Werner erwiederte nichts, aber er schien keinesweges überzeugt zu sein. Ihm diente seine Erfahrung zur Richtschnur, wonach er Alles beurtheilen zu können glaubte, was ihm jetzt begegnete.

Der folgende Tag war außerordentlich schön. Gegen Abend gingen die Kinder unter Werners Aufsicht spazieren, und der Zufall führte sie nach dem nahe gelegenen Walde, während Helene selbst sich nicht so weit vom Schlosse entfernte, sondern nur bis nach dem Dorfe hinunter ging, wo sie mit den Landbewohnern, denen sie begegnete, von der nahe bevorstehenden Erndte plauderte. Alle erzählten ihr aber von der fremden Dame; ihre Ankunft hatte die allgemeine Neugier gereizt, und man belauschte daher jeden ihrer Schritte. Man wußte, daß sie gegen Abend ihre Wohnung verließ, um in der Umgegend spazieren zu gehen; so lange aber die Sonne noch am Himmel stand, zeigte sie sich nur höchst selten. Den ganzen Tag brachte sie in einem Zimmer ihres obern Stockwerks zu, wo Niemand sie zu sehen bekam. Ihr alter Bedienter verrichtete sämmtliche Geschäfte des Hauswesens, aber er sah stets so mürrisch aus, daß man keine Lust fühlte, eine Unterredung mit ihm anzuknüpfen, wenn er dann und wann in’s Dorf kam, um irgend etwas einzukaufen.

Jemehr Helene von der Unbekannten sprechen hörte, desto fester nahm sie sich vor, sie kennen zu lernen; denn bei allen ihren vortrefflichen Eigenschaften war die Frau Oberstin doch immer eine Tochter unserer gemeinschaftlichen Stamm-Mutter Eva. Indessen wußte sie ihren geheimen Wunsch unter eine scheinbar große Gleichgültigkeit zu verbergen, und als es finster zu werden anfing, kehrte sie nach dem Schlosse zurück.

Sobald ihre Kinder sie erblickten, liefen sie ihr voll Freude entgegen. „Ach, Mutter! liebe Mutter! riefen beide zugleich; wir haben die schöne unbekannte Dame gesehen, und mit ihr gesprochen. Sie hat uns diese schönen Blumenkränze geschenkt. Ach, wie gut und wie hübsch ist sie!“

Dieses unverhoffte Zusammentreffen und die Worte ihrer Kinder reizten Helenens Neugierde noch mehr. „Still, liebe Kinder, sagte sie, sprecht nicht beide zugleich; Eines von euch soll mir erzählen, was vorgefallen ist, und das Andere kann dann nachholen, was vielleicht das Erste vergessen hat.“

Dieser Vorschlag war ganz angemessen, aber es boten sich nur Schwierigkeiten dar, ihn auszuführen. Julie, ein höchst lebhaftes niedliches Mädchen, schien nicht geneigt, ihrem Bruder das Wort zu überlassen, der seinerseits wieder das Recht des Aeltern in Anspruch nahm, um der Erzähler des kleinen Abentheuers zu sein. Hieraus entstand ein ernsthafter Streit. Helene versuchte anfangs vergebens den Weg der Güte: sie drang nicht durch, weil Julie sprechen und Wilhelm nicht schweigen wollte: die Mutter sah sich endlich genöthigt, ihr ganzes Ansehen zu gebrauchen, und ein bestimmter Befehl legte dem kleinen Mädchen Stillschweigen auf. Julie nahm nun eine schmollende Miene an, und setzte sich in einen Winkel des Zimmers, wo sie ihr niedliches Gesichtchen in den Händen verbarg, indem sie versicherte, daß ihr Bruder falsch erzähle, daß sie aber gewiß den Mund nicht öffnen würde, um ihn zu berichtigen.

Wilhelm, stolz auf die Auszeichnung, die ihm seine Mutter zu Theil werden ließ, stellte sich lächelnd vor sie hin und fing nun seine Erzählung an: „Ich hatte Lust, liebe Mutter, in das Thal hinabzugehen, um von den schönen Blumen, deren so viele auf der dortigen Wiese wachsen, abzupflücken. Ich bat daher unsern Werner, uns dahin zu führen, und er willigte ein; wir waren aber kaum einige Augenblicke da, so lief auch schon Julie, die niemals ruhig bleiben kann, aus allen Kräften nach dem Walde zu.“

— Das ist nicht wahr! rief Julie, voll Aerger über die Beschuldigung ihres Bruders; ich verfolgte einen schönen, bunten Schmetterling, und du thatest dasselbe. — Siehst du wohl, liebe Mutter, daß du von Wilhelmen nichts Ordentliches erfahren wirst? Ich will dir daher erzählen, was geschehen ist, denn mit mir hat ja die Dame zuerst gesprochen. —

„Ich habe dir befohlen zu schweigen, antwortete die Mutter sanft, aber ernsthaft; und ich will, daß du mir gehorchst. Daß ich also meinen Befehl nicht zum dritten Mal wiederholen muß!“

Die Strenge dieser Worte, welche übrigens so wenig mit Helenens Liebe zu ihrem niedlichen Töchterchen übereinstimmte, verursachte dem letzteren so viel Schmerz, daß Julie in einen Strom von Thränen ausbrach, und ihre kleinen Arme ihrer Mutter um den Hals schlang. Helene sahe nun ein, daß sie sich zu strenge gezeigt hatte, und ohne ein Wort zu sagen, streichelte sie mit ihrer Hand die schönen blonden Locken ihrer Tochter, und drückte dann einen Kuß auf ihre Stirn, worauf die Heiterkeit sich bei derselben wieder einzustellen nicht ermangelte. Indessen fuhr Wilhelm in seiner Erzählung fort. Er berichtete, wie die fremde Dame plötzlich vor seinen erstaunten Blicken erschienen sei, während er seiner Schwester habe nachlaufen wollen, die sich mitten in das dickste Gebüsch begeben hatte; wie Julie die Hand der fremden Dame gehalten habe, welche letztere sich dann mit ihren Spielen vereinigte, obgleich sie, bemerkte der Knabe, die Lustigkeit eben nicht zu lieben schiene. Sie war immer ernsthaft, und das laute Gelächter Juliens, womit sie immer sehr freigebig ist, schien ihr sogar ein gewisses Beben zu verursachen. Aber sie behandelte uns mit einer außerordentlichen Gütigkeit. Vergebens wollte Werner mehrmals mit uns nach Hause zurückkehren, sie hielt uns immer noch auf, weil sie stets noch einige Blumen zu den Kränzen hinzuzufügen hatte, die sie uns wand. Aber sie ist erstaunlich geschickt; nur weiß ich nicht, warum sie beständig einen Handschuh auf der linken Hand trägt; das muß ihr doch sehr beschwerlich sein. Julie wollte ihn ihr abziehen, aber sie hinderte es mit einer sehr heftigen Bewegung, und warf ihr zugleich einen Blick zu, der mich und meine Schwester in Schrecken setzte; so böse schien er uns zu sein.