Bei diesen Worten sprühten ihre Augen gleichsam Feuer, und nach einer fürchterlich drohenden Geberde entfernte sie sich mit schnellen Schritten auf einen schmalen Fußsteig, der sie bald den Blicken entzog. Sie hörte nicht auf die Stimmen der beiden Kinder, die, ihrer Spiele müde, sich jetzt näherten, um mit ihr zu plaudern. Werner stand wie unbeweglich da, und war in tiefes Nachdenken über die Unglücksfälle versunken, die er schon mit Gewißheit vorhersah. Endlich weckte ihn Wilhelm aus seiner Träumerei.
„Hörst du den Donner nicht, Werner, der dort aus der schwarzen Wolke herüberrollt? Sieh doch, welche schöne Blitze! Es wird gewiß ein Gewitter geben.“
— Ein Gewitter! rief Werner aus. Sollte ihre Prophezeihung schon so schnell in Erfüllung gehen? — Er erblickte nun ebenfalls die heranziehenden schwarzen Wolken, aus denen häufige Blitze fuhren, und da die Vorsicht nicht erlaubte, den Spaziergang noch weiter fortzusetzen, so nahm er seine beiden jungen Freunde an die Hand, und kehrte auf dem kürzesten Wege nach dem Schlosse zurück.
Fünftes Kapitel.
Helene, die aus ihrem Fenster das Gewitter hatte herannahen sehen, war schon in großer Unruhe über die verzögerte Rückkehr ihrer Kinder gewesen, und voller Ungeduld verließ sie daher das Schloß, um ihnen entgegenzugehen. Sie war noch nicht weit gekommen, als sie schon das laute Gelächter der kleinen, muthwilligen Julie hörte, und bald darauf sahe sie die theuern Wesen auf sich zu laufen. Die Kinder sprachen von nichts, als von der schönen Dame, und von den Geschenken, die sie ihnen gemacht hatte. Helene war Mutter, und faßte daher schon ein günstiges Vorurtheil für diejenige, welche ihren theuern Kindern eine solche Freude machte; sie erkundigte sich, was die Fremde gesagt habe?
„O dießmal, antwortete das kleine Mädchen, hat sie nicht lange mit uns geplaudert, sondern beständig mit Werner gesprochen, den sie zuletzt voll Zorn verließ.“
Diese wenigen Worte des Kindes stürzten alle Pläne über den Haufen, die der Unteroffizier schon unterweges gemacht hatte. Er sahe sogleich ein, daß er Julien nicht widersprechen könne, weil die Oberstin ihm doch nicht Glauben beimessen würde; ein Entschluß mußte aber gefaßt werden, und ungeachtet seines Widerwillens gegen die Lüge wartete er nicht ab, bis Helene ihn fragte, sondern, nachdem Letztere die Kinder durch einen Wink entfernt hatte, sagte er:
„Ich hatte vollkommen Recht, Frau Oberstin, der Unbekannten nicht zu trauen. Glauben Sie mir, daß sie ihren Aufenthalt nicht ohne gefährliche Absichten hier in R.... gewählt hat. Eine ganze Stunde lang hat sie mich mit Fragen über Ihre Familie und alle unsere Nachbarn gleichsam auf die Folter gespannt. Sie wollte Alles wissen, das Alter, den Rang, die Beschäftigung eines Jeden, und sie wurde gar nicht müde in ihren Versuchen, mich auszuforschen. Anfangs suchte ich ihren unverschämten Fragen mit Höflichkeit auszuweichen, aber sie hielt sich noch nicht für besiegt, und kehrte zum Angriff zurück. Eine Frage folgte auf die andere, gleichsam wie ein ununterbrochenes Heckfeuer, so daß ich endlich der Sache überdrüssig wurde. Ich nahm meine Truppen zusammen, und rückte ihr mit gefälltem Bajonet auf den Leib, so daß ich ihr eine völlige Niederlage beibrachte. Mein Widerstand setzte sie in solche Bestürzung, daß sie in höchst übler Laune ihren Rückzug antrat.“
Diese mit militärischen Ausdrücken untermischte Rede zwang der Oberstin ein Lächeln ab. Die Fragen der Fremden schienen ihr nicht so unverschämt, als Werner sie darstellte; sie hielt es für natürlich, daß sie sich nach den Familien der Gegend erkundigte, wo sie sich niedergelassen hatte.
„Ich hoffe, mein lieber Werner, daß deine Antworten nicht beleidigend gewesen sind; man muß Achtung vor den Damen haben, und vorzüglich darf ein Soldat dieselbe nicht aus den Augen setzen.“