— Das ist recht gut für unsere Herren Offiziere, erwiederte Werner; aber wir, da wir nicht ihre Vorrechte genießen, brauchen auch nicht ihre Höflichkeiten nachzuahmen. —

Mit diesen Worten, die er absichtlich etwas hart aussprach, entfernte sich der alte Soldat, und Helene kehrte nun zu ihren Kindern zurück, während das Gewitter immer näher kam, und der Regen schon in großen Strömen niederfiel. Helene fürchtete nicht das Rollen des Donners, so wenig als ihre Kinder; aber Lisette und Marie waren in der größten Angst. Sie eilten zu ihrer Gebieterin, gleichsam um bei ihr Schutz zu suchen, den sie ihnen auch nicht verweigerte. Da Werner unterdessen ungestört sein konnte, so begab er sich auf sein Zimmer, und ungeachtet eines unwillkührlichen Schauders, der sich zu wiederholten Malen in seinem Innern erhob, setzte er sich, um zum zweiten Male an seinen Herrn zu schreiben.

Das Gewitter wurde immer heftiger, und die Winde kämpften fürchterlich mit einander, so daß sie in ihrer Wuth das Schloß in seinen Grundfesten zu erschüttern drohten. Unter das Rollen des Donners und das Heulen des Sturmes hörte Werner von Zeit zu Zeit sich gleichsam klagende Stimmen mischen; ja er hörte Worte, deren Ton seinem Ohr nicht unbekannt war. Mehrere Male hörte er unwillkührlich auf zu schreiben; dann aber, voll Scham über seine Schwäche, sammelte er seine Gedanken wieder, und zur Stunde des Abendessens war sein Brief an den Obersten fertig.

Da er sein Schreiben nicht abermals den Versuchen Lodoiska’s aussetzen wollte, schloß er dasselbe in einen Kasten ein, und setzte diesen in seinen Kleiderschrank. Von beiden steckte er die Schlüssel zu sich, und verließ dann ruhig sein Zimmer, überzeugt, daß sein Geheimniß nun in Sicherheit sei. Das Ungewitter tobte immer noch fort, und Lisette so wie Marie waren bereits fast todt vor Schrecken. Die Kinder, des Wartens auf das Abendessen müde, schliefen auf einem Sopha, und Helene las in einem guten Buche. Werners Eintritt in’s Zimmer belebte die beiden Mädchen wieder, die sich nun entschlossen, jede zu ihren Verrichtungen zu gehen, und das verspätete Abendessen wurde endlich aufgetragen.

Erst gegen Mitternacht ward der Himmel wieder heiter, und nach und nach kehrte die Natur zur Ruhe zurück. Werner hatte dem Unwetter heimlich mit Vergnügen zugesehen, denn er wußte, daß es mehrere Tage lang unmöglich blieb, spazieren zu gehen, wenn Regen gefallen war; und er hoffte, daß während dieser Zeit irgend ein Umstand eintreten möchte, wodurch die neue Bekanntschaft der Kinder seines Herrn mit Lodoiska aufgehoben würde; ja, er schmeichelte sich, daß die Antwort des Obersten auf seinen Brief dem ganzen Leben der Familie eine andere Richtung geben könnte.

Mit diesen Gedanken beschäftigt, die ihm keine Ruhe ließen, schlief der brave Soldat nur wenig. Der neue Tag war noch nicht angebrochen, so befand er sich schon auf den Beinen. Er nahm seine Schlüssel und öffnete den Schrank und den Kasten, um den Brief herauszunehmen, den er ohne Verzug nach Prag auf die Post senden wollte. Er fand ihn nach dem Gefühl, und steckte ihn in seine Tasche, ohne ihn zu sehen, da es noch dunkel war; hierauf ging er hinunter in den Hof, um den Knecht zu rufen, der ihm als Bote dienen sollte.

Ehe er ihn fand, verging einige Zeit, und die heraufsteigende Morgenröthe erhellte bereits die Erde rings umher, als er dem alten Peter anempfahl, sich sogleich nach der Stadt auf den Weg zu machen, um einen höchst eiligen Brief auf die Post zu bringen. Während er mit ihm sprach, zog er den Brief aus der Tasche, und warf noch zufällig einen Blick darauf, ehe er ihn übergab. O welche Ueberraschung ohne Gleichen! Das Papier war mit großen Blutstropfen befleckt, so daß es nicht einmal möglich war, die Aufschrift zu lesen! —

Dieser außerordentliche Umstand preßte dem erstaunten Soldaten unwillkührlich einen Schrei aus. Kaum konnte er seinen Augen trauen; unbeweglich stand er da, den Brief zwischen den Fingern hin- und herdrehend, ohne noch immer zu begreifen, was er vor sich sehe. Dann kehrte er schnell seine Tasche um, aber sie war völlig rein, und am Wenigsten konnte man eine Spur von Blut darin entdecken. Hierauf eilte er in’s Schloß zurück auf sein Zimmer, und untersuchte den Kasten, in welchem der Brief gelegen hatte; aber auch hier fand sich keine Spur von der Ursache, die das Papier beschmutzt haben konnte. Der muthige Werner starrte vor Schrecken; doch erholte er sich bald, und ohne Zeitverlust schrieb er nun den Brief zum dritten Male. Zwar kürzte er ihn ab, aber sein Inhalt war desto dringender, und sobald er fertig war, übergab er ihn dem Boten, den er zur größeren Sicherheit noch eine gute Strecke weit begleitete. —

Werner besaß Muth, aber dennoch konnte er sich jetzt einer gewissen abergläubischen Furcht nicht erwehren. Mit der größten Unruhe erinnerte er sich an die Erzählungen, die er in Rußland und vorzüglich in der Moldau und Wallachei gehört hatte, als er sich daselbst mit seinem Regiment befand; an die Sagen von Menschen, die ihre Seele dem Teufel verkauft hätten, und dadurch eine übernatürliche Macht zum Schaden ihrer Mitmenschen erlangten. Alle jene Mährchen fielen ihm jetzt wieder ein, und die beiden so eben erst erlebten Ereignisse verleiteten ihn sogar zu dem Glauben, daß wohl Lodoiska durch ein ähnliches Bündniß sich eben solche Macht verschafft haben könnte. Doch verwarf er bald diese Gedanken wieder. „Was für ein Thor ich bin, sagte er zu sich selbst, an solche Fabeln zu glauben. In der Moldau und Wallachei mag dergleichen hingehen, es wohnen dort nur Barbaren; aber in Deutschland hat der Teufel schon lange sein Recht verloren, oder es bloß den Taschenspielern überlassen; diese arbeiten bei uns noch allein für ihn, und vielleicht ist Mamsell Lodoiska eine solche geschickte Taschenspielerin. Aber sie mag sich in Acht nehmen; denn sie würde übel wegkommen, wenn ich sie einmal auf der That ertappe.“

Nachdem er hierauf einer Flasche mit altem guten Rum, die auf seinem Tische stand, einen Besuch abgestattet hatte, vergrößerte sich noch sein Muth, und er nahm sich vor, von nun an seine Wachsamkeit noch zu verdoppeln, um zu entdecken, durch welche Mittel sich Lodoiska’s Wirksamkeit bis in’s Schloß erstrecken könnte. In der Hoffnung, recht bald vom Obersten Antwort zu erhalten, ging er dann an seine gewöhnlichen Geschäfte.