„Ja, sagte Lodoiska, es ist Zeit nach Hause zu gehen, und Alles, was körperlich ist, wird sich bald zur Ruhe begeben; dann ist der Raum der Welt nur mit den höhern Geistern bevölkert. Leben Sie wohl, Frau Oberstin; ich wünschte, Ihnen nie begegnet zu sein, und unser Zusammentreffen wird mir noch lange Zeit hindurch einen lebhaften Kummer verursachen.“

Mit diesen Worten entfernte sie sich schnell, und verschwand im nahen Gebüsche.

Helene, stets geneigt, von der Unbekannten nur Gutes zu urtheilen, sahe in dieser Rede ein Zeichen ihres Wohlwollens, und bedauerte, sie nicht zum gesellschaftlichen Umgange mit andern Menschen überreden zu können. In Begleitung ihrer Kinder trat sie den Rückweg nach dem Schlosse an, und zufrieden, die Fremde gesehen, auch die Ursache ihres Kummers und ihrer Eingezogenheit errathen zu haben, theilte sie am Abend dem treuen Werner ihr Zusammentreffen mit der Unbekannten mit. Der brave Bediente zeigte aber gar keine Ueberraschung bei Allem, was er von der Oberstin hörte; nur hätte er gern gewußt, ob Lodoiska irgend einen Argwohn in ihr zu erregen gesucht habe. Aber er bemerkte, daß die Gesichtszüge seiner Herrschaft völlig heiter waren, und schloß daraus, daß Lodoiska verschwiegen und vorsichtig gewesen sein müsse.

Siebentes Kapitel.

Am folgenden Nachmittage baten die Kinder, wieder auf der Wiese spielen zu dürfen, und Werner, der bestimmt wurde, sie dahin zu begleiten, gehorchte nur mit Widerwillen. Zu seiner größten Zufriedenheit ließ sich aber Lodoiska gar nicht sehen, so wenig als am folgenden Tage, wo Werner die Antwort des Obersten auf seinen Brief erwartete. Er schickte den Boten nach der Stadt, um die nach dem Schlosse R.... bestimmten Briefe von der Post abzuholen, und harrte den ganzen Tag über mit der größten Ungeduld auf dessen Rückkehr. Schon war die Nacht angebrochen, als der Bote endlich an das Schloßthor klopfte.

„Die Briefe! Schnell die Briefe her! rief ihm Werner entgegen. Tausend Millionen Bomben und Granaten! ich glaubte, du würdest gar nicht wiederkommen.“

— Die Briefe? antwortete der Bote. Sie irren sich, Herr Werner, denn ich habe nur einen Brief; hier ist er, und ich wünsche, daß es der sein mag, den Sie erwarten. —

Werner griff hastig danach, und sahe beim Schein der Lampe, die er in der Hand hatte, nach der Aufschrift. Sie war allerdings vom Obersten, indessen nicht an ihn, sondern an Helenen gerichtet. Ein Dolchstich hätte Wernern nicht mehr Schmerzen verursachen können, als das Ausbleiben des so sehnlich erwarteten Briefes. Die Nachlässigkeit des Obersten schien ihm unbegreiflich; er drehte den in der Hand habenden Brief hin und her; manchmal bildete er sich ein, sein Herr könnte sich bei der Aufschrift geirrt haben, und der Brief könnte also dennoch für ihn sein. Indessen wagte er es nicht, sich hiervon zu überzeugen, und zitternd händigte er endlich das Schreiben der Oberstin ein.

Helene kannte die große Anhänglichkeit des guten Unteroffiziers an ihren Gemahl, und hatte daher die Gewohnheit, ihm lange Stellen aus den von ihm erhaltenen Briefen vorzulesen, wenn gerade keine persönlichen Angelegenheiten darin vorkamen. Auch dießmal wich sie nicht von ihrer Gewohnheit ab, und der erstaunte Zuhörer erfuhr, daß der Oberst sich wohl befinde, aber daß er die Zeit seiner Rückkehr noch nicht bestimmen könne. Die beiden Gatten, welche er wieder zu vereinigen strebte, waren äußerst aufgebracht gegen einander, und es war daher nicht so leicht, sie gänzlich auszusöhnen. Der Oberst schloß endlich seinen Brief mit der Bitte an seine Frau, dem guten Werner seine Freundschaft zu versichern, und sich bei ihm wegen seines Stillschweigens zu beklagen, da er doch versprochen hätte, zu schreiben, und ihm die nöthigen Nachrichten über den Zustand der Gärten und Felder mitzutheilen.

Dieser letztere Theil des Briefes machte einen zu großen Eindruck auf Werner, als daß er sich länger hätte halten können.