— Da hat sie sich eine sehr einsame Wohnung gewählt, und sie muß entweder viel Muth besitzen, oder ein großes Gefolge bei sich haben, wenn sie ohne Furcht in diesem Hause bleiben kann. —

„Dieser Meinung ist auch das ganze Dorf, und dennoch ist sie ganz allein; denn ein alter Bedienter kann hier gar nicht in Anschlag kommen, weil er so abgelebt, so bleich und hinfällig ist, daß er weniger einem Lebendigen, als einem Bewohner der andern Welt ähnlich sieht. Was die Dame betrifft, so sagt man, daß sie schön ist, obgleich ihre Miene etwas ganz Außerordentliches haben soll. Ich kann übrigens nichts Näheres davon berichten, weil ich sie noch nicht gesehen habe; aber am nächsten Sonntage müßte ich sehr krank sein, wenn ich in der Kirche fehlen sollte. Die Dame wird doch ohne Zweifel dort sein, und dann will ich sie genau betrachten, daß ich Ihnen einen vollkommnern Bericht abstatten kann, wenn Sie selbst zufällig nicht im Stande sein sollten, sie zu sehen.“

— Ich bezweifle nicht, Lisette, daß du sie genau betrachten wirst; aber was spricht man jetzt von ihr? Weiß man, aus welchem Grunde sie sich gerade gegen den Winter eine so wenig angenehme Wohnung gewählt hat? Ist sie aus Prag? Ist sie Wittwe, oder unverheirathet? —

„Man hat alle diese Fragen schon an ihren Bedienten gerichtet, ohne die geringste genügende Antwort zu erhalten; denn dieser Bediente soll ein mürrischer und äußerst grober Mensch sein. Seine Antworten sind: Ja, nein; vielleicht: das geht Euch nichts an; was er kauft, bezahlt er, ohne weiter ein Wort zu sprechen, und entfernt sich dann sogleich wieder. So viel weiß man indessen schon gewiß, daß diese Leute keine Deutschen sind; denn sie haben eine ganz seltsame Aussprache, und unter sich bedienen sie sich fremder, unverständlicher Worte.“

— Ist denn diese Dame schon lange hier? fragte Helene, die schon den Wunsch fühlte, in der Fremden eine Gesellschafterin zu finden, die einige Abwechselung in ihrer einfachen, gleichförmigen Lebensart hervorbringen könnte. —

„Sie ist an demselben Tage hier angekommen, wo der Herr Oberst abreisete. Anfangs stieg sie bei dem Schäfer Paul ab, und fragte ihn, ob nicht in der Nähe irgend ein Haus zu miethen oder zu kaufen sei? Paul erwiederte, daß die Gebrüder Gierschmann das kleine Haus im Walde verkaufen wollten; sie ließ sie sogleich herbeiholen, handelte mit ihnen, und schlief schon in derselben Nacht in ihrem neuen Wohnsitze. Paul und die beiden Gierschmann haben anfangs aus dieser Begebenheit ein Geheimniß gemacht, wahrscheinlich weil sie der armen Dame eine übermäßig große Summe für das Haus abgenommen haben. Aber am Ende kommt doch Alles heraus: die Geschichte wurde bekannt, und ich bin nicht die Letzte, die sie erfahren hat. Vor einer Stunde habe ich sie von der Frau des Nachtwächters gehört, und ich würde gegen meine Pflicht gehandelt haben, wenn ich Ihnen nicht sogleich Alles mitgetheilt hätte.“

Helene dankte Lisetten durch eine Verneigung des Kopfes für ihren guten Willen, und nahm sich vor, so bald als möglich Bekanntschaft mit der fremden Dame zu machen.

Während dieses langen Gesprächs schwieg Werner, der ebenfalls gegenwärtig war, und schüttelte von Zeit zu Zeit mit dem Kopfe. Diese Bewegung und sein Stillschweigen fielen der Oberstin auf, daher sie ihn fragte, ob er Mißtrauen gegen die unbekannte Dame hege?

„Ei, erwiederte Werner, ich sehe eben nichts Gutes in ihrem Erscheinen in hiesiger Gegend. Eine junge Frau, die auch hübsch sein soll, wie man sagt, kommt mit einem einzigen Bedienten hier her, um sich in ein abgelegenes Haus einzuschließen: scheint dieß ganz in der Ordnung zu sein? Hat sie einen Mann? Wo ist ihre Familie? Sollte sie nicht eine Abentheurerin sein? Ich habe ehemals genug von diesen geheimnißvollen Prinzessinnen bei unseren Offizieren gesehen, die anfangs alle Blicke scheuten, und sich sorgfältig eingezogen hielten, bis sie irgend einen Fang gemacht hatten. Dann erschienen sie am hellen Tage, und zeigten ihre Reize, ihre Pracht und ihr schlechtes Betragen; hatten sie nun die Frucht rein ausgesogen, so verschwanden sie plötzlich, wie die Irrwische, die wir oft dort unten auf dem Moraste erblicken.“

— Ich glaube es wohl, antwortete Helene, daß man in einer großen Stadt solche unglücklichen Geschöpfe antrifft, die, um einen desto bessern Handel mit ihren Reizen zu machen, die Neugierde durch das Dunkel zu reizen suchen, mit dem sie sich umhüllen; aber hier in R...., mein guter Werner, was sollte eine solche Person hier suchen? Wo ist hier der reiche Partikulier, den sie verführen könnte? Ich weiß in der ganzen Gegend nur Familien, die in der vollkommensten Eintracht leben, und überdieß binnen Kurzem das Land bis zum künftigen Sommer verlassen werden. Kann aber diese Dame nicht Unglücksfälle erlitten haben? Schämt sie sich nicht vielleicht, in der Welt auf einem niedrigeren Fuße zu leben, als ihr früher ihrem Range nach zukam? und wird wohl eine heutige Sirene mitten im Walde, fern von jeder Straße, ihren Aufenthalt wählen? Wird sie sich nicht vielmehr den Orten nähern, die häufig von Reisenden besucht sind? Nein, mein lieber Werner, dein Verdacht ist ungerecht; man muß von seinem Nächsten nichts Uebeles denken, als wenn offenbare Gründe dazu vorhanden sind. —