4.

Nach vierzehn Tagen kam der Doktor mit Schulmeisters Fritz Abends zu Heiri's. Fritz war seit zwei Jahren in Basel und Aufseher bei den Zettlerinnen in der S...'schen Fabrik. Gewandt, anschicklich und in allem genau und treu, hatte er das Zutrauen und Wohlwollen seiner Herren bald gewonnen und eine angenehme Stellung erlangt.

Als kleiner achtjähriger Knabe war Fritz oft zu Heiri's, die neben dem Schulhaus wohnten, hinübergegangen; dann aber hatte sein Vater eine andere Lehrerstelle bekommen und seitdem hatte man sich nicht mehr gesehen. Fritz gab sich zuerst zu erkennen und Heiri und Liese freuten sich des längst fast ganz vergessenen Nachbarn. Liseli, das bei Fritzens und seiner Eltern Wegzug aus ihrem Dorfe erst zwei Jahre alt gewesen war, hatte keine Erinnerung an jene Zeiten mehr, Fritz war ihm eine weltfremde Seele und es blieb in der Küche und kochte beim trüben Schein des Lämpleins.

Der brave Doktor rückte nun zuerst heraus, warum er gekommen. Er hatte den Leuten ein Logis ausfindig gemacht, wie sie's brauchten; nicht viel größer, fast gleich in der Einteilung, und nur unbedeutend theurer als ihr jetziges; aber dafür freundlich, bequem, hell, luftig und sonnig. Das Logis gehörte eben dem Fritz, der vor dem Thor ein eigen Häuslein gebaut hatte nach dem Muster der vordersten Arbeiterwohnungen auf der Breite. Ein Häuslein für zwei Familien mitten in einem Gärtlein, und neben ihm ein Nachbar an gemeinschaftlicher Scheidemauer.

Fritz hatte noch vor wenigen Jahren gerne in Kleidern und sonntäglichen Lustparthieen den Flotten gemacht, war sogar einmal, als er bald nach dem Eintritt in seinen jetzigen Dienst zu Zettlerinnen auf's Land mußte im Interesse des Geschäfts, mir nichts dir nichts einen Ausflug nach Zürich gemacht und so drei Tage alle Geschäfte seiner Herren an's Nägelein gehängt. Aber das strenge Mahnwort der Herren, die einen weniger Brauchbaren auf solchen Leichtsinn hin ohne weiteres verabschiedet hätten, war ein gutes Wort zu guter Zeit für ihn geworden. Ein guter Geist leitete diesen muthwillig kräftigen Strom in sein rechtes Bette; er dachte daran, seinen reichlichen Verdienst zur Erwerbung eines Heimwesens zu verwenden, und als sich ihm Gelegenheit bot, mit einem Andern gemeinschaftlich einen Viertel Land zu kaufen, gab er freudig seine theils von den sel. Eltern ererbten, theils ersparten 1500 Fränklein dafür hin. Ohne Säumen wurde mit seinem Halbpartmann das Nothwendige verabredet und sie verakkordirten einem geachteten, für das Wohl der Arbeiterklassen thätigen und liebevoll besorgten Baumeister ihre Häuser nebst gemeinschaftlichem Ziehbrunnen, wofür jeder 7500 Fr. zu bezahlen hatte. Alle Rücksichten auf Bequemlichkeit und Gesundheit waren aufs Sorgfältigste erwogen, bis Baumeister und Bauherrn sich befriedigt gefühlt hatten. Leider fing schon mancher an zu bauen, ehe er recht wußte, was er wollte, wünschte nachher Veränderungen und die Folgen waren, daß keine rechte Einheit in's Ganze kam und am Ende die Kosten fast um die Hälfte den Voranschlag überstiegen und daß der Bauherr sich ein ganzes Leben lang mit Schulden und Sorgen zu schleppen hatte, an denen nichts als seine Voreiligkeit und Sorglosigkeit Schuld war. Fritz hatte kluger gehandelt und hat's später nie bereut. Und die Herren hatten ihm gerne geholfen und ihm das nöthige Geld zu billigen Procenten dargelehnt. Das Haus war eben fertig geworden. Fritz behielt das obere Stockwerk für sich, das untere nebst Kammer, Keller- und Estrich-Antheil mit einem kleinen Gärtlein wollte er verlehnen. Das hatte der Herr Doktor erfahren, ihn aufgesucht und ihn hieher geführt, damit er selber die Sache ins Reine bringe. Heiri sollte, so wurde nun ausgemacht, am nächsten Sonntag das Logis einsehen, darüber seinen Leuten Bericht abstatten, und wenn's Allen recht war, wurde der Miethakkord fix und fertig gemacht. Unterdessen sollte auch Liese mit ihrem Vetter, dem Hausherrn, ein Wörtlein reden, und sich auf den Herrn Doktor berufen, daß sie eine Luftveränderung machen müsse und daß sie nicht gern von der Haushaltung gehe und daß sich's gerade so schön schickte mit dem Logis von Fritz. Sie durfte auch wahrheitsgemäß beisetzen, daß sie nicht gerne aus des Vetters Haus fortgingen und nur Gutes und Liebes von ihm erfahren haben, so lange sie bei ihm gewohnt hätten.

5.

Am Sonntag nach dem Essen bürstete Heiri den Hut mit dem Rockärmel ab und ging vor's Thor zu Fritzens neuem Häuslein. Das war freilich eine ordentliche Strecke bis da hinaus, das kostete ihn auch ein paar Schuh mehr im Jahr; und vollends bei Regenwetter und Sturmwind, bei Hagel und Hurlete im Winter, und wenn man gar den Regenparisol nicht bei sich hatte? Heiri wurde fast mit jedem Schritt bedenklicher: eine halbe Viertelstunde noch vors Thor hinaus! Und gar nicht an der Straße, sondern so abseits; das war ja gar zu langweilig, wenn man am Werktag keine Marktleute und am Sonntag keine Spaziergänger sah.

Nach einigem Suchen kam er zum richtigen Fahrweg und sah die zwei niedlichen Häuslein mit ihrer röthlichen Farbe und grünen Läden und dem schimmernden neuen Dach. Vorn war es mit Latten einfach eingehegt und ein lebendiger Haag dahinter angepflanzt. Durch's Gätterlein ging's, um die Ecke herum, – und an der Hausthüre stand er, wo Fritz ihn freundlich bewillkommte.

„S'ist doch weit zu Ihnen, aber hübsch ist's, das muß man sagen, wenn man's erlebt hat, herauszukommen.“ – Freilich, antwortete Fritz, ich tauschte jetzt nicht mehr mit dem besten Logis in der Stadt. Seit vorgestern übernachte ich hier zum erstenmal und – s'ist ein ganz ander Leben. Von des Lehenmanns dort hab' ich einstweilen das Essen, und wenn ich Hausleute habe, und sie mögen, so will ich die Kost bei denen nehmen bis auf weiteres. Darum wär's mir lieb, wenn Ihr's wäret. Man hat halt mehr Zutrauen zu seinen Bekannten.

Jetzt gingen sie in's Haus. Die gegen Sonnenaufgang gerichtete Hausthüre führte zu einem kurzen und nicht sehr breiten Gang, links eine Thüre, hinten eine Thüre und rechts zunächst die Kellerthüre und unmittelbar daneben der Antritt der Stiege ins obere Stockwerk. Die Thüre links führte in die Wohnstube. Sie war nicht groß, aber hatte Platz genug, um bequem und schicklich ein Bett, Tisch, Kommode und ein paar Stühle zu stellen und enthielt in der Seitenmauer einen geräumigen Wandkasten. Rechts neben der Thüre war der Kunstofen, der vom Kochen in der Küche warm wurde, aber im Sommer auch vom Küchenfeuer abgeschlossen werden konnte. Das breite Fenster sah gegen die Mittagseite und man überblickte von da aus die Gegend gegen Gundeldingen und St. Jakob und dahinter erhoben sich die Anhöhen bei Mönchenstein und Muttenz mit den in ihren Buchten wie in sicherm Mutterschoß gebetteten Gütern Asp und Gruth, überragt von den Zeugen längst vergangener Zeiten und Ereignisse, den altersgrauen Ruinen von Wartenberg und Reichenstein.