„Laßt Eure dummen Scherze, Mutter Rieben, sagte der Müllerbursche. Wir wollen uns weiter um das, was geschehen ist, nicht bekümmern.“

Ein zweiter lauterer Seufzer schallte jetzt in die Ohren der ganzen Gesellschaft, die verwirrt und mit Ausrufungen des Schreckens durcheinanderstürzte.

„Heiliger Gott! sagte Lisette, das kommt aus dem Zimmer, wo die junge Dame liegt. Wer hat nun Muth genug, sich davon zu überzeugen?“

Keiner der Anwesenden gab eine Antwort, als sich die Stimme zum dritten Male hören ließ, und zwar so deutlich, daß gar kein Zweifel daran mehr Statt finden konnte. Jetzt jagte die Furcht die ganze Gesellschaft auseinander, und Mehrere eilten zum Schlosse hinaus, während Andere den Wundarzt weckten, der die Oberstin nicht eher hatte verlassen wollen, bevor sie nicht ruhiger geworden wäre. Als dieser hörte, wovon die Rede sei, schob er anfangs die Schuld des allgemeinen Schreckens auf ihre furchtsame Einbildungskraft; bei den wiederholten Versicherungen, daß man sich nicht getäuscht habe, zögerte er jedoch nicht, in das Zimmer hinunterzugehen, aus welchem die Stimme hergekommen sein sollte. Der Oberst, welcher noch nicht schlief und den ungewöhnlichen Lärmen im Schlosse hörte, kam ebenfalls herbei; er begegnete auf der Treppe dem Arzt, der ihm unterweges die Ursache des allgemeinen Schreckens mittheilte. —

Beide zweifelten nicht, daß das Pfeifen und Sausen des Windes von den abergläubischen Dorfleuten für die angeblichen Todtenseufzer gehalten worden wäre; sie setzten jedoch ihren Weg fort, und von der Menge gefolgt, gelangten sie in das von mehreren Lampen erleuchtete Zimmer, wo der Leichnam der Fremden niedergesetzt worden war.

Indem sie durch die Thür traten, wurde abermals ein Seufzer hörbar, und man konnte nun nicht mehr zweifeln, daß er von dem Sarge herkäme. Ein Theil des Gefolges nahm die Flucht, und nur die Muthigsten blieben zurück, als sie den Obersten und den Arzt zu gleicher Zeit ausrufen hörten: „Sie lebt noch, die Unglückliche! Ach, retten wir sie aus ihrer schrecklichen Lage!“

Sie eilten nun auf den Sarg zu, in welchem Lodoiska ruhte, hoben Letztere sanft in die Höhe, und trugen sie in das Zimmer, welches sie früher bewohnt hatte. Als der Arzt seine Hand auf ihr Herz legte, fühlte er, daß es wieder angefangen hatte, obgleich noch sehr schwach, zu schlagen, und voll Erstaunen über dieses außerordentliche Wunder, nahm er sich vor, Alles anzuwenden, um diese von den Todten Auferstandene wieder völlig herzustellen. Er bat den Obersten, den Theil des Leichentuches, womit der Kopf der jungen Schönheit verhüllt war, zurückzuschieben. Lobenthal that es, und betrachtete neugierig die Züge der Fremden; aber wie erstaunte er, als dieses reizende Gesicht ihn überzeugte, daß er die unglückliche, leidenschaftlich liebende Lodoiska in seinen Armen hielt. Ein lauter Schrei entfuhr seinen Lippen. Einem ruhigen Zuschauer würde dadurch ohne Zweifel die Wahrheit offenbar geworden sein; aber der Arzt, ganz in seine Gedanken über diese außerordentliche Wiederbelebung vertieft, merkte kaum darauf, und von nun an suchte der Oberst seine inneren Gefühle sorgfältig zu unterdrücken.

Der Arzt forderte nun die bis hierher gefolgten Landleute auf, das Zimmer zu verlassen, und wollte mit dem weiblichen Personale, das allmählich wieder muthiger geworden war, allein bei der jungen Dame bleiben. Auch der Oberst entfernte sich, forderte aber vorher den Arzt auf, seine ganze Kunst zur Genesung der Unglücklichen anzuwenden.

„Fürchten Sie nichts, Herr Oberst, erwiederte der Arzt; mir ist selbst daran gelegen, diese wunderbare Kur zum gewünschten Ziele zu führen. Vielleicht kann die Kunst etwas dabei thun; aber glauben Sie mir, das Meiste dabei wird die Natur thun müssen; nur sie allein kann eine so wunderbare Wiederbelebung bewirken. Ich würde einen Eid darauf abgelegt haben, daß die Pistolenkugel diese junge Dame augenblicklich getödtet hat, und sollte sie wirklich völlig wieder zum Leben zurückkehren, so muß unsere Kunst verzweifeln, je eine gründliche Ursache dieser Auferstehung angeben zu können.“

Langsamen Schritts entfernte sich nun der Oberst, ohne selbst zu wissen, womit seine Gedanken beschäftigt waren. Er kehrte zu seiner Frau zurück, die in einen mehr ermattenden als erquickenden Schlummer gefallen war. Wie schmerzlich sollte ihr Erwachen sein! Welche neue Trauer mußte die Nachricht von der Wiederbelebung der Fremden in ihrem Herzen verursachen, da für ihren geliebten Wilhelm nicht ein ähnliches Wunderwerk geschehen war.