Vom Lande, wo die kleine Landwirthschaft und daneben das Posamenten eine kleine Haushaltung ordentlich durch's Leben bringt, wo aber gerade der letztere Erwerb etwas unregelmäßiger Frucht trägt, als das Arbeiten in der Fabrik selbst, zogen Heiri und Liese mit ihrem Liseli in die Stadt, um es „besser zu machen.“ Bei der allgemeinen Noth, um ein passendes Geld ein passendes Logis zu bekommen, war es ihnen sehr erwünscht, daß der Vetter Hans, welcher in einer hintern Gasse ein eigenes Haus hatte, und wo er durch Vermiethen seiner kleinen Logis „frei“ saß, ihnen aus Freundschaft ein solches, eine Stiege hoch, um den gewöhnlichen Zins anbot. – Zwar wollte ihnen die Wohnung nicht recht behagen, aber so viel sie sich vorher erkundigt hatten, sie sahen eben ein, daß fast Niemand ihres Standes und Berufes besser versorgt sei. Giebt es doch Häuser mit 6 Kreuzstöcken in der Fronte, wo 11, sage elf Familien wohnen, weil fünf gegen den engen Hof hinaus die einzige Aussicht haben. – Und der Vetter war recht ordentlich, kujonirte nicht wie mancher, der sich als Hausherrn fühlt, seine Abmiether mit allerlei unnöthigen Scherereien, daß man sich kaum zu regen wagt. Er war nicht stolz, sondern recht freundlich, und besonders gegen Heiri's. Daher schickten sie sich in das nothwendige Uebel und zogen damals ein und waren eben jetzt in's vierte Jahr da. Wie schätzten sie sich im Anfang glücklich, in die Stadt gezogen zu sein; denn der Verdienst gieng recht ordentlich und das Geld floß wie ein bescheidenes Brünnlein regelmäßig in's Haus. Auch das Logis lernten sie trotz vieler Unbequemlichkeiten schätzen; denn sie hatten im Hause Frieden. Freilich auf dem Lande hört man nicht oft von Hausstreit zwischen Nachbarn, außer wenn sich an ihnen das Sprüchwort erwahrt: „Halbes Haus, halbe Hölle.“ Aber in der Stadt, wo so viele Hausleute zusammengepfercht wohnen, sind Zwist und Unfrieden leider nicht selten. Neid, Eifersucht, Klatschsucht, Ungefälligkeit, Empfindlichkeit, Kinder, Gassenkehren und unzählige andere Ursachen verbittern manches Leben, zerstören manchen Hausfrieden. Jahrelang können Nachbarn sich in ein Leben von Haß und Bosheit einnisten, einander durch alle erdenklichen Mittel, Verklagen beim Hausherrn, das Leben verleiden, Hohn und bissige Worte aus dem Logis zu vertreiben suchen, und vergessen darüber den hohen Adel und die himmlische Berufung der menschlichen Seele.
All' dieß Leid erfuhren Heiri's nicht an sich selber; denn der Vetter wachte streng über die Hausordnung, und deßhalb waren seine Logis gesucht und nie eines leer. Aber es gab aus der nächsten Nachbarschaft manchen bedauerlichen Auftritt zu hören, oft am Morgen, ein anderes Mal am Abend, heute links, morgen rechts, daß Liese oft sagte: „Gott Lob und Dank, daß wir beim Vetter sind!“ Sie vergaß darüber beinahe die Unbequemlichkeiten und das Unfreundliche und Unbehagliche ihres Hauses. Denn so heimelig wie auf dem Dorfe war's just nicht. Die enge, düstere Gasse war selten trocken, weil die Sonne nie auf den Boden scheinen konnte, und weil vom Morgen bis zum Abend, wenn nur nicht gerade der Landjäger da war, manches Spül- und Bartwasser von oben herunter oder von der Hausthüre aus auf's Pflaster gegossen wurde. Trat man in den Hausgang, so roch's just auch nicht nach Rosenöl, sondern fast wie bei der Gasfabrik; denn zunächst an der Hausthüre war der gemeinschaftliche Abtritt und dahinter ein Verschlag für alle Arten von Abgängen, die von Morgens bis Abends von allen sechs Hauspartheien hier zusammengeworfen und dann in Kehrordnung dem melancholischen Schellenwagen anvertraut wurden. Die Passage war im engen Hausgang oft durch den offenen Kellerhals unterbrochen, was besonders Abends immer einige Vorsicht nothwendig machte, für Fremde aber wirklich gefährlich war. Weit hinter dem langen Gang war die Stiege, die man aber, wenn man so vom Tageslicht hereinkam, nicht mit den Augen, sondern mit den Füßen aufsuchen mußte; auch über diese Schwierigkeit half Uebung und Gewohnheit. Oben kam man von der Stiege aus wieder an die Küchenthüre, welche ein paar Glasscheiben hatte, die fast eben so gut hätten wegbleiben können; trat man durch die Küche weiter, so gelangte man abermals zu einer Thüre mit Glasscheiben, die Stubenthüre; und neben der Thüre gieng auch noch ein Fenster aus der Küche in die Stube; denn außer dieser Beleuchtung gab's kein anderes Tageslicht in der Küche. Die Stube war gegen die sonst im Hause herrschende ägyptische Finsterniß hell; denn sie hatte einen breiten Kreuzstock, wobei es nicht viel ausmachte, daß das zweischläfrige Bett etwas vor dem Fenster stand. Neben der Stube war noch ein Kämmerlein; denn, merkwürdigerweise kommt das nicht selten vor, das Haus ging hier vor einem Theil des Nachbarhauses durch, so daß man sich denken kann, welche Fülle von Licht der Nachbar in seinem versteckten Winkel haben mag. Diese sonderbaren Verzackungen werden wohl jener Zeit ihren Ursprung verdanken, wo ein Bürger dem andern bei einem Glase Wein die wichtigsten Hausgerechtigkeiten „für einen Abendimbiß“ verhandelte. Aber gerade für Vetter Heiri's Haus war das ein Vorzug, weil es gegen die Gasse zwei Fenster, hatte. Gar viele Logis haben statt eines Kämmerleins nichts als einen dumpfen, dunkeln Alkoven hinter der Stube, eine Einrichtung, welche meist durch erwähnte einspringende Winkel oder durch große Tiefe der Häuser bei geringer Breite veranlaßt wird. Das sind aber wahre Mördergruben; denn in solchen Winkeln setzt sich die Feuchtigkeit so fest, daß keine Tapete hält, daß feines grünes Moos sich ansetzt, ja im Winter das Wasser wie an feuchten Felsen heruntertropft. Und wer da schlafen muß, wo der Leim der Bettstellen in Furnieren und Fugen sich auflöst, wo ein eckelhafter Modergeruch Betten und Kleider durchdringt, wie kann der bei stärkster Gesundheit gesund bleiben? Es giebt leider solche Häuser, besonders, wo stark bevölkerte Quartiere in hügeligen Gegenden der Stadt vorkommen, in welchen die Hinterräume und Hinterhäuser in den Berg eingebaut sind. Da sollte von Polizei wegen die Anordnung von Luftkanälen zur Ventilation vorgeschrieben und im Nothfall zwangsmäßig ausgeführt werden, da sollten sämmtliche feuchten Mauerwände mit Asphaltmörtel, mit Theer- oder mit Asphaltfilz bekleidet und vertäfelt oder doppelt (zuerst mit starkem Packpapier) tapeziert werden. Denn nur Schutz gegen äußere und Auftrocknung der innern Feuchtigkeit, gleichzeitig angewendet, vermögen diesen schreiendsten Uebelstand zu heben.
Wie gesagt, Vetter Heiri's Haus hatte manchen Vorzug vor andern Häusern gleicher Klasse, und darum ließ sich's zur Noth darin wohnen; darum trachteten auch Heiri und Liese nicht nach einem andern „Losament.“ Heiri war den Tag über auf der Arbeiterstube; der spürte am wenigsten von der Unbequemlichkeit des Hauses. Aber Liese weinte im Anfang zuweilen in der Stille, weil es das Heimweh nach seinem freundlichen Stüblein auf dem Dorf nicht ganz verwinden konnte. Zwar, ob's das Dorf sei, mit seinen Baumgärten und grünen Matten und niedern Häusern oder die trauliche Bekanntschaft der Leute im Dorf, die Alle einander duzen, das wußte es nicht; aber etwas fehlte ihm. Jahr aus, Jahr ein war's auch das ewige Einerlei in der Arbeit, nur daß man im Winter noch zu heizen hatte. Am Morgen brannte in der finstern Küche das Aempele, im Winter selbst Mittags, und Abends jedenfalls wieder. Ob das Geschirr sauber und blank sei, war beim besten Willen nicht gut zu unterscheiden und Alles mußte mehr im Griff als nach dem Augenschein geputzt oder gekocht werden. Kein Wunder, daß Liese zunächst die gewohnte Freude an der Reinlichkeit in der Küche verlor. Liseli bekam manchen „Schnauz“, wenn es die Pfanne, welche die Mutter schon ausgerieben hatte, noch einmal visitirte; denn Liseli war sehr exakt und nahm eher Kellen und Löffel und Gabeln und Messer an's Stubenfenster, als daß es auf's Gerathewohl das Geschirr auf dem Küchenschaft versorgt hätte.
Im Winter gings nicht sehr früh her. Der Milchmann kam spät und vorher nützte das Aufsein nicht viel. Wäre Liseli gern, wie gewohnt, um 5 oder halb 6 Uhr aufgestanden, so war der Vater unzufrieden, man müsse das Licht ja schon am Tag genug in der Küche brennen und zu thun sei ja nichts Nothwendiges. Liese kam so in jenen verderblichen Schlendrian der Hausordnung, wo man den ganzen Vormittag in ungekämmtem Haarschmuck und im schlampigen Staat des Unterrocks und Nachtkittels herumhanthiert und sich lobt, daß man das Bett gemacht und die Stube gewischt hat. Das war aber dem Liseli gar schwer; doch durfte es aus Ehrfurcht und Scheu der Mutter nichts sagen und strengte sich in seinem Theil um so mehr an, der Ordnung heil'ge Zucht zu wahren. Es nahm den Staub fleißig auf und überschwemmte regelmäßig am Samstag Nachmittag den Stubenboden mit einer Fluth warmen Wassers und fegte und wirthschaftete im Zimmer, bis alles rein und hell schien; so auch im Kämmerlein, wo es schlief. Dabei wurden die Fenster und Thüren aufgemacht, daß es lustig durch die Stube blies, damit Alles schneller trocknete. Dieß Lüften wäre, besonders im Winter, eine rechte Wohlthat gewesen, wenn man dem schädlichen Zuge und dabei der Feuchtigkeit hätte ausweichen können. Aber daß dieser Luftzug schädlich sei, wußten weder Liese noch Liseli; auf dem Lande ist man ja bei der Landarbeit immer der freien Luft und allem Wind ausgesetzt, ohne Nachtheil. Zahnweh und Kopfweh schrieben sie vielmehr der veränderten Kost, der andern Luft und dem vielen Sitzen zu. Zudem that ihnen der erfrischende Hauch einer zum Fenster hereinströmenden Luft für den Augenblick wohl, denn der Küchenqualm und der Stubendunst waren oft recht drückend. Aber im letzten Winter wurde die Mutter anhaltend unpäßlich, ohne daß sie wußte warum, noch eigentlich sagen konnte, was ihr wehe that. Bald Stechen in der Seite, bald Kopfweh, wenig Appetit und wenig Muth, das war ihr Uebel. Dabei wurde sie blässer und abgezehrter. Den Doktor wollte sie nicht, denn von Zeit zu Zeit gings wieder besser. Endlich aber wurde dem guten Liseli bang und es ließ nicht nach, bis der Vater zum Doktor ging.
3.
Der Doktor kam; ein freundlicher Mann mit wohlwollendem Blick und klugen Augen, ein Freund der Leidenden und gar oft und viel ein Tröster und treuer Berather der Armen. Es war gerade der rechte Zeitpunkt, um auch den Heiri anzutreffen, der eben Feierabend gemacht hatte. Denn Heiri hätte gerne gewußt, was seiner Frau fehle, theils um sich zu versichern, daß es keine kostspielige Krankheit gebe, theils weil er eigentlich doch mit seiner Frau rechtes Mitleid gehabt hätte, wenn es mit ihrem Leiden länger oder ärger geworden wäre.
Der Herr Doktor war bald fertig mit seinen Fragen und sagte dann freundlich aber ernst: „Liebe Leute, die Sache ist nicht gefährlich und nicht bedeutend, aber sie kann es werden, wenn Ihr nicht Schritte thut. Eure Frau bedarf eigentlich keine Medizin; doch will ich ihr etwas verschreiben, das ihr für jetzt Erleichterung verschafft. Aber sie bedarf eine Kur.“ So tröstlich der Anfang für Heiri war, so unangenehm berührte ihn dieß Wort. „Aus diesem „Loch“ müßt ihr heraus, sonst endet's mit Gicht und Typhus, Euch fehlt hier ja Luft und Licht, diese unentbehrlichsten Bedingungen der Gesundheit. In dieser engen Gasse, wo Massen von Menschen zusammengedrängt athmen, wo bis in weite Entfernung kein grüner Baum, kein freier Platz zu treffen ist, da ist die Luft verdorben und wird zudem noch mehr verschlechtert durch die vielen unreinen Stoffe, die man aus Bequemlichkeit auf die Gasse wirft, statt in den Abtritt; und dann noch die Nähe der School, dieses Pfuhls von Gestank und Unrath. Jedes Thier und jede Pflanze bedarf frischer Luft zum Gedeihen, um wie viel mehr der Mensch mit seinem zarten und wundervollen Körperbau. Wenn auch die Regierung alles Mögliche thut, den bestehenden Uebelständen abzuhelfen, so kann sie nun einmal den Hauseigenthümern nicht verbieten, Leute ins Logis zu nehmen, drum sollten diese selbst auf ihre Gesundheit denken und dahin gehen, wo sie genug frische Luft haben. – Und hier habt ihr ja nie einen Sonnenblick, entbehrt sogar den freien Anblick des Himmels, wenn ihr nicht das Fenster aufmacht und den Kopf gewaltsam in die Höhe dreht. Streckt sich doch jede Blume der Sonne entgegen und öffnet ihr verlangend ihre Krone. Betrachtet einmal die Keime der Rüben und Kartoffeln im Keller; die bringen freilich Blätter hervor, aber was für? Bleichsüchtige, kraftlose, schwammige Gebilde, die mit dem üppigen Grün und vollen Wuchs der Ackerpflanzen sich gar nicht vergleichen, sie gar nicht einmal erkennen lassen. Wie ist's denn anders möglich, als daß der Mensch in solch' dunkeln und dumpfigen Räumen verderbe an Leib und Seele?“
Der Doktor hatte wahr gesprochen an Leib und Seele. Den Schaden hatte er in seinem vollen Umfang durchschaut, wenigstens geahnt. Denn wohin war Liese's Zufriedenheit und Freundlichkeit, wohin Liseli's offenes, heiteres, und dabei doch zartfühlendes Wesen geflohen? Sie waren dahin, unerkannt und allmälig, und Heiri war, wie er meinte, nüchterner geworden und nicht mehr so narrächtig gegen seine Liese; aber im Grunde hatte er nur die Liebe des Gatten gegen das kalte und mürrische Betragen eines Eheknechts vertauscht, der sich nicht mehr von den Fesseln einer veredelnden Zuneigung, sondern von denen der Pflichtschuldigkeit gefangen fühlt. Darum mied er Abends Frau und Kind und hielt sich an den muntern, witzigen Kameraden; darum fehlte diesem Hause der Segen eines Familienlebens.
So viel vermag der Einfluß einer ungünstigen Wohnung. Er kann glückliche Geistes- und Gemüthsanlagen erdrücken, kann Wohl in Wehe, Gesundheit in Krankheit verkehren, – und man wird sich nicht bewußt, woran's liegt, schiebt die Schuld allein auf bösen Willen, Gleichgültigkeit, düstere Gemüthsart seiner Nächsten. Und s'ist doch so klar, daß die düstere Stube, in der man das halbe Leben und mehr zubringt, nicht trübe Augenblicke erheitern, die feuchte Luft, die man athmet, nicht feuchte Wangen trocknen kann, daß die Frische der Gemüthsstimmung und des Leibeslebens vielmehr dahinwelken muß.
Welchen Eindruck des Doktors Rede in den verschiedenen Gemüthern der kleinen Familie hervorbrachte, läßt sich leicht voraussehen. Liese, die stille, meist in sich verschlossene Gewohnheitsnatur konnte sich's gar nicht reimen noch richten, daß sie aus des Vetters Haus sollten. Von dem, was der Doktor gesagt hatte, begriff sie wenig, sie glaubte ihm nur, weil er sie mit Gicht und Typhus geängstigt hatte. Wie dem Vetter die Sache mitzutheilen, ihm des Arztes Gründe deutlich zu machen auf schonende Art, das machte sie rathlos; wie ein anderes Logis finden, wo es das erstemal schon so schwer gehalten, das waren der ängstlichen Natur vollends unübersteigliche Hemmnisse. Liseli wußte eigentlich nicht, was nun werden sollte, ob die Mutter den ganzen Sommer nach Frenkendorf oder gar auf die Sennweid gehen müsse, um sich zu erholen; oder ob sie wieder auf's Land ziehen würden, um das frühere Leben auf's Neue zu beginnen; aber sie erschrak ob dem Gedanken, daß nun die Last einer wenn auch kleinen Haushaltung allein und einzig auf ihre Schultern fallen würde. Heiri aber schien in sich gekehrt. Er fühlte halb und halb, daß es von ihm Unrecht gewesen sei, nicht besser auf die Gesundheit seines Weibes geachtet zu haben und überhaupt ein gleichgültiger Lebensgefährte der Seinen gewesen zu sein. Er wollte anders werden; aber wie schwach ist der Mensch? So lange der Eindruck des Vorgefallenen frisch blieb, hielt er sich brav, aber die alten Umstände zogen ihn unwiderstehlich in die alten Gewohnheitsfesseln, bis auch in der äußern Lebensführung ein neuer Abschnitt ihn in neue Verhältnisse brachte, und zwar zunächst in eine neue Wohnung.