„Ich habe mit den russischen Heeren, sagte er, einen großen Theil von Europa durchzogen, und dabei Gegenden gesehen, welche sonst von unsern Reisenden nur selten besucht werden. Ich müßte mich sehr irren, wenn diese fremde Dame, nach ihrer Aussprache und ihrem ganzen Wesen zu urtheilen, nicht im östlichen Ungarn oder in der Wallachei geboren ist; in diesem Falle muß auch sie von den in ihrem Vaterlande herrschenden abergläubischen Meinungen durchdrungen sein, und da die Unterhaltung auf einen für ihre Landsleute so furchtbaren Gegenstand kam, so wird dieß, verbunden mit ihrer noch schwachen Gesundheit, ihren jetzigen Zustand hervorgebracht haben, dem wir sie mit aller Mühe noch nicht entreißen können.“
Diese Erklärung schien allen Anwesenden hinreichend zu sein. Der Herr von Krauthof bemerkte, daß die Fremde, wenn sie in Ungarn geboren wäre, gewiß mit der Art bekannt sei, wie man den Tokaier Wein behandeln müsse, und er nahm sich vor, sie über diesen Gegenstand um Auskunft zu bitten, da er mehrere Weinstöcke aus jener Gegend in seinem Garten habe. Niemand antwortete auf diese Lächerlichkeit. Da Lodoiska nicht wieder zu sich kam, so machte Wildenau den Vorschlag, sie in ihr Zimmer zu tragen, was auch geschahe; aber sie lag noch lange Zeit auf ihrem Bette völlig kalt und unbeweglich. Endlich stieß sie einen tiefen Seufzer aus, schlug die Augen auf, und die Umstehenden der Reihe nach ansehend, fragte sie mit leiser Stimme, warum sie sich in diesem Zustand befände?
„Der außerordentliche Blutverlust, welchen Sie erlitten haben, antwortete Wildenau, wird Ihnen noch häufig dergleichen Zufälle zuziehen. Sie nehmen Ihre Gesundheit nicht genug in Acht, und rechnen zu sehr auf Ihre gute Natur, ohne auf meine Warnungen zu hören.“
— Ist dieß wirklich die Ursache meiner Ohnmacht? Hat man nicht von Vampyren gesprochen? Wer hat es gewagt, den geheimnißvollen Schleier zu lüften, mit welchem der Himmel die Erfüllung seines schrecklichen Willens bedeckt? —
„O, denken Sie nicht mehr an diesen traurigen Gegenstand, sagte der Oberst; das Gespräch kam nur aus Unvorsichtigkeit darauf, und es soll nicht wieder geschehen. Aber vergessen Sie wo möglich jene Schrecknisse, vor welchen Sie hier in Deutschland sicher sind.“
Lodoiska antwortete nicht hierauf, sondern bat nur um Erlaubniß, allein bleiben zu dürfen, um sich auszuruhen. Man verließ sie also, und begab sich in das Gesellschaftszimmer zurück, wo der Herr von Krauthof noch wartete, und eine Menge Fragen that, die man kaum beantwortete. Endlich entfernte er sich, zufrieden, endlich das Vaterland der Fremden erfahren zu haben, und mit dem Vorsatze, diese wichtige Entdeckung in der möglichst kürzesten Zeit allen Nachbarn mitzutheilen.
Als er fort war, nahm Wildenau das Wort, und machte dem Obersten und seiner Gemahlin folgende Erklärung: „Ich weiß nicht recht, fing er an, wie ich es machen soll, Ihnen die Gefühle mitzutheilen, die meine ganze Seele beherrschen. Aber die Güte, die Sie bisher für mich gezeigt haben, giebt mir Muth, und ich schmeichele mir mit Ihrer Unterstützung zur Erreichung meiner Wünsche. Ich bin vier und dreißig Jahre alt, besitze ein anständiges Vermögen, und habe eine Praxis, die meine Wohlhabenheit noch vermehrt. Die Ehelosigkeit ist mir noch weit lästiger geworden, seitdem ich die reizende Person gesehen, der Sie einen Zufluchtsort gewährt haben. Sie ist eine Fremde; große Unglücksfälle, vielleicht ein Fehler, den sie durch freiwillige Verbannung büßt, haben sie hierher geführt. Ich wünschte ihr Schicksal zu verbessern, indem ich ihr meine Hand anbiete, wenn sie sie annehmen wollte; ehe ich aber das Geringste zur Erreichung meiner Absicht unternehmen wollte, glaubte ich, mich Ihnen freimüthig entdecken zu müssen, in der Hoffnung, daß die Frau Oberstin, um mir einen Korb zu ersparen, die Güte haben würde, die Gesinnungen dieser schönen Person auszuforschen.“
Lobenthal war zu sehr bewegt durch das, was er jetzt hörte, als daß er hätte darauf antworten können, und er überließ daher diese Sorge seiner Frau. Diese billigte Wildenau’s Wahl, nur rieth sie ihm, sich nicht früher bestimmt zu erklären, ehe er nicht die Geschichte der Fremden genau erfahren habe, damit späterhin ihm nicht die Reue sein Leben verbittere.
„Glauben Sie mir, Frau Oberstin, entgegnete der Arzt, daß ich dieß ebenfalls schon überlegt habe. Durch den ehemaligen Eigenthümer des abgebrannten Hauses bin ich unterrichtet worden, daß er dasselbe mit den dazu gehörigen Ländereien für funfzehntausend Thaler an die Fremde verkauft hat, welche ihm sogleich ausgezahlt worden sind. Das Haus ist verloren; aber die Ländereien sind noch da, und Sie wissen, daß man bei den Güterkäufen hier zu Lande die letzteren für Alles, die Gebäude fast für nichts rechnet. Sie selbst haben mir auch gesagt, daß diese Dame reiche Kleinodien besitzt, und man hat eine bedeutende Summe in baarem Golde aus der Feuersbrunst gerettet, welche Sie einige Zeit lang in Verwahrung hatten. Diese Reichthümer, die Talente, welche die Fremde besitzt, ihr edler Anstand, obgleich damit einige Sonderbarkeiten verknüpft sind, scheinen mir zu beweisen, daß sie nicht zu jener verworfenen Klasse von Frauenzimmern gehört, die mit ihren Reizen Wucher treiben. Seitdem sie hier ist, hat sie stets in der größten Zurückgezogenheit gelebt, was sie gewiß nicht gethan haben würde, wenn sie auf Abentheuer ausginge. Unsern Vermuthungen bleibt also nur noch übrig, daß sie vielleicht das Opfer einer unvorsichtigen Leidenschaft ist, oder vielleicht weit von ihrem Vaterlande einen Jugendfehler in Vergessenheit bringen will. Dieß kann ich nicht geradezu bestreiten. Aber die ohne Zweifel seitdem verstrichene Zeit, ihr jetziges Betragen müssen ihr zur Entschuldigung dienen. Ich will mich durchaus nicht darauf einlassen, was geschehen ist, und wenn sie Ihnen darüber ein offenes Geständniß macht, so will ich noch weiter gehen: ich will nicht ein Wort davon wissen; sobald Sie mich versichern, Frau Oberstin, daß sie meiner nicht unwürdig ist, so führe ich sie zum Altare.“
Helene, von Wildenau’s Freimüthigkeit und Vertrauen gerührt, versprach ihm, nichts zu vernachlässigen, um seinen Wünschen nachzukommen. Da der Oberst die Nothwendigkeit fühlte, daß auch er ein Wort hierzu sagen müsse, so brachte er mit Mühe einige unzusammenhängende Redensarten hervor, und schwieg dann wieder. Es war schon ziemlich spät, als diese Unterhaltung endete, und da der Arzt am andern Morgen in ziemlicher Entfernung einen Kranken zu besuchen hatte, so trennte man sich.