Der Oberst war weit entfernt, in dieser Nacht zu schlafen; seine innere Bewegung war zu heftig. Er glaubte fast gewiß zu sein, daß Lodoiska den Heirathsantrag von sich weisen würde; aber er fürchtete, daß dieses junge Mädchen ihrer Heftigkeit freien Lauf lassen, und einige Worte sagen möchte, die die Ruhe des Hauses stören könnten.

Während er sich diesen Gedanken überließ, glaubte er in dem Zimmer seiner Frau, das sich dicht neben dem seinigen befand, ein leises Geräusch zu hören. Er horchte genau auf, um gewiß zu sein, daß er sich nicht täuschte; da aber das Geräusch anhielt, so fürchtete er, daß Helene unwohl sein möchte. Daher stand er rasch auf, und ging leise auf die Thür des Nebengemaches zu. Er war im Begriff sie zu öffnen, als er plötzlich von einer Hand, die er nicht sahe, einen so heftigen Schlag in’s Gesicht erhielt, daß er auf sein Bett zurückfiel, und einige Minuten fast ohne Besinnung darauf liegen blieb.

Sobald er sich erholt hatte, eilte er zu seinem Degen, zündete mit einem chemischen Feuerzeuge ein Licht an, und untersuchte nun sorgfältig das ganze Zimmer, in der Hoffnung, den kühnen Urheber des höchst unsanften Schlags zu entdecken. Aber alle seine Nachsuchungen waren vergebens. Die äußere Zimmerthür war sorgfältig von innen verschlossen, eben so befanden sich alle Riegel vor den unversehrten Fenstern, und als er in das Zimmer seiner Gattin kam, sahe er, daß sie in einen festen, obgleich ängstlichen Schlaf versunken lag. Auch hier suchte er Alles genau durch, und da er nichts entdeckte, so sahe er sich gezwungen zu glauben, daß seine Phantasie oder die Unruhe seines Blutes ihn getäuscht habe.

Er kehrte in sein Zimmer zurück, wo die anbrechende Morgenröthe ihn noch wachend fand. Der Tag schien vortrefflich zu werden, und um nicht Zeuge der Unterhaltung seiner Frau mit Lodoiska zu sein, entschloß er sich auf die Jagd zu gehen, ehe noch Jemand im Hause aufgestanden war.

Erst zur Frühstückszeit erfuhr Helene, daß ihr Gatte nicht erscheinen würde, und dieß war ihr gewissermaßen lieb, weil sie neugierig war, die Gesinnungen der Fremden über den ihr zu machenden Antrag zu erfahren.

Lodoiska trat in’s Zimmer, sobald die Frühstücksglocke ertönte. Ueber ihr Gesicht war finstere Schwermuth verbreitet; allein sie war nicht so blaß als gewöhnlich; sehr bewegt bedankte sie sich für die Sorgfalt, die man ihr am vorigen Tage erwiesen hatte.

Da Helene das beabsichtigte Gespräch nicht in Juliens Gegenwart anfangen wollte, so wartete sie das Ende der Mahlzeit ab, und befahl dann Lisetten, die Kleine mit sich zu nehmen, und nicht eher wieder hereinzukommen, bis sie gerufen würde. Lodoiska setzte sich gleich darauf an ihren Stickrahmen, und Helene, um nicht in Verlegenheit zu gerathen, nahm ein Buch, in welchem sie aufmerksam zu lesen schien. Nach langem Zögern fing sie endlich das Gespräch folgendermaßen an. —

„Nun, liebe Lodoiska, werden Sie denn immer das beste, aber auch das geheimnißvollste Wesen auf der Welt bleiben? Sollen wir denn nie erfahren, durch welche wichtige Ursachen Sie aus Ihrem Vaterlande entfernt worden sind? Sie sehen mich voll Erstaunen an; sollten meine Fragen Sie beleidigen? Glauben Sie mir, nur meine Theilnahme für Sie hat sie mir eingegeben.“

— Ich glaube es, Frau Oberstin, und ich entschuldige Sie, weil ich Sie kenne; da Sie mir aber bis jetzt Ihr Wohlwollen geschenkt haben, ohne nach meinen näheren Verhältnissen zu forschen, warum sollte ich dieses Vertrauen von Ihrer Seite nicht noch länger verdienen? Habe ich mich seit Kurzem vielleicht in einem unvortheilhafteren Lichte gezeigt? Sollte ich der Verläumdung preisgegeben sein? —

„Von allem Diesem ist durchaus nicht die Rede; aber glauben Sie denn, daß Sie ungestraft so hübsch sein dürfen? Niemand wird sich um die Verhältnisse eines gewöhnlichen Frauenzimmers bekümmern. Man geht an ihr vorüber, ohne sie zu bemerken; aber Sie, Lodoiska, fallen zu sehr in die Augen, als daß man Sie mit Gleichgültigkeit ansehen könnte. Sie setzen ohne Zweifel mehr als ein Herz in Bewegung, von denen einige sich Ihnen nähern möchten, um auch das Ihrige zu rühren; und diese haben einiges Interesse dabei, zu wissen, wer Sie sind, ob Sie noch frei sind, ob keine frühere Verbindung Ihnen im Wege ist; kurz, ob Sie über Ihre Hand verfügen können?“