Die Einsamkeit, in welcher die Familie Lobenthal im Schlosse R.... lebte, ging indessen nicht so weit, daß sie nicht von Zeit zu Zeit durch einige Besuche unterbrochen worden wäre, welche die auf den umliegenden Gütern wohnenden Herrschaften im Schlosse abstatteten. Sie wurden stets mit großer Höflichkeit und Gastfreundschaft empfangen, und Helene sahe sie sogar mit Vergnügen, besonders seitdem ihr Gatte abwesend war; denn sie bedurfte jetzt mehr Zerstreuung als früher, und fand sie in dem Umgange mit den Nachbarn. Daher fiel es auch im Geringsten nicht auf, als noch an demselben Tage, Nachmittags um zwei Uhr, ein alter Edelmann aus der Nachbarschaft im Schlosse eintraf, der früher Oberjägermeister gewesen war, jetzt aber ruhig sein Feld bauen ließ.

Herr von Krauthof war ein großer Esser, ein erprobter Trinker, der seine ganze Zeit beinahe mit Besuchen hinbrachte, und dabei weder die Schlösser der Herrschaften, noch die Häuser der Pächter verschmähte. Seine Hauptstärke bestand darin, daß er Stunden lang nichts als Komplimente herzusagen wußte; und nachdem er dieses wichtige Geschäft auch heute beim Eintritt in’s Zimmer Helenens beendigt hatte, kam er endlich auf einen Gegenstand, der uns hier näher angeht. —

„Nun, Frau Oberstin, fuhr er im Flusse seiner Rede fort, Sie haben ja eine liebenswürdige Nachbarin bekommen. Ich sage: liebenswürdig, obgleich ich nicht recht weiß, warum; denn mich hat sie mit einer verzweifelten Strenge behandelt. Erst am vergangenen Dienstag erfuhr ich, daß sich hier in der Gegend eine fremde Dame niedergelassen habe, deren Schönheit allgemein gelobt wird; ich hielt es daher für Pflicht, und um ihr eine gute Vorstellung von unsern hiesigen Herren beizubringen, ihr sogleich einen Besuch abzustatten. Gestern also begab ich mich nach dem Häuschen im Walde, meinen Regenschirm unter dem Arme, weil man jetzt nicht mehr dem Wetter, so wenig als den Menschen, trauen kann. Als ich anlangte, war die Hausthür verschlossen. Ich fand dieß ganz in der Ordnung, weil ein Jeder in seinem Hause Herr sein will; ich klopfte daher an, und man öffnete. Schon war ich im Begriff einzutreten, als ich plötzlich ein wahres Gespenst vor mir sahe, das mir den Weg versperrte. Stellen Sie sich den größten und zugleich den magersten aller Menschen vor: ein Gesicht wie ein Jesuit, Augen wie eine Eule, und eine Miene, als wenn es eher ein Bewohner jener als dieser Welt gewesen wäre; eine rauhe und hohle Stimme, eine Manier wie ein Holzblock und einen völlig verpesteten Athem.“

— Was wollen Sie hier? fragte er mich, ohne weiter irgend eine Höflichkeitsformel hinzuzusetzen. —

„Diese unartige Frage überraschte mich zwar ein wenig, da sich aber ein Edelmann aus altem Geschlechte so leicht nicht in Verlegenheit setzen läßt, so antwortete ich ihm: Ich bin ein Edelmann aus der Nachbarschaft, der deiner Herrschaft seine Hochachtung bezeigen, und also bei ihr vorgelassen werden will. — Nach dieser artigen Rede hatte ich einiges Recht zu glauben, daß ich sogleich Zutritt bei der Dame erhalten würde; aber ich irrte mich sehr, wie Sie sogleich hören werden. Denn dieser neue Cerberus nahm auf meine Höflichkeit gar keine Rücksicht.“

— Ich kann Sie nicht einlassen, antwortete er mir, denn meine Herrschaft ist stets mit Geschäften überhäuft, und hat keine Zeit, Besuche anzunehmen. Sie ist nicht hier hergekommen, um Gesellschaft zu suchen, und Sie würden auch zum zweiten Male vergebens hierherkommen. —

„So sprach der grobe Mensch, und ohne meine Antwort abzuwarten, trat er einen Schritt zurück, und schlug mir mit heftigem Geräusch die Thür vor der Nase zu. Ich würde nicht im Stande sein, Ihnen meinen Aerger hierüber der Wahrheit gemäß zu schildern; allein ich entfernte mich sogleich voller Verachtung von diesem ungastfreundlichen Hause, mit dem festen Vorsatze, alle meine Nachbarn vor einem gleichen Schicksale zu warnen, wenn sie es sich vielleicht einfallen lassen wollten, den hergebrachten Formen der Höflichkeit nachzukommen.“

Diese Erzählung belustigte Helenen sehr; sie nahm sich indessen vor, sich nicht einer ähnlichen Aufnahme auszusetzen, so groß auch ihr Wunsch war, die geheimnißvolle Fremde kennen zu lernen. Sie hoffte, ihr auf einem Spaziergange mit ihren Kindern zu begegnen; für jetzt tadelte sie aber hart die Unhöflichkeit des Bedienten, indem sie die Bemerkung machte, daß der Herr von Krauthof ihm ohne Zweifel völlig unbekannt sein müsse; denn, setzte sie hinzu, hätte er gewußt, mit wem er die Ehre gehabt, zu sprechen, so würde er gewiß einer solchen Grobheit sich nicht schuldig gemacht haben.

Der ehemalige Ober-Jägermeister ward durch ein solches aus einem so schönen Munde hervorgegangenes Kompliment wegen seines Mißgeschicks beinahe völlig getröstet, und um es desto besser zu vergessen, eilte er, eine andere Unterhaltung auf die Bahn zu bringen. Er fing an, von Politik zu sprechen. Helene wußte, daß man über dieses Kapitel dem Strome seiner Rede freien Lauf lassen mußte, und daß er ganz entzückt diejenigen Häuser verließ, wo man ihn, ohne ihn zu unterbrechen, anhörte. Auch sprach er heute so ganz nach Herzenslust, der gute Mann! Er errieth Alles, alle Geheimnisse der Höfe lagen offen vor ihm; er setzte Minister ab, und schuf neue; er sagte den Gang der politischen Angelegenheiten vorher, kurz, er spielte eine ganze Stunde lang den Gesetzgeber von ganz Europa. Helene hörte ihm mit einem Anschein von Theilnahme zu, die ihn ganz bezauberte, und voller Zufriedenheit verließ er das Schloß, um einen benachbarten Grafen zu besuchen, wo er im Lobe der Oberstin unerschöpflich war.

„Alles recht gut! entgegnete man ihm; aber aus welcher Familie stammt sie her? — Sie und ihr Mann, mein Bester, sind Emporkömmlinge, bleiben aber immer nur ehrliche Bürgersleute, was doch wahrhaftig nicht viel ist!“ —