„Alle Teufel! rief er aus, das ist ein Vorwurf, den ich wahrlich nicht verdiene. Ist es meine Schuld, wenn der Oberst meine Briefe nicht erhält? Denn ich habe ihm an demselben Tage geschrieben, wo Sie, Frau Oberstin, Ihren Brief absendeten, und den dieser hier beantwortet. O, Herr Bote, wart’ er nur, ich will seinen Rücken schon bedienen, wie er es verdient hat!“

Helene war im Begriff, Werner’s Zorn zu besänftigen, als dieser sich plötzlich besann und fortfuhr:

„Da fällt mir aber eben ein, daß der arme Teufel von Bote nicht daran Schuld sein kann, wenn der Brief verloren ist. Ich hatte Mißtrauen, ich weiß selbst nicht warum, und empfahl daher dem Boten, mir von der Post in Prag einen Empfangschein über den Brief mitzubringen, was er auch gethan hat. Wahrlich, dabei steht mir der Verstand still!“

Helene, die nicht ahnete, welche Wichtigkeit Werner mit Recht auf den Verlust seines Briefes setzte, dachte nicht weiter daran; und voller Freude, Nachrichten von ihrem Gatten erhalten zu haben, fühlte sie weiter keine Unruhe, als über das gezwungene längere Ausbleiben desselben. Sie begab sich bald darauf in ihr Zimmer, und Werner auf das seinige, wo er einen vierten Brief zu schreiben beabsichtigte, den er selbst mit Tagesanbruch nach Prag bringen wollte. Denn er ging in seinem Zorne so weit, daß er selbst die Rechtlichkeit des Postoffizianten in Verdacht hatte. —

Voll von diesem Entschlusse öffnete er seinen Schreibtisch, um Papier und Feder zur Hand zu nehmen, als er beim Schein der Lampe einen Brief erblickte, der ihm nicht unbekannt zu sein schien — — es war sein eigener Brief, den er an den Obersten geschrieben hatte. Er war abermals mit einigen Blutstropfen befleckt, und eine zitternde Hand hatte Folgendes auf den Umschlag geschrieben:

Dein Briefschreiben ist vergeblich; Alfred wird nie eine Zeile von Dir erhalten, wenn Du ihn nicht bloß von den Gegenständen der Landwirthschaft unterhältst.

Schon oft hatte Werner den Mündungen der Kanonen gegenüber gestanden, die auf tausend verschiedene Arten den Tod von sich spieen; mehr als einmal hatte er den Säbel eines feindlichen Husaren über seinen Kopf schwingen sehen; aber noch niemals hatte er einen solchen Schreck empfunden, als den, welcher jetzt sein Herz zu Eis erstarrte.

Maschinenmäßig irrte sein Blick im Zimmer umher, als wenn er erwartete, irgend eine gespenstische Gestalt vor seinen Augen erscheinen zu sehen; wiederholt wischte er sich mit der Hand den Schweiß von der Stirne, aber der übrige Theil des Körpers blieb unbeweglich, als wenn er festgebannt gewesen wäre. Jemehr er über Alles nachdachte, was ihm seit Kurzem geschehen war, desto mehr verlor er sich in allerhand Muthmaßungen. Oft wollte er sich überreden, daß er nur durch seine Einbildungskraft getäuscht würde; aber der Brief lag ja vor ihm, wie er ihn dem Boten übergeben hatte; zugleich sah er den Empfangschein des Postoffizianten vor sich, und dieser mußte also der Schuldige sein. Doch jetzt boten sich neue Schwierigkeiten dar. Wie war der Brief nach dem Schlosse zurückgekommen? Wer besaß die drei Schlüssel seines Zimmers, des Schreibtisches und des darin enthaltenen Schubfaches? Befand sich also der Verräther im Schlosse selbst? War er unter den Tagelöhnern und Knechten, oder unter den beiden Dienstmädchen? Werner konnte sich über alle diese Fragen keine Auskunft geben, weil er stets auf unauflösliche Schwierigkeiten stieß. Mehr als einmal sah er sich gezwungen, beinah an überirdische Geister zu glauben, wie er so oft in der Moldau und Wallachei davon hatte erzählen hören, und er verfluchte die Zauberer und Hexen, von deren Macht man dort allgemein überzeugt war. Ja selbst die fürchterlichen Vampyre fielen ihm ein, die nach den dortigen Sagen die Gräber wieder verlassen, um auf der Erde, deren Schrecken sie sind, umherzuirren, und aus den Adern der Lebendigen, deren Blut sie aussaugen, ein Dasein zu fristen, das kein völliges Leben, aber auch kein Tod ist. Dann aber verlachte Werner dergleichen Aberglauben wieder, und suchte seinen Verdacht auf natürlichere Art zu begründen; er nahm sich vor, die größte Wachsamkeit zu verwenden, um zu erfahren, wer im Schlosse der Lodoiska seinen Beistand leistete.

Ehe Werner diese Art von Krieg beginnen wollte, die wenig mit seinem offenen und freimüthigen Charakter übereinstimmte, nahm er sich vor, seine Feindin persönlich zu sprechen, und dieß gleich am andern Morgen auszuführen. Kaum konnte er erwarten, bis der Tag wieder angebrochen war, und als er glaubte, daß es spät genug sei, um vorgelassen zu werden, machte er sich nach dem Häuschen im Walde auf den Weg.

Als er hier ankam, war die Hausthür verschlossen. Er klopfte, aber man antwortete nicht; er verdoppelte seine Anstrengungen, um gehört zu werden, und nichts unterbrach die Stille im Innern des Hauses. Je länger er wartete, desto höher stieg seine Ungeduld, und er setzte den Klopfer zum dritten Male in Bewegung, ohne einen bessern Erfolg zu erlangen. Was sollte er thun? War das Haus verlassen, oder wollte man ihm nicht aufmachen? Sollte er die Belagerung aufheben oder sie am andern Morgen hartnäckiger fortsetzen?