Ach, wie sehr bedauerte es Werner in diesem Augenblicke, seinen Säbel nicht bei sich zu haben, um diese schwere Beleidigung augenblicklich rächen zu können! Sein handfester Gegner hatte ihm auch zu gleicher Zeit seinen Stock entrissen, und in der Nähe bot sich ihm Nichts dar, das er als Waffe hätte gebrauchen können. Aber konnte er die erlittene Beleidigung ungestraft lassen? Der Zorn verblendete den Unteroffizier nicht so sehr, daß er nicht hätte einsehen sollen, wie es unmöglich war, mit dem Alten zu ringen, da seine körperliche Stärke Alles übertraf, was Werner je gesehen hatte; es blieb ihm also nichts übrig, als seinen Gegner auf den Zweikampf mit Säbel oder Pistolen herauszufordern.
Der Bediente, stets voll unerschütterlicher Ruhe, sahe ihn kaltblütig an. „Was willst du von mir? sagte er. Wozu soll ich mich noch anderer Waffen bedienen, um deinen Stolz zu demüthigen? Gieb deinen Vorsatz auf. Ich schlage mich nicht, ich vertheidige mich bloß, und vernichte denjenigen auf der Stelle, der nicht fürchtet, mich zu beleidigen. Du hast mich nun schon kennen gelernt; geh ruhig deinen Weg, schwacher und eitler Thor, und wage dich nicht wieder hierher, von wo ich dich vielleicht zum zweiten Male nicht lebendig entkommen lassen würde.“
Der rauhe Ton, womit er diese Worte aussprach, die todtverkündende Geberde, womit er sie begleitete, die Flamme der Mordsucht, welche in seinen Augen leuchtete, alles Dieses brachte Wernern, ungeachtet seines Muthes, aus aller Fassung. Er war sogar in Zweifel, ob er seine Aufforderung erneuern sollte, als sich plötzlich die Thür des Hauses öffnete, und Lodoiska, in einem schwarzen Kleide, das ihr ein höchst seltsames Ansehen gab, heraustrat.
„Wirst du denn immer vergessen, Ladislaus, sagte sie, daß ich dir verboten habe, dich deinem heftigen Charakter zu überlassen? Ist es möglich, daß die Thorheiten der Menschen dich noch immer nicht gänzlich verlassen haben? Und mußt du diejenigen beleidigen, die mich zu sprechen wünschen?“
Der Alte fuhr bei diesen Worten seiner Herrschaft zusammen, aber in seinem gleichgültigen Gesichte zeigte sich weder Hochachtung noch Verwirrung. Bloß seine Lippen verzogen sich in ein scheußliches Lächeln, und ohne etwas zu erwiedern, ging er langsamen Schrittes in das Haus hinein, als wenn er an der eben stattgefundenen Szene gar keinen Theil gehabt hätte.
Nichts konnte Wernern in diesem Augenblicke erwünschter sein, als das Erscheinen Lodoiska’s. Bloß um sie zu sprechen, war er hierher gekommen, und das Benehmen ihres Bedienten ließ ihm wenig Hoffnung übrig, seinen Zweck zu erreichen; er war also froh, als er sahe, daß Lodoiska ihn anzuhören geneigt schien, und näherte sich ihr, konnte jedoch nicht umhin, ihr bei seiner Anrede sein Mißvergnügen über das Betragen ihres Bedienten zu erkennen zu geben.
„Wahrlich, Lodoiska, sagte er, Ihr Wächter, denn anders kann ich ihn nicht nennen, mag sich glücklich preisen, daß ich jetzt eine gewisse Art von Eisen nicht bei mir hatte, die mich sonst niemals verließ, als ich mich noch in Ihrem Vaterlande befand. Hätte er damals eine Grobheit, wie heute, gezeigt, ich würde ihm den scharfen Stahl einige Zoll tief in die verdammte Brust gestoßen haben; aber nur Geduld! er soll mich nicht immer so wehrlos finden, und ich bin fest entschlossen, ihm mit Zinsen zurückzuzahlen, was ich ihm heute schuldig bleiben mußte.“
— Laß es gut sein, Werner, antwortete Lodoiska, und vergiß den unangenehmen Vorfall. Ladislaus hat allerdings Unrecht; aber du hast ihn gereizt, und, ihn nach dem Anschein seines Alters beurtheilend, geglaubt, daß es leicht sein würde, ihn zur Erfüllung deiner Wünsche zu zwingen. Dein Irrthum zeigte sich bald; aber glaube mir, vergiß, was vorgegangen ist, es ist für dich am Besten. Deine Rache würde sonst auf dich selbst zurückfallen. —
„Das ist recht schön gesagt, aber ein alter Soldat läßt nicht mit sich spielen wie mit einem Rekruten. Ich werde niemals eine Beleidigung ungeahndet lassen; und habe ich überdieß Ursache, mit der Herrschaft zufriedener zu sein, als mit dem Bedienten? Haben wir Beide nicht auch etwas abzumachen? Steht es Ihnen an, sich mit Taschenspielerkünsten abzugeben, und kann ich ruhig zusehen, daß Sie hierherkommen, mich zu beleidigen, und die Ruhe der Familie meines Obersten zu stören?“
— Werner, sagte Lodoiska kalt, ich weiß nicht, welche höhere Macht dich deinem Untergange entgegentreibt. Wie kannst du es wagen, dich gegen mich zu beklagen? Wer von uns Beiden hat dem Andern das meiste Unrecht zugefügt? Bist du es nicht, Elender, der in dem Hause meines Vaters vorzüglich zu meinem Falle beitrug? Erinnerst du dich der Zeit nicht mehr, wo du, zu Gunsten der verbrecherischen Absichten des Obersten, mich von seiner treulosen Liebe ohne Aufhören unterhieltest? Warst du nicht stets bei mir, um meine Vernunft irre zu führen und meiner Tugend Fallstricke zu legen? Unglücklicher, dir steht es wohl an, in einem anmaßenden Tone gegen mich zu sprechen, und mir Unrecht gegen dich vorzuwerfen! Fort aus meinen Augen, wenn dir dein Leben lieb ist, elender Wurm des Staubes, den ich schon hätte zertreten sollen! —