Vergebens suchte Lodoiska öfters, die lästigen Zeugen zu entfernen, wenn sich der Oberst bei ihr befand; aber Alfred war so sehr auf seiner Hut, daß er sich stets entfernte, wenn der Zufall es hätte herbeiführen können, sich mit dem Opfer einer unglücklichen Liebe allein zu befinden. In solchen Augenblicken sah man denn in den sonst gleichgültigen Gesichtszügen Lodoiska’s den heftigsten Verdruß vorherrschen, der sich oft gegen ihre Wärterin, selbst gegen den Arzt, äußerte. Der Letztere, der sich immer mehr gefesselt fühlte, ertrug mit seltener Geduld eine Leidenschaftlichkeit, von welcher er die wahre Ursache durchaus nicht ahnete, sondern die er nur ihrem körperlichen Uebelbefinden zuschrieb.
Bald darauf erklärte Lodoiska, daß sie aufstehen wolle, wobei der Arzt fast in Verzweiflung gerieth. Er versicherte, daß sie noch zu schwach sei, um ihren Wunsch befriedigen zu können, und daß sie sich wenigstens noch vier Wochen gedulden müsse, weil er sonst nicht dafür stehen könne, daß sie in die größte Gefahr geriethe, wenn sie ihr Bett verlassen wollte. Lodoiska antwortete nicht, wie sie es stets gewohnt war, wenn man ihr einen Vorschlag machte, der ihr nicht gefiel. Aber sobald Wildenau sich entfernt hatte, bat sie ihre Wächterin, ihr eine Frucht herbeizuholen, nach deren Genuß sie großes Verlangen fühle, und kaum war sie allein, so eilte sie, sich anzukleiden.
Das Erstaunen der Wächterin, als sie in’s Zimmer zurückkehrte, war unbeschreiblich; sie eiferte gegen die Dreistigkeit, mit welcher Lodoiska alle Vorschriften des Arztes bei Seite setzte, und drohte ihr mit dem höchsten Zorn des Letzteren, wenn derselbe sie bei seiner Rückkehr nicht im Bette finden würde. Aber diese Drohung machte nicht den geringsten Eindruck, und nachdem Lodoiska einige Zeit lang im Zimmer auf und nieder gegangen war, ließ sie die Oberstin fragen, ob dieselbe ihren Besuch annehmen könne.
Funfzehntes Kapitel.
Die Oberstin, und noch mehr ihr Gemahl, war weit entfernt von dem Gedanken, die Fremde vor sich erscheinen zu sehen. Beide fürchteten, daß sie ihrer Gesundheit Schaden zufügen könnte, und anstatt sie bei sich zu erwarten, begaben sie sich zu ihr.
„Mein Gott! sagte Helene eintretend, was beginnen Sie? So wenig beobachten Sie die Vorschriften unseres Arztes? Er hatte Ihnen doch empfohlen, sich noch länger im Bette zu halten, und nun sind Sie ohne seine Erlaubniß aufgestanden!“
— Ich hege die größte Meinung von den Kenntnissen des Herrn Wildenau, antwortete Lodoiska; aber ich glaube, daß die Arzneiwissenschaft gewisse Grenzen hat, über die sie nicht hinausgehen kann. Unser Freund beurtheilt meinen Zustand nach den ihm sonst vorgekommenen ähnlichen Fällen; aber bei mir muß er sich in allen seinen Voraussetzungen getäuscht sehen, weil ich eines außerordentlichen Daseins genieße: ich kann nicht völlig sterben, und Sie haben schon den Beweis davon. Da ich mich nun stark genug fühle, warum sollte ich mich noch nach Vorschriften richten, die meine Genesung nur verzögern würden? —
Seitdem Helene die Fremde bei sich aufgenommen, hatte sie schon die Erfahrung gemacht, daß es vergeblich sei, sich ihrem Willen zu widersetzen. Sie begnügte sich daher, ihr zu antworten, daß sie besser als jeder Andere wissen müsse, was sie zu thun habe, und daß sie dabei ohne Zweifel die Vorsicht nicht aus den Augen setzen würde. Der Oberst schwieg völlig. Erst heute sahe er eigentlich Lodoiska’n zum ersten Male wieder, und betrachtete mit stiller Rührung die Zerstörungen, welche Zeit, Unglücksfälle und Leiden in diesem schönen Körper angerichtet hatten. Sie besaß nicht mehr die lebhafte Gesichtsfarbe, welche sonst ihre Reize so sehr erhöheten, und ihre Augen schienen fast erstorben zu sein; aber dennoch mußte sie Aller Blicke auf sich ziehen, und den Männern Liebe einflößen. Ihr prächtiger Wuchs, ihre regelmäßigen Züge, ihr einnehmendes Wesen waren ihr noch geblieben.
Lodoiska behandelte den Obersten mit jener kalten Höflichkeit, die man gewöhnlich gegen Unbekannte ausübt, und sie wußte die Gefühle ihres Innern auf das Strengste zu verbergen. Wenn sie aber gewiß war, von keinem Zeugen belauscht zu werden, so belebte sich ihr Blick und machte dem Obersten die bittersten Vorwürfe, oder schien öfters zu sagen: Kehre zu mir zurück, und Alles ist verziehen. Alfred verstand diese Blicke nur allzugut, doch glaubte er, ihnen trotzen zu können; er vergaß, daß man, um Gefahren dieser Art zu überwinden, sie fliehen, nicht aber ihnen die Spitze bieten muß. Zwei Herzen, die sich einst liebten, und die nach langer Trennung sich einander wieder finden, vereinigen sich fast immer.
Während sich unter diesen drei Personen eine Unterhaltung entspann, kam der Arzt von seinen Geschäften, die er in der Umgegend gehabt hatte, zurück. Schon bei seinem Eintritte in’s Schloß erfuhr er, wie wenig die Fremde seine Vorschriften befolgt habe; er nahm sich daher vor, ihr deßhalb Vorwürfe zu machen; allein sein ganzer Zorn verschwand, als er in’s Zimmer trat, und sie in einem Zustande sahe, der ihre völlige Wiederherstellung bewies.