Am folgenden Tage stattete der alte Herr von Krauthof einen Besuch im Schlosse ab. Fast mit ihm zugleich kam Wildenau. Der Erstere hatte schon lange mit großer Ungeduld den Augenblick erwartet, wo er die geheimnißvolle Fremde zu Gesicht bekommen würde. Oft war er deßhalb schon vergebens im Schlosse gewesen; aber heute war er glücklicher, und mit welcher Freude sahe er Lodoiska’n, welche die kleine Julie auf dem Schooße hatte, am Fenster sitzen. Durch seinen feinen Anstand zeichnete sich Herr von Krauthof eben nicht aus; an das Leben auf dem Lande gewöhnt, wo er größtentheils nur mit Bauern zusammenkam, über die er sich hoch erhaben glaubte, legte er sich in Gesellschaften eben keinen Zwang an. Sobald er sich daher gesetzt und der Oberstin die gewöhnlichen Komplimente gemacht hatte, wendete er sich an die junge Lodoiska:

„Madame, vielleicht kommt Ihnen dieser Titel nicht zu; denn es ist möglich, daß Sie noch nicht verheirathet sind; aber glauben Sie mir, es ist nicht meine Schuld, wenn ich Ihnen nicht schon früher meine Aufwartung gemacht habe. Vor einiger Zeit fand ich mich an Ihrer Thüre ein; allein Ihr Kammerdiener weigerte sich mit außerordentlicher Grobheit, der Himmel mag sie ihm verzeihen, mich bei Ihnen vorzulassen. Wahrhaftig, ich möchte mich beinahe über die Feuersbrunst freuen, die Ihr Häuschen in Asche gelegt hat, weil ich dieser Begebenheit die Ehre verdanke, Ihnen meine Aufwartung zu machen.“

Diese seltsame Art sich auszudrücken mißfiel der ganzen Gesellschaft. Lodoiska, welche darin nicht geradezu eine Frage sahe, schwieg, während der Arzt, der sie aus einer Verlegenheit zu ziehen glaubte, sich nach dem Zustande ihrer Gesundheit erkundigte. Hierauf antwortete sie mit wenigen Worten. Herr von Krauthof, der sich durch die Unzufriedenheit, die er auf allen Gesichtern lesen konnte, wenn er gewollt hätte, nicht irre machen ließ, wendete sich nun an den Arzt.

„Zum Teufel, mein gelehrter Herr Doktor, Sie sind mit einem Vorrechte begabt, das ich nicht besitze, nämlich diese schöne Dame zum Sprechen zu bringen.“

— Allerdings hat sie mir geantwortet, Herr Ober-Land-Jägermeister; aber dieß verdanke ich meiner Frage, der einzigen, welche wohlerzogene Leute an Jemanden richten können, den sie nicht kennen. —

„Aha! ich höre es, mein Lieber, wie man mir schon früher gesagt hat, daß Sie auch zu der Klasse der jetzigen Aufgeklärten gehören. Was können denn das für wohlerzogene Leute sein, wenn ich nicht dazu gehöre?“

Ungeachtet der ernsten über Lodoiska’s Gesicht verbreiteten Kälte und ihrer gewöhnlichen Gleichgültigkeit, konnte sie doch nicht ein Lächeln über diese Worte unterdrücken, während die Oberstin die Achseln zuckte und Lobenthal aus Klugheit die Antwort unterdrückte, die ihm schon auf den Lippen schwebte. Indessen suchte er die Unterhaltung auf einen andern Gegenstand zu bringen, und fragte, ob es wahr sei, daß endlich das Kirchspiel einen eigenen Pfarrer erhalten würde?

„Ja, Herr Oberst, so viel ich weiß, ist es wahr, und mir dauert schon die Zeit lang, ehe wir ihn hier haben; denn ich hoffe, daß er durch seine Predigten dem Bauervolk mehr Gehorsam und Unterwürfigkeit gegen uns beibringen, und ihnen beweisen wird, wie sehr unser Einer über sie erhaben ist. Vorzüglich aber muß er suchen, den Aberglauben zu verbannen, der unter dem Volke immer mehr Wurzel schlägt, je mehr auf der anderen Seite seine Ungläubigkeit zunimmt.“

— Ich erstaune! sagte der Arzt. Wie können Sie so sprechen! Sie, ein Feind des Aberglaubens! Ich hielt diesen sehr nahe verwandt mit der großen Masse der Vorurtheile. —

„Ich weiß nicht, was Sie damit sagen wollen, mein Lieber; aber ich liebe den Aberglauben nicht, weil er die Bauern von ihrer Pflicht abhält. Seitdem diese Elenden sich in den Kopf gesetzt haben, daß es Vampyre im Kirchspiele gebe, wollen sie keinen Schritt mehr aus dem Hause gehen, sobald es finster ist.“