„Es ist möglich, leichtsinniger Soldat, daß die menschlichen Gesetze gegen diese Art von Meineid nichts vermögen; aber es giebt in jener Welt einen unbestechlichen Richter. Dieser war Zeuge jenes Versprechens, an ihn habe ich mich gewendet, um Gerechtigkeit zu erlangen, und ich bin gewiß, sie zu erhalten.“

— Wahrlich, Lodoiska, erwiederte Werner lächelnd, da könnten Sie lange warten, ehe das Urtheil, wovon Sie sprechen, in Vollziehung gesetzt wird. Glauben Sie mir, das Beste für Sie ist, wenn Sie in Ihr Vaterland zurückkehren, und dort ruhig bei Ihrer Familie bleiben. Sein Sie überzeugt, daß der Oberst nicht anstehen wird, Ihnen ruhige und sorgenlose Zukunft durch ein anständiges Jahrgehalt zu sichern. —

„Das steht nicht mehr in seiner Macht, antwortete die Fremde in einem noch feierlichern Tone als bisher; ich habe keine Familie mehr, die ganze Erde ist mein Vaterland, und was die Vortheile betrifft, die du mir in Alfred’s Namen versprichst, so bedarf ich ihrer nicht. Das Geld ist in meinen Augen verächtlich, und ich besitze es im Ueberfluß. Wenn du dich anheischig machen willst, deinem Herrn meine Gegenwart hierselbst nicht zu melden, so verspreche ich dir mehr Reichthümer, als du dir wünschen kannst. Hier, fuhr sie fort, eine sehr große gefüllte Geldbörse hervorziehend, nimm dieß auf Abschlag dessen, was du noch in Zukunft von mir erhalten sollst.“

Die seltsamen Worte Lodoiska’s machten das Erstaunen des alten Soldaten vollkommen. Er wußte, daß sie, die Tochter eines moldauischen Bauers, nicht reich war, und jetzt gab sie ihm den Beweis des Gegentheils. Dieß trug aber nicht zu seiner Beruhigung bei, doch durfte die Fremde sich nicht schmeicheln, ihn zu verführen.

„Auch ich, Lodoiska, sagte Werner, bin über meine Bedürfnisse erhaben, und ich danke Ihnen für Ihr großmüthiges Anerbieten; es könnte mich nicht reizen, wenn ich auch die Absicht hätte, dem Obersten zu schreiben, daß Sie hier sind.“

— Lügner! antwortete Lodoiska lebhaft, du hast sie, diese Absicht, und du hast schon versucht, sie auszuführen. —

Diese zuversichtliche Behauptung, die ihm zugefügte Beleidigung, die eine männliche Person mit ihrem Blute würde haben bezahlen müssen, versetzte den erstaunten Werner fast in einen Zustand des Erstarrens. Er wußte nicht, ob er seinem Zorn den Lauf lassen, oder ihn zu unterdrücken suchen sollte; doch riß ihn die Heftigkeit seines Charakters mit fort, und er rief voller Unwillen:

„Danken Sie es Ihrer weiblichen Kleidung, die Sie vor meiner augenblicklichen Rache schützt! Aber was für einen Titel verdienen Sie, unvorsichtiges Weib, da Sie nicht fürchten, sich heimlich in fremde Häuser einzuschleichen, und die Handlungen ihrer Bewohner zu belauschen? Sie stehen früh genug auf, wie es scheint; aber sein Sie überzeugt, Sie sollen so bald nicht wieder, ohne mein Wissen, ins Schloß eindringen.“

Ein Lächeln, dessen Bedeutung unbegreiflich schien, war Lodoiska’s ganze Antwort. Dann aber nahm sie eine Miene von Würde an, und sagte:

„Bedenke, Werner, daß du thätigen Antheil an meinem Unglück genommen hast; ich warne dich jetzt, nicht blind in den Abgrund des Verderbens zu rennen. Glaube mir, es wird am besten für dich sein, unparteiisch bei dem Kampfe zu bleiben, der sich bald erheben kann; dieß ist das einzige Mittel für dich, dem nahen Ungewitter zu entgehen.“