Ein melancholisches Lächeln ging der Antwort voraus, die Lodoiska hierauf zu geben im Begriff stand. Sie schien einen Augenblick darüber nachzudenken, richtete dann ihren Kopf, den sie über den Stickrahmen gebeugt hatte, in die Höhe, und sagte, Helenen mit einem Blick der vollkommensten Gleichgültigkeit ansehend:

„Wenn es bei der Kenntniß meines Schicksals bloß auf meine jetzige Lage ankommt, so kann ich mich über diese erklären, ohne zu erzählen, was mir früher begegnete. Ich bin frei, völlig frei, und dennoch gehöre ich mir selbst nicht an. Ich habe mein Herz verschenkt, und nicht das Recht, es wieder zurückzufordern; durch ein ganzes Leben bin ich von demjenigen getrennt, den ich bis zum Uebermaß liebe; meine Seele steht unter der Abhängigkeit einer höheren Macht, und ich habe kein Vaterland mehr, ich gehöre der ganzen Erde an. Fragen Sie mich nicht weiter; Sie haben jetzt Alles gehört, was ich Ihnen sagen kann .... suchen Sie es zu vergessen.“

— Ich würde mich ohne Zweifel mit einer solchen Erklärung begnügen, so dunkel sie mir auch ist, aber ich kann Sie versichern, daß Andere nicht damit zufrieden sein werden. Und nun erlauben Sie, daß ich mit Ihnen ein Wort der Vernunft spreche. Sie sind hier weit von Ihrem Vaterlande entfernt, allein und unabhängig; Sie können nicht hoffen, sagen Sie, demjenigen jemals anzugehören, den Ihr Herz ausgewählt hat: was wollen Sie aber dann in einem fremden Lande machen? Wird nicht eine Zeit kommen, wo Sie, unter der Last des Alters gebeugt, das Bedürfniß eines Freundes fühlen werden? Wollen Sie denn vielleicht in Ihr Vaterland zurückkehren? Das Schicksal könnte Ihnen unübersteigliche Hindernisse in den Weg legen. Kurz, Sie werden es dann bereuen, etwas ausgeschlagen zu haben, was Sie jetzt vielleicht verschmähen. —

„Ich fühle es, Frau Oberstin, wie schrecklich meine jetzige Lage für jedes andere Frauenzimmer sein würde, das sich in einem der gewöhnlichen Verhältnisse des menschlichen Lebens befindet. Aber meine Verhältnisse sind ganz besonderer Art! Ich scheine Ihnen verlassen zu sein? Wohl! so glauben Sie, daß ich nicht Ursach habe, mich über meine Zukunft zu beunruhigen; sie ist schon seit mehreren Jahren fest bestimmt, und kann sich nicht mehr ändern. Ich drehe mich um einen Kreis, den ein allmächtiges Wesen mir vorgeschrieben hat, und von dem ich mich nicht entfernen kann. Sie glauben, daß mir eine Stütze, ein Freund nöthig werden möchte? Enttäuschen Sie sich; ich werde nie darein willigen, eine solche Stütze anzunehmen. Sagen Sie demjenigen, der Ihnen aufgetragen hat, mit mir hierüber zu sprechen, er möge alle Hoffnung aufgeben, vorzüglich aber eine Liebe zu unterdrücken suchen, die für ihn gefährlich werden könnte. Der Unverständige! Er weiß nicht, daß Jeder, welcher mich liebt, dem Tode verfallen ist! .... Sie erbeben, Frau Oberstin! Ach, warum ist es mir nicht erlaubt, Ihnen meine traurige Geschichte zu erzählen! Meine Lage würde Ihnen dann den schrecklichsten Abscheu einflößen .... und dennoch — ich nehme Gott zum Zeugen, den ich fürchte — habe ich über keine meiner Handlungen zu erröthen. Sie waren stets übereinstimmend mit der Tugend, und wenn ich mir selbst Böses anthat, so ist mir wenigstens bis dahin kein Vorwurf zu machen. Hören Sie auf, ich beschwöre Sie, weiter in mich zu dringen, und lassen Sie mich in der Hülle meiner Geheimnisse. Ich verlange nichts von den Menschen; gern wünschte ich mir auf der Erde die Ruhe des Grabes, aber sie ist mir versagt!“

Bei diesen Worten drückte Lodoiska ihre ganze Verzweiflung durch einen sonderbaren, fürchterlichen Blick aus, stand von ihrem Stuhle auf, beurlaubte sich bei Helenen, und begab sich in ihr Zimmer.

„Außerordentliches Geschöpf! sagte Helene zu sich selbst, als sie sie fortgehen sahe; unbegreifliches Wesen! Wer ist sie? Was hat sie gethan? Warum kam sie hierher? Ihre Geschichte muß äußerst anziehend sein, und gewiß hat sie den Becher des Unglücks mit vollen Zügen geleert.“

Sie blieb bis zur Rückkehr des Obersten und des Arztes, welche beide zugleich kamen, in das tiefste Nachdenken versunken. „Armer Freund! rief sie dem Letztern entgegen; man giebt Ihnen den Korb, ohne Ihnen die geringste Hoffnung zu lassen. Erlassen Sie mir aber, ich bitte, die weitere Auseinandersetzung meiner Unterhaltung mit der Fremden, und begnügen Sie sich damit, zu wissen, daß sie mir nichts von ihren Schicksalen erzählt hat, und daß Sie nicht glücklich sind.“

Weit entfernt, sich mit diesen Worten zu befriedigen, verlangte Wildenau eine ausführlichere Erklärung, und Helene sträubte sich vergebens: sie mußte Alles genau wieder erzählen, was gesprochen worden war. Es läßt sich denken, mit welcher geheimen Theilnahme der Oberst zuhörte.

„Meine Eigenliebe, sagte endlich der Arzt, ist bei dieser Gelegenheit durchaus unverletzt geblieben; ich sehe ein, daß die Grausame eine Liebe fühlt, welcher nicht Genüge geleistet werden kann. Ohne Zweifel hat sie ihr Vaterland aus beleidigter Liebe verlassen; dieß ist eine zu heftige Maßregel, die ich nicht nachahmen will, und da sie sich weigert, meine Frau zu werden, so bleibe ich wenigstens ihr treuer Freund.“

— Das heißt vernünftig gesprochen! sagte der Oberst, sein langes Stillschweigen brechend. Nur keine Seufzer, glauben Sie mir; stellen Sie sich völlig gleichgültig, und vielleicht gerade, wenn Sie am wenigsten daran denken, werden Sie dieses stolze Herz sich geöffnet sehen. —