Obgleich Wildenau innerlich tief bekümmert war, so wußte er doch sehr gut seinen wahren Zustand zu verbergen; aber er gab seine Liebe noch nicht auf, denn auch er kannte den Werth und Einfluß der Zeit, welche allen Dingen nach und nach eine veränderte Gestalt giebt.

Lodoiska erschien heute nicht zum Mittagessen, indem sie sagen ließ, daß sie unpäßlich sei, und in ihrem Zimmer essen würde. Man glaubte anfangs, daß sie bloß nicht mit dem Arzte zusammentreffen wolle; aber Lisette berichtete, daß sie außerordentlich blaß sei, und in der heftigsten Unruhe zu sein scheine.

Achtzehntes Kapitel.

Am folgenden Tage, wo Lodoiska sich wieder blicken ließ, schien sie gar nicht mehr an die mit der Oberstin gehabte Unterhaltung zu denken. Wildenau befand sich noch im Schlosse. Sie behandelte ihn wie gewöhnlich, und war vollkommen gleichgültig gegen ihn; allein gegen den Obersten hatte sich ihr Betragen völlig geändert. Sie richtete häufig ihre Blicke auf ihn, mit einem Ausdruck von Unzufriedenheit und selbst Zorn, der ihn beinahe in Schrecken setzte; sie war gegen ihn so trotzend und zu gleicher Zeit vertraulich, daß man leicht ihre frühere Bekanntschaft mit einander errathen haben würde, wenn man nicht überzeugt gewesen wäre, daß der Verstand der Fremden in manchen Augenblicken völlig zerrüttet sei.

Der Oberst, dem die Wahrheit wohl bekannt war, bebte über die Folgen, welche diese üble Laune Lodoiska’s haben könnte. Jemehr sie ihm nach und nach wieder theuer wurde, je lieber hätte er es gesehen, daß man es nicht bemerkte, und vorzüglich fürchtete er, daß eine Unvorsichtigkeit die Eifersucht seiner Frau wecken möchte. Er suchte sich Lodoiska’n verständlich zu machen, indem er sie durch Blicke bat, ihn zu schonen, und ihres Versprechens eingedenk zu sein; aber seine Bemühungen waren vergeblich, und sie fuhr in ihrem Betragen fort. Unterdessen kam ein Eilbote, der den Arzt zu einem Nachbar holte, welchen ein Schlagfluß befallen hatte; zu gleicher Zeit wollte Helene ein Geschäft in ihrem Zimmer besorgen, und die beiden Feinde befanden sich nun allein einander gegenüber.

„Sie erinnern sich also nicht mehr an Ihr mir gegebenes Versprechen?“ sagte Alfred schnell.

— Sie haben ja auch vergessen, daß Sie mir Ihr Herz versprochen hatten! Noch einmal sage ich es Ihnen, betrügerischer Mann, können Sie mir vorwerfen, daß ich meine Schwüre gebrochen? Ich betrage mich gegen Sie, wie es mich gut dünkt; aber dieß ist hier nicht der Ort, uns einander Vorwürfe zu machen. Ich muß Sie sprechen, durchaus allein sprechen. —

„Wann?“

— Heute um Mitternacht. —

„Wo?“