Während er darüber nachdachte, was er zu thun habe, hörte er nicht weit von sich ein leises Geräusch, und kaum hatte er sich umgedreht, so sahe er den alten Bedienten Lodoiska’s sich gegenüber stehen. Dieser war von einer riesenmäßigen Größe; sein Scheitel war gänzlich von allem Haar entblößt, und über seinem mageren Gesichte herrschte eine schaudervolle Leichenblässe. Seine Augen, völlig erloschen, waren unbeweglich; der Ton seiner Stimme war schleppend und heiser, und ein verpestender Athem strömte aus seinem Munde, in welchem man kaum noch einige Zähne erblickte. Ein weiter Mantel von grobem Tuche bedeckte die ganze Gestalt dieser kolossalen Figur, und Alles an ihm kündigte an, daß er des Lebens müde sei, daß er Alles, was dem gewöhnlichen Menschen gefallen kann, verachtete.

„Holla! sagte Werner, ohne vor seinem unangenehmen Aeußern zu erschrecken. Ist deine Herrschaft schon so früh ausgeflogen?“

— Hoho! Patron! Wer giebt dir ein Recht zu solcher Frage? antwortete der alte Bediente. Sind wir denn schon so bekannt, daß du so vertraut mit mir sprechen darfst? —

Der Ton dieser Rede war nichts weniger als freundschaftlich, so daß Werner, ungeachtet seines Selbstvertrauens, davon überrascht ward. Indessen wollte er nicht gleich beim Anfange der Feindseligkeiten als Besiegter erscheinen, und er erwiederte daher:

„Nun, sei nur nicht gleich so böse, alter Eisenfresser. Ich will deine Herrschaft sprechen, und ich habe hier lange vergebens geklopft, ohne daß ich auch nur den Anschein eines lebendigen Wesens wahrnehmen konnte. Ist es nun nicht ganz natürlich, daß ich dich, da ich dich hier vor mir sehe, nach deiner Herrschaft frage? Oder bist du vielleicht einer von jenen Leuten, denen es leichter wird, Streit anzufangen, als eine Frage richtig zu beantworten?“

— Wenn du mich kenntest, Freund, sagte der Greis, so würdest du leicht einsehen, daß ich eigentlich mit dir gar keinen Streit anfangen kann. Du gehst deinen Weg, der meinige hat aber schon seit langer Zeit sein Ziel erreicht. Deßhalb bin ich indessen nicht geneigt, Beleidigungen oder Drohungen so ungestraft hingehen zu lassen; aber ich hoffe, es wird so weit unter uns nicht kommen, und wir werden sogleich fertig mit einander sein. Was willst du von meiner Herrschaft? Ich kann deinen Auftrag bei ihr so ausrichten, ganz so, als wenn du es selbst gethan hättest. —

„Nein, Alter, antwortete Werner, ziemlich unwillig über die Art, wie ihn dieser Bediente behandelte; meine Geschäfte mit Lodoiska bedürfen keiner Mittelsperson. Zwar ist es möglich, daß sie dir zum Theil bekannt sind, ja daß du selbst in die Taschenspielerei verwickelt bist, welche mich eigentlich bewogen hat, hierher zu kommen; indessen gefällt es mir nun einmal nicht, dich zum Vertrauten zu machen, und ich will mit Lodoiska selbst sprechen. Verstehst du mich?“

— Ich verstehe dich; allein deßhalb habe ich noch keine Lust, deinen Wunsch zu erfüllen. Lodoiska, wie du sie kurzweg zu nennen beliebst, hat mit dir gar nichts zu schaffen; gieb dich also nur zufrieden, und da du Soldat gewesen bist, wie es mir scheint, so mache die Wendung, die ihr Linksumkehrt nennt, und geh deiner Wege. —

„Weißt du wohl, Alter, daß eine zahlreichere Artillerie dazu gehört, um mich zum Rückzuge zu zwingen?“

— Nun gut, so wollen wir sie schon finden, sagte der Bediente mit der größten Ruhe, und zu gleicher Zeit, ehe Werner sich dessen versahe, ergriff er ihn vor der Brust, und zwar mit solcher Stärke, daß er ihn mit einer Hand hoch vom Boden in die Luft hob, und ihn, ungeachtet aller Anstrengungen des Ex-Unteroffiziers, auf einem Fußsteige in einiger Entfernung wieder niedersetzte.