Als Werner endlich nach eilf Uhr in seinem Zimmer allein war, eilte er zu seinem Schreibtische, und schrieb an seinen Herrn, was hier vorgegangen war.
„Wie groß wird Ihr Erstaunen sein, Herr Oberst, wenn Sie erfahren, daß Lodoiska jetzt hier in R.... wohnt, und die nächste Nachbarin des Schlosses ist. Was will sie hier, jetzt, nach Verlauf so vieler Jahre? was hegt sie für Absichten? Diese Fragen kann ich Ihnen nicht beantworten. Sie hat mich nicht erkannt, wenigstens ließ sie nicht das geringste Zeichen entschlüpfen, woraus ich es hätte schließen können. Lassen Sie mir jetzt Ihre Befehle zukommen, und ich werde sie ohne Verzug ausführen. Wollen Sie sie wiedersehen, und sich eine Zusammenkunft mit ihr verschaffen, um ihre Absichten kennen zu lernen? Oder ziehen Sie es vor, daß die Frau Oberstin und Ihre Kinder diese Gegend hier augenblicklich verlassen? Dieß würde vielleicht der beste Weg sein, den Sie einschlagen könnten. Sie werden nie glücklich, noch ruhig sein, so lange diese Lodoiska lebt, oder wenigstens, so lange dieselbe Sie mit ihrer Gegenwart und ihren Vorwürfen verfolgt.“ —
Indem Werner diese letzten Worte niedergeschrieben hatte, erbebte er unwillkührlich; denn es schien ihm, als wenn er hinter sich das Geräusch eines Gewandes hörte, und den Athem einer Person fühlte, die sich über ihn her beugte, um zu lesen, was er geschrieben. Die Täuschung war so vollkommen, daß er nicht daran zweifelte, die Oberstin sei dicht hinter ihm, und voller Schrecken hierüber, wagte er anfangs nicht, die Augen aufzuschlagen, noch den Kopf umzuwenden; da indessen nach Verlauf von einer Minute sich noch immer kein neues Geräusch hören ließ, so blickte er um sich, und überzeugte sich nun, daß er sich geirrt habe. Kein lebendiges Wesen war in seinem Zimmer zu sehen, die tiefste Stille herrschte überall, nur dann und wann von dem Geschrei einer einsamen Eule unterbrochen, die in dem alten Thurme des Schlosses nistete.
Diese Gewißheit, daß die Oberstin seinen Brief nicht gelesen habe, verursachte ihm die größte Freude, und nachdem er sein Zimmer fest verschlossen hatte, suchte er sich einem erquickenden Schlafe zu überlassen; es gelang ihm aber nicht. Die geheimnißvolle Lodoiska kam ihm nicht aus den Gedanken, und in seinem Zorne gegen sie fluchte er laut, als wenn er eine Abtheilung Rekruten zu exerziren hätte. Erst sehr spät schlossen sich endlich seine Augen, und der Mensch in ihm lebte nur noch durch seine nächtlichen Beziehungen mit den himmlischen Geistern fort. Gewöhnlich kam Werner sonst dem Erwachen der Morgenröthe zuvor; dießmal aber stand die Sonne schon über den umliegenden Hügeln, als der alte Unteroffizier plötzlich aus dem Schlafe aufschreckte, und über die Art von Bewußtlosigkeit, in der er gewesen zu sein sich erinnerte, erstaunte. Ohne Zweifel hatten die Arbeiter auf dem Felde schon angefangen, und er war dabei nicht zugegen gewesen. Voller Scham über diesen Fehler zog er sich schnell an und eilte hinunter in den Hof; hier erinnerte er sich aber, daß er den wichtigen Brief an seinen Herrn auf dem Schreibtische vergessen habe, und da die Klugheit ihm rieth, denselben nicht vor Jedermanns Augen umher liegen zu lassen, so kehrte er um, ihn zu sich zu stecken, und ihn nachher dem täglich nach der Stadt gehenden Boten zur Bestellung auf der Post zu übergeben.
Der Brief befand sich nicht mehr an dem Orte, wo Werner ihn hatte liegen lassen, sondern er sahe ihn, in tausend Stücke zerrissen, auf dem Fußboden umhergestreut. Dieser eben so sehr überraschende, als verdächtige Anblick entriß Wernern einen lauten Ausruf, und versetzte ihn dann in ein peinliches Nachdenken. Wer konnte das Schreiben zerrissen haben? Wer war während so weniger Augenblicke in seinem Zimmer gewesen, um dort so unverschämt zu handeln? Sollte es die Oberstin, oder Lisette, oder das Hausmädchen gewesen sein? Nur diese drei Personen konnten um diese Zeit schon aufgestanden sein. Er erinnerte sich, daß er das letztere auf dem Hofe gesehen habe; auch erblickte er Lisetten durch das Fenster in der Küche mit ihren Arbeiten beschäftigt, und die Oberstin schien noch nicht aufgestanden zu sein, wie die geschlossenen Fensterladen ihres Zimmers zeigten. Kurz, er wußte nicht, was er von diesem außerordentlichen Vorfalle denken sollte; und er gewann es nicht über sich, den Brief sogleich von Neuem zu schreiben, sondern sammelte nur sorgfältig die Stücke vom Fußboden auf, um sie in’s Feuer zu werfen.
Den ganzen Tag über befand sich Werner in einer äußerst peinlichen Stimmung. Obgleich er überzeugt war, daß die Oberstin sein Zimmer nicht so sehr verletzt habe, so fühlte er doch eine große Verlegenheit, als er heute zum ersten Male in ihre Nähe kam. Er suchte sich zu zwingen, und in den Gesichtszügen Helenens zu lesen; aber diese waren so ruhig, daß sie unmöglich eine so unerwartete Entdeckung, wie die Lesung des Briefes ihr gewähren mußte, gemacht haben konnte. Werners Erstaunen ward nun immer größer, und er verlor sich vergebens in allerhand Vermuthungen; höchst unangenehm aber war es ihm, als die Kinder ihn baten, sie wieder, wie gestern, nach dem Walde spazieren zu führen, weil sie hofften, ihre neue Freundin, wie sie sagten, wieder zu sehen.
Gern hätte Werner es ihnen abgeschlagen; aber die Oberstin war zugegen, und ehe er noch ein Wort sprechen konnte, hatte sie schon ihre Einwilligung gegeben. Die Klugheit gebot ihm, von seinen wahren Gedanken nichts merken zu lassen, um bei der Gemahlin seines Obersten weder Argwohn noch Furcht zu erregen, und mit zurückgehaltenem Unwillen stieg er langsam den Hügel hinab, nach dem Orte zu, wie seine jungen Begleiter wünschten.
Kaum befanden sie sich am Saume des Waldes, so trat Lodoiska plötzlich aus dem Gebüsch hervor, in ihren Händen ein paar Federbälle und eine schöne Puppe, die sie den Kindern bestimmt hatte. Sobald diese ihre neue Freundin erblickten, liefen sie auf sie zu, und Julie war so dreist, sich gerade zu in ihre Arme zu werfen. Diese unschuldige Handlung schien die Fremde tief zu bewegen; sie trat einen Schritt zurück, und warf einen so finstern, unheimlichen Blick auf das Kind, daß der muthige Werner darüber erstarrte. Allein diese anfängliche Bewegung dauerte nicht lange; ein leichtes Lächeln überflog die Gesichtszüge der Fremden, und mit der größten Liebenswürdigkeit vertheilte sie die mitgebrachten Geschenke.
Wilhelm, entzückt über die Federbälle, lief sogleich nach der nahen Wiese, um sie zu versuchen, und Julie, ganz glücklich bei dem Anblick ihrer Puppe, bat um Erlaubniß, Blumen pflücken zu dürfen, um ihre kleine Dame damit zu schmücken. Die Fremde hatte nichts dagegen, und als sie die Kinder mit ihren Spielen in voller Beschäftigung sahe, näherte sie sich dem alten Unteroffizier, der in tiefem Sinnen an einen Baum gelehnt stand, und über die Vergangenheit nachdachte. Er fürchtete, daß neue Unfälle die Ruhe seines Obersten stören möchten; er war höchst unzufrieden, aber er wußte nicht, wie er dem drohenden Ungewitter zuvorkommen sollte.
Werner war so sehr mit sich selbst beschäftigt, daß er die Annäherung der Dame nicht gehört hatte, als er plötzlich aus seinem Nachdenken durch eine ihm wohlbekannte Stimme geweckt ward, die aber in diesem Augenblick etwas Dumpfes und Feierliches hatte, so daß er sich davon bis in’s Innerste ergriffen fühlte.