„Ich sehe, redete er sie an, daß sie meiner Hülfe nicht mehr bedürfen, und Sie haben daher vollkommen Recht, sich meiner Autorität zu entziehen; ich wünsche nur, daß sie es nie bereuen möchten.“
— Ihren seltenen Kenntnissen, antwortete Lodoiska, habe ich viel zu verdanken; das Uebrige hat die Natur gethan. Glauben Sie mir, daß ich mich jetzt vollkommen wohl befinde; aber je freier ich nun athme, desto mehr ist auch mein Herz von Dankbarkeit gegen Sie erfüllt. Erlauben Sie mir, Ihnen einen kleinen Beweis davon zu geben, was Sie mir hoffentlich nicht abschlagen werden. —
Mit diesen Worten nahm Lodoiska einen prächtigen Brillantring von sehr bedeutendem Werthe, von dem Tische, und überreichte ihn dem Arzte, der vor Ueberraschung nicht wußte, was er thun sollte. Gern hätte er ein Geschenk von sich gewiesen, das er für zu kostbar für seine Bemühungen hielt; wie gern hätte er es gesehen, wenn ihm die junge Schönheit ihre Dankbarkeit auf eine andere Art bewiesen hätte. Aber Lodoiska trat mit solcher Zuversichtlichkeit auf ihn zu, daß er das ihm dargebotene Geschenk nicht ausschlagen konnte, und nach einigem schwachen Widerstande nahm er den Ring seufzend an, steckte ihn an seinen Finger, und gab dem Obersten durch einen Blick zu erkennen, daß er gewünscht hätte, Lodoiska möchte ihm auf eine andere Art ihre Dankbarkeit zu erkennen gegeben haben.
Die Oberstin brannte vor Ungeduld, zu erfahren, was sich eigentlich in jener Schreckensnacht zugetragen hatte, deren Andenken nur mit ihr selbst in ihr untergehen konnte; aber sie fühlte auch zu gleicher Zeit, daß sie noch nicht stark genug sei, diese Erzählung ruhig mit anzuhören. Daher stand sie von ihrem Stuhle auf, wiederholte ihre Glückwünsche zur Wiedergenesung der Fremden, und überließ es dem Obersten und dem Arzte, die Enthüllung der Geheimnisse jener Nacht von Lodoiska’n entgegen zu nehmen.
Diese erbebte unwillkührlich, als man sie über diesen Gegenstand befragte; man konnte es auf ihrem Gesichte lesen, wie ungern sie es sehe, daß man sie daran erinnerte; daher schwieg sie auch einige Augenblicke, sei es nun, um sich zu sammeln, oder um abzuwarten, ob man die Frage erneuern würde. Allein der Oberst wiederholte dieselbe, und Lodoiska erzählte nun Folgendes:
„Die Frau Oberstin war von dem unausgesetzten Nachtwachen schon so sehr erschöpft, daß sie mich bat, an ihrer Stelle bei dem unglücklichen Kinde zu wachen, das sie verloren hat.“
Bei diesen Worten stieß der Oberst einen tiefen Seufzer aus. Verwirrt hielt Lodoiska inne, und ein krampfhafter Schmerz verzog ihre Gesichtszüge. Sie zögerte fortzufahren, that dieß aber doch endlich folgendermaßen.
„Ich konnte es dieser großmüthigen Dame nicht abschlagen, und ungeachtet meines Widerwillens, wovon ich mir damals noch keine Rechenschaft geben konnte, der sich aber durch die Folge gerechtfertigt hat, willigte ich ein, die Nacht bei dem armen Wilhelm zuzubringen. Gegen Mitternacht überwältigte mich der Schlaf, der seit mehreren Jahren nur selten meine Augen schließt, mit solcher Kraft, daß ich ihm vergebens zu widerstehen suchte; ich legte meinen Kopf gegen den Rücken des Lehnstuhls, in welchem ich saß, und in wenigen Augenblicken war ich eingeschlummert. Was von diesem Zeitpunkte an geschehen ist, weiß ich nicht, bis ich plötzlich durch ein starkes Geräusch geweckt wurde. Kaum schlug ich die Augen auf, so erblickte ich beim Schein des Mondes vier bewaffnete Männer, welche auf mich zukamen. Mein Schrecken war so groß, daß ich nicht im Stande war, zu schreien, um Hülfe herbeizurufen. Der eine von den Männern faßte mich beim Arme, ein anderer näherte sich dem Bette. In diesem Augenblicke wurde die Thür mit Ungestüm aufgerissen, und Werner erschien. Ich hörte zwei Pistolenschüsse fallen, fühlte mich von einer Kugel getroffen, und stürzte zur Erde. Meine Besinnung verließ mich. Ohne Zweifel waren die Räuber durch’s Fenster eingestiegen; denn ich hörte nachher von meiner Wächterin, daß man eine Strickleiter am Fenster gefunden habe. Ich kann diesen Umstand nicht bestätigen, weil ich nichts gesehen habe, als die Mörder und den Tod, den sie mir ohne Zweifel bestimmten. Auch weiß ich keine bestimmte Ursache für den Tod Ihres Kindes anzuführen. War dieß gerade der Augenblick seines Sterbens, oder wäre es durch die Furcht schneller herbeigeführt worden? Ach, er kann es Ihnen nicht sagen, und kein Sterblicher wird je von den Geheimnissen des Todes unterrichtet werden.“ —
So erzählte Lodoiska ihre Geschichte, und Niemand konnte die Wahrheit derselben bezeugen oder ihr widersprechen. Sie allein hatte die Begebenheit überlebt; diejenigen, welche die wahren Umstände derselben hätten bekannt machen können, waren auf ewig von dieser Erde verbannt, wo das Verbrechen und die Lüge nur allzuoft über Unschuld und Tugend den Sieg davon tragen. Eine so unvollständige Erzählung konnte übrigens nicht die geringste Aufklärung geben. Man hatte ungeachtet der eifrigsten Nachforschungen nicht die geringste Spur von den Mördern finden können, und dennoch waren sie da gewesen. Lobenthal und Wildenau verloren sich in ihren Vermuthungen, während Lodoiska in ihrer gewöhnlichen Gleichgültigkeit verharrte, und endlich den Wunsch äußerte, auf einige Zeit allein zu sein, um, wie sie sagte, sich von der Abspannung zu erholen, in welche ihre Erzählung ihre moralischen Kräfte gesetzt habe.
Dieser Wunsch war sowohl für den Obersten als für den Arzt ein Befehl. Sie entfernten sich augenblicklich, und begaben sich zu Helenen, der sie die eben angehörte Erzählung mittheilten, die aber davon wenig gerührt wurde, weil sie keinen Aufschluß über den geheimnißvollen und unerwarteten Tod ihres Sohns dadurch erhielt. Das Uebrige kümmerte sie wenig, und sie sah darin nichts weiter, als einen gewöhnlichen Angriff von Räubern, der für dieselben ohne Erfolg gewesen war, aber blutige Spuren hinterlassen hatte.