Diese Erzählung ward in allen Punkten von dem kleinen Mädchen bestätigt, das nun ebenfalls das Wort zu nehmen eilte. Julie fügte noch eine Menge Einzelnheiten hinzu, und erzählte ihrer Mutter, daß die hübsche Dame ihr mitten im Gebüsch so plötzlich erschienen sei, als wenn sie aus der Erde hervorgekommen wäre.
„Ich erschrak anfangs sehr, fuhr Julie fort, und da die Dame es bemerkte, so schien sie darüber sehr bekümmert zu sein. Sie kam dann lächelnd auf mich zu, und ihre freundlichen Worte machten mich nun bald dreister. Uebrigens hat sie nicht die geringste Frage an mich gerichtet, wie es sonst wohl diejenigen zu thun pflegen, die mich zum ersten Male sehen; sie sprach nur von unseren Spielen und Vergnügungen, und wie sehr sie meine Freundin zu werden wünschte. Von dir und von meinem Vater hat sie nicht ein Wort erwähnt.“
Werner, der nun ebenfalls befragt ward, bestätigte Alles, was die Kinder gesagt hatten. Aber über sein ganzes Wesen schien die größte Verwirrung verbreitet zu sein, und vergebens suchte er sie zu verbergen; sie ward wider seinen Willen so sichtbar, daß Helene aufmerksam werden mußte.
„Nun, Werner! sagte sie; du bist nicht eben so sehr für die fremde Dame eingenommen, als Wilhelm und seine Schwester. Hast du immer noch dein früheres Mißtrauen gegen sie, oder hast du sie vielleicht gar wieder erkannt?“
— Ich! sie wieder erkannt haben! rief der alte Soldat, dessen Gesicht in diesem Augenblick alle Farbe verlor. Ich wüßte nicht, Frau Oberstin, wie mein Betragen Sie auf solche Muthmaßung hinführen könnte. Ich kenne jene Person nicht; aber dennoch beharre ich bei der Meinung, daß ihre Ankunft hierselbst zu geheimnißvoll ist, um sich etwas Gutes davon zu versprechen. Wenn Sie meinem Rathe folgen wollten, so würden Sie Ihren Kindern nicht erlauben, bekannter und vertrauter mit ihr zu werden. Was die Erlaubniß betrifft, daß diese Unbekannte ihren Fuß über die Schwelle des Schlosses setzt, so wissen Sie selbst, was Sie dabei zu thun haben. Wenn ich aber an Ihrer Stelle wäre, so würde ich auch nicht einmal zugeben, daß sie auch nur den Hof überschreitet. —
„Um so strenge gegen sie zu verfahren, erwiederte Helene, müßte ich überzeugt sein, daß ihre Gesellschaft durchaus nicht für mich paßt, und dieß werde ich vielleicht bald erfahren. Aber da du sie heute zum ersten Male gesehen hast, da dein Widerwille gegen sie gar keine gegründete Ursache hat, so kann ich mein Betragen völlig nach den obwaltenden Umständen einrichten. Dennoch bin ich fest entschlossen, mein lieber Werner, auf deinen Rath zu hören, wenn du von dieser Dame irgend etwas weißt, das dich überzeugt, es würde gefährlich für mich sein, mit ihr umzugehen.“
Werner schien einen Augenblick lang ungewiß zu sein, was er der Oberstin antworten sollte; plötzlich hörte indessen diese Ungewißheit auf, und er versicherte dann mit fester Stimme, daß seine Furcht nur auf Vorurtheilen beruhe, daß die fremde Dame ihm völlig unbekannt sei, und daß seine Herrschaft völliges Recht habe, zu handeln, wie es ihr gut dünke.
Helene kannte die edle Freimüthigkeit des alten Soldaten, und sie zweifelte nicht an der Wahrheit dessen, was er sagte. Sie schrieb sein Mißtrauen der natürlichen Bedächtigkeit derjenigen zu, die in der Welt viel gesehen und erfahren haben; das Böse hat sich ihnen unter allen Gestalten gezeigt, und sie fürchten stets, es da anzutreffen, wo der Anschein es am Wenigsten vermuthen läßt. Nur in der Zurückgezogenheit lernt das menschliche Herz sich einem Vertrauen überlassen, das noch durch Nichts getäuscht wurde, und nur der häufige Umgang mit Menschen lehrt sie fürchten.
Viertes Kapitel.
Indem Werner die Oberstin versicherte, daß die fremde Dame ihm unbekannt sei, sprach er wider seine Ueberzeugung. So auffallende Gesichtszüge konnten bei ihm unmöglich in Vergessenheit gekommen sein; er wußte, wie sehr die, welche damit geschmückt war, würdig gewesen, die zärtlichste Neigung einzuflößen, und er zitterte schon im Voraus vor einem Zusammentreffen, das für die Zukunft die schrecklichsten Stürme zu weissagen schien. Aber sollte er unter diesen Umständen die Ruhe seiner würdigen Gebieterin vergiften? War es nöthig, in ihrem Herzen die verzehrenden Flammen der Eifersucht anzuzünden? Unglücklicherweise giebt es Fälle im menschlichen Leben, wo es nothwendig ist, die Wahrheit zu verschweigen, und wo man mit der Lüge in’s Bündniß treten muß, um großen Uebeln vorzubeugen. Einer von diesen Fällen war hier eingetreten, und nur ungern opferte ihm Werner seine natürliche Wahrheitsliebe auf; er verschwieg also, was er wußte. Wie sehr wünschte er aber die Nacht herbei, wo er hoffen konnte, ruhig über diese schwierige Lage nachzudenken. Seine Klugheit sagte ihm, wie wichtig es sei, nichts von seiner innern Unruhe merken zu lassen; denn wenn sich einmal der Verdacht im Busen der Oberstin erhob, zu welchen Auftritten konnte dieß führen! Er nahm daher alle seine Kraft zusammen, und bewachte sich selbst so strenge, daß Helene in seinen Gesichtszügen nichts als die Gleichgültigkeit des gewöhnlichen Lebens wahrnehmen konnte.