Lodoiska fing jetzt ihr früheres gewöhnliches Leben wieder an. Fast immer in ihrem Zimmer eingeschlossen, zeigte sie sich nur zur Zeit der Mahlzeit, und nur selten willigte sie darein, den Nachmittag mit der Familie zuzubringen. Ihre Unterhaltung war dann ernsthaft und schwermüthig; sie schien ihre Leidenschaft für den Obersten völlig vergessen zu haben, sowohl als die Worte, die sie bei ihrem ersten Wiedersehen ausgesprochen hatte. Dadurch ward Lobenthal so sicher gemacht, daß er täglich weniger Vorsicht anwendete, einer Unterredung unter vier Augen auszuweichen, die Lodoiska nicht mehr zu wünschen schien. —

Man befand sich jetzt mitten im Winter. Bald machte der Regen alle Wege ungangbar, bald verwandelte der eisige Hauch des Nordwindes die Erde in Stein, und machte es unmöglich spazieren zu gehen. Bei solchem Wetter befiel den Obersten seine alte Jagdlust wieder, und oft kehrte er mit reicher Beute beladen nach Hause zurück. So war er auch eines Morgens in den Wald gegangen, wo ihm sogleich anfangs ein Reh in den Schuß kam; allein das arme Thier stürzte nicht sogleich todt zur Erde nieder, sondern lief mit Anstrengung aller Kräfte pfeilschnell durch das dickste Gebüsch, von dem bellenden Jagdhunde des Obersten verfolgt. Auch Lobenthal folgte der blutigen Spur, bis er das Thier verendet fand, aber sich dabei so weit vom Schlosse entfernt sahe, daß er kaum mehr hoffen konnte, es zur Mittagszeit wieder zu erreichen.

Nachdem er seine Beute in Stücke getheilt hatte, um sie desto besser fortzubringen, machte er sich auf den Rückweg, der ihn so ermüdete, daß er sich, nicht weit mehr vom Schlosse entfernt, auf einer in einen Felsen gehauenen Bank, auf einige Augenblicke auszuruhen beschloß. Tausend verschiedene Gedanken bestürmten seine Einbildungskraft, die ihn bald in seine Jugendjahre zurückführte; er glaubte, noch in den Gebirgen der Wallachei zu sein, wo er oft in Gesellschaft eines Mädchens, das ihm damals ein Engel zu sein schien, die schneebedeckten Gipfel der Felsen erkletterte. Plötzlich fiel ihm ein Gedicht ein, das er einst in jener glücklichen Zeit für Lodoiska verfertigt hatte; es konnte nach einer in ihrem Vaterlande sehr beliebten Weise gesungen werden, und nachdem er die ersten Verse für sich hergesagt hatte, ging er unvermerklich in jene Melodie über, bis er, ohne es selbst zu wissen, das Lied mit lauter Stimme sang.

Der Gesang war geendigt, und noch befand er sich in seinem träumerischen Zustande, als er daraus plötzlich durch das Herabfallen einiger Steine von der neben ihm befindlichen Höhe geweckt wurde. Er richtete den Kopf nach oben, um die Ursache zu entdecken; aber wie erstaunte er, als er Lodoiska, die ihn so eben noch so sehr beschäftigt hatte, von der Höhe herabkommen sahe. Er konnte ihr nicht anders ausweichen, als wenn er gerade querfeldein lief, was nach den Regeln des Anstandes durchaus nicht thunlich war; aber er gerieth in die größte Unruhe über die Unterredung, die nun ohne Zweifel Statt haben mußte. In seiner Ueberraschung sprang er von seinem Sitze auf, während die junge Schönheit, vielleicht von ähnlichen Gefühlen, wie die seinigen, bestürmt, stehen blieb, und sich an die Felsenwand stützte, als wenn sie fürchtete, ihr Bewußtsein zu verlieren.

So standen beide einige Zeit lang einander gegenüber, ungewiß, was sie thun sollten; endlich setzte aber Lodoiska ihren Weg fort, und befand sich nach einigen Augenblicken dicht bei dem Obersten.

Sechszehntes Kapitel.

„Sollte ich Ihnen, redete sie ihn mit halb erstickter Stimme an, durch meine Gegenwart lästig werden? Können Sie mich nicht anders mehr als mit Furcht erblicken? Muß ich zu dem Zufall meine Zuflucht nehmen, um mit Ihnen zusammen zu treffen?“

Alfred fühlte die Nothwendigkeit, hierauf etwas zu erwidern; aber er fürchtete auch, in seinen Worten nicht die richtige Mittelstraße beobachten zu können, und das Unangenehme seiner Lage setzte ihn in die größte Verlegenheit.

„Ach! antwortete er, ist es gut für uns beide, daß wir uns wiedergefunden haben? Hatte uns nicht das Schicksal auf immer von einander getrennt? Konnte ich erwarten, Lodoiska, Sie hier in Deutschland zu sehen, nachdem die Bande, die uns an einander knüpften, längst aufgelöset sind?“

— Und wer hat sie zerrissen, Alfred, diese Bande? Verdiene ich oder Sie diesen Vorwurf? Nur die Zeit war zwischen uns; ich konnte meine schwachen Reize verlieren, aber mein Herz hat sich nicht geändert, und Sie sehen den Beweis davon vor sich! —