— Gnade vor mir gefunden, sagen Sie? antwortete Lodoiska mit hohler Stimme. Welche Gnade? Ich rathe Ihnen nicht, sich damit zu rühmen; es ist vielmehr nur eine Frist, wie sie der Henker seinem Schlachtopfer gewährt, indem er die Werkzeuge zu dessen Marter in Bereitschaft setzt. —
Diese Worte waren so schauerlich, daß Helene voller Furcht eine Bewegung machte, gleichsam um die Kinder zu entfernen. Jetzt schwebte aber ein Lächeln voller Unschuld auf Lodoiska’s Lippen, und ihre Augen nahmen einen sanften Ausdruck an.
„O, verzeihen Sie, Frau Oberstin, sagte sie, daß ich Ihnen einen solchen Schrecken verursachte; aber es giebt Augenblicke, wo ich ganz nur der Vergangenheit und der Zukunft angehöre, wo ich der Gegenwart entrückt bin. Wider meinen Willen entschlüpfen dann unsinnige Reden meinen Lippen, und mein Herz kann die einzige Empfindung, die ihm noch zurückgeblieben ist, nicht bezähmen.“
— Ich werde stets den Schmerz ehren, der Sie peinigt, und mich mit dem Wunsche begnügen, daß er bald ganz verschwinden möchte. Wenn der Anblick meiner Kinder Ihnen lästig ist, so will ich es denselben verbieten, sich Ihnen wieder zu nähern. —
„O, glauben Sie mir, hüten Sie sie wohl, diese Kinder, worauf Sie stolz sind; eine grausame Krankheit, ein verzehrendes Gift, oder, weiß ich es? tausend andere Ursachen können sie Ihnen entreißen; wachen Sie daher über sie, und lassen Sie sie nicht aus den Augen. Sie sind noch so jung und schwach, daß sie Ihnen bald die bittersten Thränen verursachen könnten.“
Bei diesen Worten verdunkelten sich ihre Augen abermals zu einem unbeschreiblichen Wahnsinn; ihr Mund verzog sich fürchterlich, ihr Gesicht entfärbte sich, und Helene sahe in ihr mehr einen entstellten Leichnam, als ein lebendiges menschliches Wesen. Gern hätte die Letztere eine so peinliche Szene abgebrochen, aber ihr Mitleid hielt sie noch zurück, weil sie fürchtete, sie in solchem Zustande allein sich selbst zu überlassen, und sie für völlig wahnsinnig hielt.
„Mein Gott! sagte sie; Ihnen ist unwohl, und Sie werden in diesem Zustande Ihren Spaziergang nicht fortsetzen können. Wollen Sie mir erlauben, Sie nach Ihrer Wohnung zu begleiten?“
— Ich, krank sein? O nein, enttäuschen Sie sich! Ich weiß nicht mehr, was krank sein heißt; denn ich befinde mich jetzt in meinem gewöhnlichen Zustande. Ihnen erscheint er ohne Zweifel als unangenehm, und ich weiß nicht, ob er mir selbst gefällt oder nicht; aber Sie ängstigen sich darüber, und wir wollen ihn daher zu vergessen suchen. Wohlan! wovon wollen wir sprechen? Ich wurde zwar nicht in einem Stande geboren, wo es gewöhnlich ist, sich besondere Kenntnisse zu erwerben; aber jetzt befinde ich mich an der Quelle alles Wissens; vor meinen Augen ist der Vorhang der menschlichen Unwissenheit gefallen, und ich könnte Ihnen erklären, was die Menschen nicht begreifen. —
Diese Rede hielt die Oberstin für einen Beweis ihres zerrütteten Verstandes, und sie suchte daher die Gedanken der Fremden auf andere Gegenstände zu leiten, was ihr auch allmählich gelang. Lodoiska schien wieder zu sich selbst zu kommen, und sprach bald über alltägliche Dinge, wobei sie einen großen Umfang des Wissens verrieth, obgleich in ihrem Betragen etwas Rohes und Wildes war, das einen Beweis ihrer wenig sorgfältigen Erziehung gab. Indessen entschlüpfte ihr auch keine Silbe, wodurch ihr Herkommen verrathen worden wäre, und man hörte nur an ihrer Aussprache, daß sie nicht in Deutschland geboren sei. Helene vermuthete, daß sie das Opfer einer heftigen unglücklichen Liebe geworden, und in Folge dessen ihren Verstand verloren habe; daher sie es auch ganz natürlich fand, daß der Greis, dessen Obhut sie ohne Zweifel übergeben war, sie in der größten Eingezogenheit hielt.
Das Gespräch kam auch auf die Musik. Die Oberstin, welche selbst sehr gut die Harfe spielte, machte der Unbekannten wohlverdiente Lobeserhebungen über das, was sie von ihr gehört hatte. Lodoiska wies dieses Lob mit Bescheidenheit von sich, aber es lag dabei in ihrem Wesen eine unbeschreibliche Gleichgültigkeit. Sie sprach von ihrer Fertigkeit im Spiel und Gesang, wie von der eines ganz fremden Menschen, und nichts setzte sie in Bewunderung oder schien ihr nur im Geringsten am Herzen zu liegen; sie zeigte so wenig Theilnahme an Allem, was die Menschen reizt oder nur beschäftigt, daß man sich unangenehm berührt fühlte, und es war nicht etwa Egoismus, sondern eine solche Kälte, ein solcher Ueberdruß an allen Dingen, daß man sie deßhalb beklagen mußte. Ist dieß ein Frauenzimmer oder nur eine Bildsäule? sagte Helene zu sich selbst. Hängt sie nur durch den Schmerz noch mit dem Menschlichen zusammen? — Da die Sonne hinter den Bergen gänzlich verschwunden war, und die Abenddämmerung schon einbrach, so kamen die Kinder herbei, und ihrer Spiele müde, an denen man keinen Theil nahm, baten sie, nach dem Schlosse zurückgeführt zu werden.