— Ach, nehmen Sie es nicht übel, lieber Herr Doktor; in meiner jetzigen Stimmung weiß ich kaum, was ich thue; so sehr hat mich der Schmerz übermannt, daß meine Worte der Zerrüttung meines Verstandes entsprechen. In meiner Lage, deren ganze Qual Sie nicht zu würdigen im Stande sind, mag es wohl erlaubt sein, gegen die Regeln der Höflichkeit zu fehlen, wie es wohl sonst bei mir nicht der Fall ist. —

Diese Antwort gab dem Arzt die Ueberzeugung, daß der Oberst in der That durch den Schmerz etwas an dem freien Gebrauch seiner Verstandeskräfte verloren habe, und er fiel deßhalb nicht auf den Verdacht, daß eine geheime Ursache, ein Anfall von Eifersucht, großen Theil an des Obersten Worten gehabt habe. Der Letztere, voller Scham, einen Augenblick lang seinen Entschluß vergessen, und dem Arzt beinahe ein Recht gegeben zu haben, in seinem Herzen zu lesen, zog es vor, ihn in der Meinung zu lassen, daß das Uebermaß des Schmerzes ihm Abbruch in dem folgerechten Gange seiner Gedanken thue; und erst, als er in den Augen des Doktors las, daß derselbe wirklich dieser Meinung sei, war er vollkommen beruhigt. Er suchte darauf dem Gespräch eine andere Wendung zu geben, und bat den Arzt, eine Wohnung im Schlosse anzunehmen, so lange der Zustand der verwundeten Dame sowohl als seiner Gattin seine Gegenwart nöthig machen würde.

„Ja, erwiederte Wildenau, ich will dieses Schloß vor der Hand zu meinem Hauptquartiere machen, und es nur dann auf kurze Zeit verlassen, wenn meine Gegenwart an andern Orten nicht entbehrt werden kann. Sein Sie daher in dieser Hinsicht ganz ruhig.“

Lobenthal fragte nun, ob er nicht Zutritt zu der Fremden erhalten könne, um ihr dem Anstande gemäß einen Besuch abzustatten.

„Es hängt ganz von Ihnen ab, Herr Oberst, es zu thun; aber noch lange Zeit hindurch werden Sie Ihre Komplimente an einen fast leblosen Körper richten. Die junge Dame wird wenigstens noch vierzehn Tage lang in völliger Bewußtlosigkeit verharren, wovon ihr starker Blutverlust die Ursache ist; und wir können uns glücklich schätzen, wenn sie in Zeit von vier Wochen unsere Fragen beantworten kann.“

— So müssen wir uns bis dahin gedulden, sagte der Oberst in einem Tone, dem er den Anschein der Gleichgültigkeit zu geben strebte. —

In diesem Augenblicke trat Lisette in’s Zimmer, und meldete voller Angst, daß Helene ohnmächtig geworden sei. Beide Herren eilten nun, wohin ihre Pflichten und Gefühle sie riefen. Die Oberstin blieb noch mehrere Tage lang in diesem Zustande der Schwäche, die aus dem Uebermaße ihres Schmerzes entstand, und nichts konnte sie zerstreuen; nur ein einziger Gedanke beschäftigte ihre Einbildungskraft.

Lodoiska schien unterdessen bestimmt zu sein, alle Behauptungen und Voraussetzungen des Arztes zu widerlegen; ihre Gesundheit war in weit kürzerer Zeit wieder hergestellt, als es nach seiner Meinung möglich war, und er genoß nicht einmal das Glück, die schöne Fremde zuerst sprechen zu hören. Einige Tage nach jener Schreckensnacht trat Alfred, der schon öfter in das Zimmer der Kranken gekommen war, um sich nach ihrem Befinden zu erkundigen, abermals hinein, und hörte von der Wächterin, daß man vergessen habe, ihr das Frühstück zu bringen; er erlaubte ihr daher, es selbst zu holen, während er bei der Kranken zu bleiben und ihre Rückkehr abzuwarten versprach. Die Wächterin, voll Dankbarkeit über diese Gefälligkeit, und vielleicht in der Furcht, daß es nicht des Obersten Ernst sein möchte, nahm ihn beim Worte, und entfernte sich augenblicklich.

In den ersten Minuten blieb Alfred fast unbeweglich vor dem Bett, in welchem Lodoiska, der Gegenstand seiner ersten Liebe, ruhte; beim Anblick dieser fest geschlossenen Augen, dieser magern und leichenblassen Gesichtszüge, verfiel er in ein höchst schmerzliches, träumerisches Nachdenken. Die Kranke lag völlig unbeweglich, und kaum merkte man an ihrem schwachen Athemzuge, daß noch Leben in ihr sei.

„Armes Mädchen! sagte Alfred halb laut; so sollte ich dich also wiedersehen, nachdem dich deine unglückliche Liebe bis hierher geführt hat?“