„Nun Werner, redete sie ihn an, was habe ich dir gethan, daß du mir stets entgegen bist? Wird deine ungerechte Abneigung gegen mich nicht endlich einmal aufhören?“
Auf’s Aeußerste überrascht durch diese Worte, schlug der Soldat die Augen auf, entfernte sich von dem Baume, an den er sich gelehnt hatte, und schien wenig geneigt zur Antwort zu sein. Doch überwand er sich, und sagte:
„Was wollen Sie von mir, Lodoiska? Warum haben Sie Ihr Vaterland verlassen? Was suchen Sie hier in Deutschland? Hat denn die Zeit keinen Einfluß auf Sie? Denken Sie noch eben so, wie in den Jahren Ihrer Jugend? Dann bedaure ich Sie, oder vielmehr ich beklage Ihren Wahnsinn.“
— Die Zeit, antwortete die Fremde in dem feierlichsten Tone, vermag jetzt nichts mehr über mich; es giebt ein Leben, wo ihre Macht völlig aufhört, und wo die Empfindungen unveränderlich werden, wie die Ewigkeit, von welcher sie ein Theil sind. Wundere dich nicht über meine Gegenwart, denn nicht mein Wille ist es, der mich leitet; ich gehöre mir selbst nicht mehr an, sondern einem grausamen, gebieterischen Herrn, der mir jeden meiner Schritte vorzeichnet. Meine alte Wunde blutet noch, und die Zeit, wie du sie nennst, hat das Recht verloren, sie zu vernarben. —
„Warum aber, erwiederte Werner, sich mit unnützen Hoffnungen quälen? Zwischen Ihnen und dem Obersten ist Alles vorbei. Er hat vielleicht Unrecht gegen Sie begangen, aber er darf daran nicht mehr denken. Schon seit mehrern Jahren ist er der Gatte einer Frau, die seine Zärtlichkeit verdient. Wollen Sie die Ruhe in seinem Hause stören? Treibt die Rache Sie so weit, daß Sie das Herz seiner Gemahlin zerreißen können?“
— Durfte er sich verheiraten, Werner? Gehörte dein Herr sich allein an, um sich frei hinzugeben? Hat er nicht mit seinem eigenen Blute das Versprechen unterschrieben, nur mit mir vor den Altar zu treten? Weißt du dieß Alles nicht, du, der du so dreist von der Vergangenheit sprichst, die den Treulosen vernichten wird? War ich weniger schön, als deine jetzige Gebieterin, oder weniger tugendhaft? Was hatte ich Unrechtes gethan? Etwa, weil ich Liebe für Liebe gab, und mich einem Gefühle gänzlich überließ, das ich für aufrichtig hielt? Habe ich mein Versprechen zurückgenommen, das ich ebenfalls mit meinem Blute unterschrieb? Ist es nicht noch in Alfred’s Händen, und kann er vor Gott der rechtmäßige Gatte einer Andern sein? Was habe ich Unrechtes gethan? Er kann mir keine Vorwürfe machen, während ich ihn durch die Menge der meinigen zu Boden zu schlagen im Stande bin! —
Während die schöne Fremde so sprach, schien sie der Erde gar nicht mehr anzugehören; ihre hohe und schlanke Gestalt, der unstät umherschweifende Blick, die in ihren Gesichtszügen bemerkbaren Zeichen des Unwillens, welche ihrem Munde einen furchtbaren Ausdruck gaben, alles Dieses zusammen gab ihr das Ansehen eines überirdischen Wesens. Werner war nicht im Stande, den Blick ihres forschenden Auges auszuhalten, das seine Gedanken bis in die innersten Falten seines Herzens zu verfolgen schien. Insgeheim mußte er zugeben, daß sein Herr Unrecht gethan; aber es war auf keine Weise wieder gut zu machen, und Lodoiska mußte, ungeachtet der Gerechtigkeit ihrer Ansprüche, darauf Verzicht leisten. Dieß suchte er ihr in seiner Antwort begreiflich zu machen.
Die Fremde hörte ihm mit einem verächtlichen Lächeln zu, ohne weder Erstaunen noch Unzufriedenheit blicken zu lassen. Schon schmeichelte er sich, sie überzeugt zu haben, und wollte nun seine Ueberredung vollenden, als sie ihn plötzlich dadurch unterbrach, daß sie ihm ihre rechte Hand auf seine Schulter legte. Diese mit einer Art von Nachlässigkeit gemachte Bewegung brachte nichts desto weniger in ihm eine außerordentliche Wirkung hervor. Er hatte an dem Orte der Schulter, welchen Lodoiska’s Hand berührte, ein ganz seltsames Gefühl, und es schien ihm, als wenn er mitten aus einem glühenden Ofen in ein Meer von Eis geschleudert würde; dieses Gefühl verlor sich aber sogleich wieder, sobald die Hand zurückgezogen wurde, die es hervorgebracht hatte.
„Habe ich ihn seines Versprechens entbunden? sagte Lodoiska ruhig, ohne auf die Gründe zu antworten, die ihr Werner so eben auseinandergesetzt. Hat er unsern schriftlichen Vertrag noch?“
— Gleichviel, ob er ihn noch hat oder nicht, es kann jetzt doch nichts mehr darauf ankommen; mag er in seinen Händen sein, oder in den Ihrigen, wozu könnte er noch dienen? Die Gerichte werden gar keine Rücksicht darauf nehmen. —