Sechstes Kapitel.

Mehrere Tage lang blieben die Wege in der Umgegend des Schlosses, in Folge des gefallenen Regens, so naß und schlüpfrig, daß dadurch die Spaziergänge der Kinder des Obersten verhindert wurden, womit Werner äußerst zufrieden war. Die Kleinen vergaßen bald ihre neue schöne Freundin; aber nicht so war es mit Helenen, welche die Unbekannte schlechterdings sehen wollte. Mit Ungeduld erwartete sie den Augenblick, wo der Erdboden wieder so trocken sein würde, daß die Spaziergänge wieder ihren Anfang nehmen könnten. Am nächsten Mittwoch ward endlich ihr Wunsch erfüllt; die Sonne hatte die Feuchtigkeit getrocknet, und der Tag war außerordentlich schön. Da Werner Geschäfte halber nicht im Schlosse war, so benutzte Helene diesen, Umstand, und ging mit Wilhelm und Julien nach der kleinen Wiese im Thale hinab. —

Je näher Helene ihrem Ziele kam, desto Mehr fühlte sie ihr Herz von einer ganz sonderbaren Empfindung beklommen, deren Ursache ihr unerklärlich war. Es schien ihr, als wenn ihre Brust von einer ungeheuren Last eingeengt würde; kaum konnte sie noch Athem holen, und ein allgemeines Mißbehagen durchschauderte ihren ganzen Körper. In Folge dieser physischen Ermattung erschlaffte auch ihr Geist, und sie verfiel in eine schwermüthige Stimmung, die sie vergebens von sich zu bannen suchte. Die laute Freude ihrer Kinder war heute nicht im Stande, auch sie fröhlicher zu stimmen, und zwei Mal fühlte sie in ihrem Auge eine Thräne, die doch in keinem gegründeten Kummer ihre Ursache hatte.

Als sie endlich auf der Wiese angekommen war, setzte sie sich am Fuße einer schönen Linde, wo eine natürliche Rasenbank sie zur Ruhe einladete, nieder, und indem sie ihr Strickzeug aus dem Arbeitskörbchen nahm, gab sie den beiden Kleinen das Zeichen, daß sie nun die Freiheit hätten, ihre Spiele anzufangen. Dieß ließen sie sich auch nicht zwei Mal bedeuten, und lustig sprangen sie auf dem weichen Grase umher, als plötzlich, nach Verlauf von ungefähr einer Viertelstunde, die Silbertöne einer melodischen Harfe erschallten.

Ueberrascht gab Helene ihren Kindern ein Zeichen, still zu sein, und sich neben ihr in’s Gras zu setzen. Begierig lauschte sie auf die seltsamen Töne, die der verborgene Virtuos seinem Instrument entlockte: anfangs war es nur ein langsames, feierliches Vorspiel, dem aber bald ein feuriges und heftiges Ritornell folgte, und eine sanfte weibliche Stimme begleitete das Spiel mit ihrem Gesange.

Schon bei den ersten Tönen dieser Stimme fühlte Helene ein unwillkührliches Beben. Die Sprache, in welcher die Arie gesungen ward, war ihr völlig unbekannt, aber obgleich sie die Worte nicht verstand, so machte doch die Musik einen so außerordentlichen und sonderbaren Eindruck auf sie, daß sie sich selbst nicht von der dadurch in ihr hervorgebrachten Stimmung Rechenschaft zu geben im Stande war. Endlich schwieg die Stimme und das Instrument; Helene konnte nicht zweifeln, daß es die Unbekannte sei, die sich jetzt in ihrer Nähe befinde, und sie dachte darüber nach, auf welche Art sie am besten zu ihr gelangen möchte; da fiel ihr aber plötzlich ein Mittel ein. Sie gab ihren Kindern die Erlaubniß, sich wieder entfernen zu dürfen, und diese, welche längst die Stimme ihrer Freundin erkannt hatten, eilten ohne Verzug nach dem Orte hin, wo die Töne hergekommen waren. Sie fanden sie im nahen Gebüsch auf einem Baumstamme sitzend, und eine Harfe in der Hand, die sie eben wieder zu spielen angefangen hatte, obgleich sie über dem einen ihrer Arme immer noch den Handschuh trug.

Sie schien sich über den Anblick der Kinder zu freuen, und rief ihren Bedienten, der sich in einiger Entfernung von ihr niedergesetzt hatte. Nachdem sie ihm die Harfe übergeben, fragte sie ihren Liebling, die kleine Julie, was für ein Spiel sie spielen wolle? Das pfiffige Kind hatte die Absicht, die Fremde ihrer Mutter zuzuführen, hütete sich aber wohl, ihr zu sagen, daß dieselbe ganz in ihrer Nähe sei; sie antwortete daher: daß sie gern springen und laufen möchte, und setzte hinzu, ihre Freundin könne sie gewiß nicht einholen, wenn sie ihr einen Vorsprung von einigen Schritten geben wollte.

Lodoiska nahm den Vorschlag an. Julie läuft voraus, und wird auf das Lebhafteste verfolgt; aber sie richtet ihren Lauf nach dem Orte, wo sich ihre Mutter befindet, die von dieser Seite her, des Gebüsches wegen, nicht gesehen werden kann; plötzlich eilt das kleine Mädchen in die Arme ihrer Mutter, und überrascht bleibt Lodoiska, fast unbeweglich, vor derselben stehen. Letztere, voller Freude über diesen günstigen Zufall, erhob sich sogleich von ihrem Sitze und ging der Fremden einige Schritte entgegen, während sie dieselbe mit forschendem Blicke betrachtete.

Lodoiska hatte den schönsten Wuchs, und ihre äußerst angenehme, verführerische Gestalt besaß nur gerade die nöthige Ueppigkeit, um ihre Schönheit zu erhöhen. Ihr Gesicht war vollkommen länglich rund; ihr Mund klein, ihre Nase griechisch, ihre Augen groß; über ihrer offenen Stirn erhob sich ein prächtiger, reicher Haarwuchs, und einige ihrer rabenschwarzen Locken fielen auf die alabasterweißen Schultern hinab. Kurz, Lodoiska war sehr schön, und dennoch waren es nicht ihre Reize allein, die den größten Eindruck auf den Beschauer machten; sie hatte in dem Ganzen ihrer Züge etwas Unbegreifliches und Unbeschreibliches, was man nicht müde werden konnte, zu betrachten, ohne jedoch jemals mit sich selbst einig zu werden, ob es Vergnügen sei, was dadurch hervorgebracht würde, oder ein ganz seltsames Gefühl der Furcht. Die Weiße ihrer Haut war außerordentlich, durch ein lebhaftes Roth in ihren Gesichtszügen verschönert; aber dennoch bemerkte man in dieser Mischung eine erdfarbene, gelbgraue Schattirung, die öfters die Harmonie des Ganzen störte. Die Frische ihrer Lippen konnte nur mit der Farbe der ersten hervorbrechenden Rosenknospe verglichen werden; aber gewisse krampfhafte Bewegungen in den Gesichtsmuskeln, ein Lächeln, das nahe an Bosheit grenzte, verdarben den Eindruck der Bewunderung, und verriethen, daß das Herz der Fremden nicht ruhig sein könne, und daß sie, ungeachtet aller Anstrengung, nicht im Stande sei, die Heftigkeit ihrer Leidenschaft zu zähmen. Wenn man nun gar ihre Augen betrachtete, was sollte man dann von ihr denken! welcher Ausdrücke sollte man sich bedienen, um die sonderbare Mischung zu schildern, welche in ihren Blicken eine himmlische Sanftmuth und eine furchtbare Lebendigkeit hervorbrachten? Bald glüheten ihre Augen von verzehrendem Feuer, bald waren sie düster, ausdruckslos und völlig unbeweglich, was eine schauerliche Empfindung hervorbrachte. Sie stellten zugleich das Leben und den Tod dar, und dennoch bemerkte man keine vollkommene Abgestorbenheit, sondern nur eine beispiellose Mischung von beiden, eine Vereinigung dieser beiden äußersten Extreme. Ein weißes Kleid, mit schwarzen Bändern besetzt, und nach einem in Deutschland unbekannten Schnitte, so wie ein schwarzer wollener Shawl, machten ihren ganzen Putz aus.

Da Helene, nach einem schnellen Ueberblick dieses ganzen Wesens der Fremden, wobei sie in der eben beschriebenen Ungewißheit blieb, sahe, daß die Unbekannte unbeweglich stand, und nicht einmal den Mund zum Sprechen öffnete, so hielt sie es für schicklich, die Unterhaltung durch Danksagungen für die Güte anzufangen, womit sie zu den Vergnügungen ihrer Kinder beigetragen habe.