„Sie mußten Ihnen einen Beweis geben, daß Sie mir oft im Herzen gegenwärtig sind, und daß ich mich mit Kummer jener Zeiten erinnere, die für mich so glücklich waren. Aber ich beschwöre Sie, Lodoiska, retten Sie mich und sich vor der Verzweiflung; suchen Sie sich zu beherrschen, und sich nicht zu rächen, wie Sie es mich in Ihrem letzten heftigen Briefe fürchten ließen.“
— Sein Sie ruhig Alfred; seit jener Zeit haben meine Gedanken eine andere Richtung erhalten. Nicht durch menschliche Mittel will ich mich zu rächen suchen, sondern durch eine höhere Macht, die mich wider meinen Willen zum Ziele treibt. Gerne wünschte ich den mir vorgeschriebenen Gang zu ändern, aber es ist unmöglich! —
Der feierliche Ton, mit welchem das junge Mädchen diese Worte aussprach, flößte dem Obersten eine Art von Schrecken ein; doch faßte er sich bald, und sagte, Lodoiska’n die Hand reichend:
„Ich hoffe, daß unser Schöpfer mir mein begangenes Unrecht verzeihen wird, wenn Sie großmüthig genug sind, es zuerst zu vergessen. Weisen Sie meine Hand nicht so verächtlich von sich. Schließen wir einen Friedensvertrag, und versprechen Sie mir, daß Sie die Ruhe meiner Frau nicht stören wollen.“
— Warum sollte ich großmüthiger sein als Sie? Was geht mich die Ruhe Ihrer Frau an? Haben Sie nicht die meinige unwiederbringlich aufgeopfert? Doch ich will suchen, Sie in allen Dingen zu übertreffen; nur Sie will ich quälen, und wenn ich mich nicht selbst beherrschen kann, so werde ich ohne Mitleid gegen Sie sein, wie Sie es gegen mich gewesen sind. —
Die Bitterkeit dieser Antwort schlug den Obersten völlig zu Boden. Er dachte in seiner Verzweiflung nicht daran, daß es Zeit sei, sich zum Mittagsessen nach Hause zu begeben; aber Lodoiska war vorsichtiger.
„Es ist Mittagszeit, sagte sie, und Sie können Ihre Jagd nicht noch länger fortsetzen, ohne diejenige in die größte Angst zu setzen, deren Ruhe Ihnen so theuer ist. Schlagen Sie jenen Weg dort ein, er führt Sie gerade nach dem Schlosse; ich werde über diese Anhöhe hier zurückgehen. Weiter habe ich Ihnen nichts zu sagen, Alfred, aber ich fürchte für Sie den Zorn des Himmels.“
Mit diesen Worten wendete sich Lodoiska rasch um, erstieg den Hügel, und verschwand vor den Augen des Obersten, der noch lange Zeit brauchte, ehe er sich erholte und auf den Weg begab. Als er in’s Schloß zurückkam, sahe er, wie Lodoiska neben seiner Frau saß, so ruhig, als wenn durchaus nichts vorgefallen wäre.
Der Nachmittag verstrich fast unter stetem Schweigen. Die Zeit hatte noch nichts über den Schmerz der Oberstin vermocht; fast beständig saß sie unbeweglich, ein aufgeschlagenes Buch in der Hand, in welchem sie nicht las, oder an einem Stickrahmen, den sie mit ihren Thränen benetzte. Eine tiefe Schwermuth hatte sich ihrer bemächtigt, und nur in seltenen Augenblicken, wo ihr Geist etwas heiterer war, zeigte sie ihrem Gatten, daß sie ihn noch liebe. Ihrer Tochter erlaubte sie niemals, sich von ihr zu entfernen, und wenn öfters Julie, durch ihre Lebhaftigkeit hingerissen, den Befehl ihrer Mutter vergaß, sprang Letztere fast außer sich aus dem Zimmer, rief sie mit lauter Stimme, und war nicht eher ruhig, als bis das Kind wieder bei ihr war. Stundenlang betrachtete sie Juliens lächelndes Gesicht; es schien ihr, als wenn das kleine Mädchen schon ebenfalls von der Krankheit befallen wäre, die ihren Bruder in’s Grab gebracht hatte; dann kannte ihre Verzweiflung keine Grenzen. Vergebens versicherte der Arzt, daß ihre Tochter völlig gesund sei; sie konnte nur unvollkommen ihre Angst unterdrücken, die sich bei der geringsten Veranlassung erneuerte.
Als Alfred diese beständige Traurigkeit sahe, welche die seinige noch verdoppelte, fürchtete er, seine Frau einen Augenblick lang allein zu lassen. Er bemerkte, daß Helene ihre eigene Gesundheit untergrub, indem sie so eifrig über die Gesundheit der kleinen Julie wachte; schon waren ihre Wangen blaß und eingefallen, ihre Augen wurden hohl, und aus ihrer Brust kamen oft rauhe Töne hervor, als wenn sie von der abzehrenden Krankheit befallen wäre.