Kaum hörte Lodoiska diese Worte, so überflog ihr Gesicht eine leichte Röthe, ihre Augen wurden lebendiger, und sie öffnete den niedlichen, kleinen Mund zum Sprechen.

„Ich habe also die Ehre, die Frau Oberstin Lobenthal vor mir zu sehen? Sie werden mir verzeihen, daß ich Ihnen meinen Besuch nicht abgestattet habe; aber ich suchte hier die ungestörteste Einsamkeit, und kam nur in diese Gegend, um einen Plan auszuführen, dessen Wichtigkeit allein mich dem Grabe entreißen konnte. Ich werde mich hier nur kurze Zeit aufhalten, und kaum im Stande sein, meine Pflichten zu erfüllen, so genau sind meine Stunden gezählt; ich habe daher nur wenige zu meiner Erholung übrig.“

— Ich bedaure es sehr, antwortete Helene, daß ich Ihre Gesellschaft nicht genießen soll, die mir ohne Zweifel sehr angenehm sein würde. —

„Glauben Sie es nicht, rief Lodoiska, gleichsam wider ihren Willen von einer innern Bewegung mit fortgerissen; wünschen Sie meine Gesellschaft nicht, sie führt die Verzweiflung, die bittersten Thränen und den Tod mit sich.“

Ein Blick, den jetzt Helene auf die Kleidung der Unbekannten warf, gab ihr die Auflösung dieser Art von Räthsel. Sie zweifelte nicht, daß der Tod der Dame einige Lieben entrissen hätte, und daß ihre Antwort daher nur auf ihren Kummer hindeutete; sie erwiederte also, daß man nicht hoffen dürfe, in der Einsamkeit seine Betrübniß zu lindern, sondern vielmehr in der Gesellschaft guter Menschen Trost suchen müsse.

„Sie irren sich, entgegnete die Fremde; es giebt einen Zeitpunkt im Leben, nach dessen Verlauf sich eine unübersteigliche Scheidewand aufthürmt, und wo das Schicksal unwiderruflich ist. Ich habe keine Linderung meiner Qualen mehr zu hoffen, und meine Zukunft ist unveränderlich wie die Ewigkeit, von welcher sie ein Theil ist.“

Diese außerordentliche Rede bestärkte Helenen noch mehr in ihrer Meinung, daß die junge Dame sehr heftigen Kummer haben müsse, der wohl gar ihren Verstand zerrüttet haben könne. Sie fühlte daher Mitleid mit ihr, und um sie zutraulicher zu machen, wollte sie ihr die Hand reichen. Da trat Lodoiska schnell einen Schritt zurück.

„Was wollen Sie? sagte sie mit der größten Heftigkeit. Schwache Sterbliche! Eilen Sie Ihrem Schicksale nicht im Voraus entgegen! Wissen Sie, daß Sie dem Tode verfallen sind, sobald Sie mich berühren?“

Jetzt zweifelte Helene nicht mehr an der Verstandeszerrüttung der Fremden, und um sie zu zerstreuen, suchte sie das Gespräch auf einen andern Gegenstand zu bringen.

„Wenn Ihnen die Gesellschaft erwachsener Personen so unangenehm ist, sagte sie, so scheinen doch wenigstens diese Kinder Gnade vor Ihnen gefunden zu haben.“