einsam sein, die Häuser mögen auch noch so weit von einander entfernt liegen, so ist dieß Alles doch nicht im Stande, die Neugierde der Landbewohner einzuschränken. Für diese Klasse von Menschen ist die gewöhnlichste Begebenheit etwas Wichtiges, sie geben auf die geringste Kleinigkeit Acht, und Alles wird den Nachbarn treulich wiedererzählt. So war es auch bei der Ankunft der Familie Lobenthal im Schlosse R.... Was für übertriebene Dinge erzählte man sich von ihr, was für lächerliche Mährchen wurden auf ihre Rechnung verbreitet! Aber die Zeit verfloß, und ein und derselbe Gegenstand kann nicht stets zur Unterhaltung dienen; daher schien die Familie Lobenthal, nach Verlauf von funfzehn Monaten, im Lande völlig eingebürgert zu sein, und man trat sogar mit der Dienerschaft in freundschaftliche Verhältnisse, so daß die Männer im Stalle mit Wernern, die Weiber in der Küche mit Lisetten häufig Unterhandlungen anspannen, und ihnen erzählten, was sie Sonntags vor der Kirchthür Neues gehört hatten.

Lisette und Werner erzählten gerne, wenn Gelegenheit dazu war, ihrer Frau wieder, was sie gehört hatten, und Helene erröthete innerlich über das seltsame Vergnügen, das sie dabei genoß, ihnen zuzuhören; indessen war ihr, während der Abwesenheit ihres Mannes, Zerstreuung nöthig, und gleichviel, welchen Gegenstand man vor ihr abhandelte: sie zog das albernste Geschwätz immer noch der Einsamkeit vor.

Schon war der Oberst seit länger als einer Woche nicht mehr im Schlosse, als Lisette eines Abends mit so wichtiger Miene in’s Zimmer trat, daß Helene nicht daran zweifeln konnte, sie habe ihr eine außerordentliche Neuigkeit mitzutheilen. Sie irrte sich nicht; sobald das gute Mädchen sich bei der Lampe niedergesetzt hatte, die ihr zu ihrer Abendarbeit leuchtete, fing sie an:

„Von nun an, Frau Oberstin, werden wir nicht mehr so ganz allein in dieser Gegend sein; das Land hier wird immer mehr bevölkert, die Anzahl der Fremden vermehrt sich; und wenn das so fortgeht, so wird man bald, wie man im Dorfe sagt, des Montags einen Markt auf unserm Schloßplatze abhalten können.“

— Ei, mein Gott, antwortete Helene erstaunt, wer sind denn die zahlreichen Einwohner, die sich in der Gemeinde angesiedelt haben? —

„Wenn ich Ihnen die Wahrheit sagen soll, Frau Oberstin, so sind es eben noch nicht viel, aber das wird noch kommen. Für’s Erste ist da schon der Herr Oberst Lobenthal mit seiner Familie, und dann eine Dame, deren Geschichte und Herkunft man noch nicht kennt, und die das kleine Haus dort unten im Thale, mitten im Walde, gekauft hat.“