Ein Seufzer, der von Lodoiska’s Lippen erschallte, machte den Obersten aufmerksam, und er näherte sich dem Bette noch mehr. Bald sahe er, wie sich die Augenlieder der Kranken fast unmerklich bewegten; endlich schlug sie die Augen auf, und blickte ihn an, worauf eine plötzliche Röthe ihr Gesicht überzog, und ihr Mund den Namen Alfred aussprach.
„Lodoiska, hast du mich erkannt? fragte der Oberst, der Heftigkeit seiner Gefühle fast unterliegend. Ach, wie sehr mußt du mich verabscheuen!“
— Alfred! liebst du mich? —
Bei dieser unerwarteten Frage, die nicht leicht zu beantworten war, fühlte sich der Oberst fast wie versteinert. Seine Zunge war im Begriff ein zufriedenstellendes Wort auszusprechen; aber seine Vernunft hielt dasselbe zurück; er konnte nur sein Gesicht mit beiden Händen bedecken, und schweigen.
„Alfred, grausamer Geliebter meines Herzens! willst du mir den Tod geben, dem ich jetzt entrinne?“
O, wie schrecklich war es für Alfred, die Unglückliche nicht beruhigen zu dürfen! Sie schien nur in’s Leben zurückzukehren, um vom ersten Augenblicke an allen den Kummer von Neuem mit verdoppelter Heftigkeit zu fühlen, der schon seit so langer Zeit an ihrem Herzen nagte. Aber konnte der Oberst einer unglücklichen Leidenschaft noch neue Nahrung geben? War er nicht Helenens Gatte? Konnte er sie so hintergehen? Die verschiedensten Gefühle und Gedanken kämpften in seinem Innern mit einander, und er war noch unentschlossen, als ein abermaliger Seufzer Lodoiska’s seine Aufmerksamkeit auf sich zog, und er mit Schrecken erkannte, daß sie in tiefe Ohnmacht zurückgesunken sei.
Da der Oberst fürchtete, der armen Kranken den letzten Stoß gegeben zu haben, so stürzte er aus dem Zimmer, und rief mit lauter Stimme den Arzt und die Bedienung herbei. Er erzählte ihnen, daß die Fremde anfangs zu sich selbst gekommen sei, und einige Worte gesprochen habe, worauf sie wieder in eine höchst gefährliche Ohnmacht zurückgefallen sei.
„Sie hat gesprochen, sagen Sie? rief der Arzt. Sind Sie auch Ihrer Sache ganz gewiß? denn es scheint mir ganz unmöglich. Wenn es aber dennoch wahr ist, so weiß ich nicht mehr, was ich von diesem unerklärbaren Wesen denken soll!“
Der Oberst versicherte, daß die Kranke gesprochen habe, und daß ihre Worte: Wo bin ich? wer ist bei mir? ganz vernehmlich gewesen seien. Freilich hatte sie so nicht gesagt, aber Alfred hütete sich wohl, die Wahrheit zu entdecken. Wildenau fand, daß Lodoiska ein heftiges Fieber hatte, und verhehlte nicht, daß sie sich in großer Gefahr befände, weil sie eine große Erschütterung in ihrem Innern erlitten haben müsse. Bei dieser Erklärung war der Oberst wie vom Blitze getroffen, und aus Furcht, sich zu verrathen, entfernte er sich. Ueber eine Stunde lang ging er in dem großen Saale auf und nieder, ohne zu wagen, sich zu seiner Gattin zurück zu begeben, noch in Lodoiska’s Zimmer zurückzukehren, wo dieselbe vielleicht im Begriff war, ihren letzten Seufzer auszuhauchen. O, welche Vorwürfe machte er sich jetzt über seinen vormaligen jugendlichen Leichtsinn, über seinen unverzeihlichen Fehler, in dem unschuldigen und gefühlvollen Herzen Lodoiska’s eine Flamme entzündet zu haben, deren Folgen so schrecklich waren! Er sahe jetzt ein, daß die Liebe, welche gewöhnlich so vergänglich ist, bei gewissen Charakteren ewig währen kann; denn Lodoiska’s Beständigkeit gab ihm den Beweis, weil Nichts ihre Zärtlichkeit zu vermindern im Stande gewesen war. Die Entfernung und lange Trennung, selbst die schlechte Behandlung waren an ihrem Herzen vorübergegangen, ohne es zu erkälten, und er selbst empfand jetzt das ganze Entzücken der Liebe, das ihn ehemals trunken machte. Welche Qualen, welche Kämpfe hatte der Oberst nun zu überstehen! Er sahe seine Zukunft wie hinter einer finstern Wolke, und voller Schrecken ergab er sich seinem Schicksale. Quälte ihn nicht auch die Art von Nebenbuhlerschaft, die zwischen ihm und dem Arzte entstehen zu wollen schien? Der Letztere, der noch jung und von sehr liebenswürdigem Aeußeren war, hatte alle Ansprüche, eine zärtliche Neigung einzuflößen. Ohne Zweifel würde er jetzt anfangen, Lodoiska mit seiner Leidenschaft zu verfolgen, ja vielleicht den Obersten selbst zur Mittelsperson machen wollen, wozu sich Alfred völlig unfähig fühlte! —
Wie wir schon gesagt haben, Lodoiska ging, wider alle Wahrscheinlichkeit, ihrer Genesung mit raschen Schritten entgegen. Kaum waren vierzehn Tage verflossen, so konnte sie schon aufrecht in ihrem Bette sitzen, und die an sie gerichteten Fragen beantworten. Helene entschloß sich nur schwer, ihr einen Besuch abzustatten, weil ihr Anblick ihr Wilhelms Tod so lebhaft in’s Gedächtniß zurückrief, daß sie beim ersten Besuche ohnmächtig wurde. Jedoch mangelte es der kranken Lodoiska nicht an Gesellschaft, weil der Arzt, so viel es seine Geschäfte zuließen, sich bei ihr aufhielt. Auch der Oberst, durch ein unwiderstehliches Gefühl dazu fortgerissen, wiederholte seinen Besuch täglich, obgleich er täglich schwur, seine Besuche seltener zu machen. Indessen suchte er es so einzurichten, daß er nie mit Lodoiska allein war, weil er eine zweite Erklärung von ihrer Seite fürchtete.