„Ich bedarf Ihrer Gegenwart nicht, Lodoiska, um mir Vorwürfe zu machen, die ich mir schon seit langer Zeit gemacht habe. Die Verirrungen meiner Jugend haben sich meinen Blicken schon längst unter den schwärzesten Farben dargestellt. Aber was kann jetzt noch geschehen? Unsere Lage ist kummervoll; aber es bleibt uns nichts übrig, als sie mit Fassung und Muth zu ertragen: so will es das Schicksal.“

— Sie drücken sich ziemlich dunkel aus, Alfred. Reden Sie offen zu mir, sagen Sie mir Alles, was Sie denken, und ich werde aufrichtig Ihrem Beispiele folgen. —

„Wie wäre es möglich, selbst zu enträthseln, was jetzt in meinem Herzen vorgeht? Und dürfte ich es thun, wenn ich es könnte? Bin ich nicht durch unauflösliche Bande gefesselt? Sein Sie großmüthiger als ich, Lodoiska, und bringen Sie freiwillig ein nothwendiges Opfer. Vergessen Sie mich, wenn Sie können ....“

— Sie haben Recht, wenn Sie daran zweifeln. Ich bin Ihnen völlig ähnlich, Alfred; auch ich habe meine Schwächen, mein Unrecht vielleicht. Sie haben nicht gefürchtet, mich zu verlassen, und einer Andern die Treue zu widmen, die Sie mir gelobt hatten; ich dagegen kann meine Empfindungen nicht unterdrücken, obgleich ich einsehe, daß sie vergeblich sind. Ich weiß, daß meine Gegenwart Sie belästigt, und dennoch fühle ich mich glücklich, daß ich mich mit einer eiteln Hoffnung täuschen kann. Warum wollen Sie, daß ich Sie an Geistesstärke übertreffen soll? Sie haben mir Ihr Herz nicht erhalten können, und ich fühle mich unfähig, Ihnen das meinige zu entreißen. —

„Ihre Worte, Lodoiska, verdoppeln noch meine Verzweiflung. Ich würde mein Leben dafür geben, das Geschehene ungeschehen zu machen, damit Sie ruhig und glücklich Ihr Leben genießen könnten.“

— Es giebt Wünsche, antwortete Lodoiska mit einem schauerlichen Tone, deren Erfüllung nicht mehr möglich ist. Für mich giebt es kein Glück und keine Ruhe mehr auf der Erde; auch werde ich beides im Grabe nicht finden, und Sie allein muß ich als die Ursache dieses Unglücks betrachten. Sie wollen Ihr Leben für mich hingeben, sagen Sie? Dieses Opfer steht nicht in Ihrer Gewalt. Gehörten Sie mir nicht schon früher an? Habe ich nicht das heiligste Versprechen darüber, mit Ihrem eigenen Blute geschrieben? —

„Ich läugne es nicht, daß ich Ihnen dieses Andenken meiner Liebe zurückgelassen habe. Aber wozu kann es Ihnen jetzt noch dienen? Es ist ein nichtiges Papier, das unsere Gesetze nicht anerkennen.“

— Ihre Gesetze! Was gehen mich die Förmlichkeiten an, die die Willkühr der Menschen geheiligt hat? Aber ich werde mich keinesweges so herabwürdigen, Sie wegen Ihres Meineids vor den Gerichten Ihres Landes zu belangen, sondern besser thun, mich bei dem unbestechlichen Wesen zu beklagen, das nicht über Worte richtet, sondern über Thaten. Zittern Sie, Unglücklicher, vor der Strafe, die Sie erwartet. Kennen Sie alle Mittel, deren sich der Allmächtige bedienen kann, um Sie in Ihrem Innersten zu verwunden? —

„Unglückliche Lodoiska, sein Sie ruhiger, ereifern Sie sich nicht! Da ich Ihnen jetzt nicht mehr meine Hand anbieten kann, so erlauben Sie, daß die reinste Freundschaft eine heftige Leidenschaft ersetze.“

— Die Freundschaft! nichts als die kalte Freundschaft bietet mir also Alfred an, für so viele Jahre voll Zärtlichkeit und Schmerz! Ich soll mich also entweder von ihm entfernen, um von Zeit zu Zeit einen Brief zu erhalten, dessen Kälte mich zur Verzweiflung bringen würde; oder mit ihm unter einem Dache bleiben, und dort Zeugin von dem Glücke einer Andern sein, mich einer beständigen Marter überliefern! Ach, wie unverständig war ich noch vor wenigen Augenblicken, als ich dort hinter jenen Bäumen Worte hörte, die mir in’s Innerste drangen, und die ich noch nicht vergessen habe! —