Und was den andern Vorwurf betrifft, er hätte das Haus hinterfür gestellt, so kannte er ja zum Voraus den Wahrspruch: Wer da bauen will an der Straßen, muß sich's Meistern g'fallen lassen. Seine Gründe waren wichtig genug und schon älter als das heilige römische Reich. Denn Fritz hatte sein Haus ganz einfach nach der Sonne gerichtet, wie schon die alten Aegypter ihre berühmten Tempel und Pyramiden. Man braucht auch nur durch die Landschaft hinaufzureisen, so fällt es jedem auf, wie in den Dörfern links an der Straße stattliche Häuserfassen stehen, rechts aber eine Reihe Dunghäufen und dahinter Stallthüren und Scheunenthore; und durch die letztern gelangt man durch's Haus hindurch zu den Stuben auf der Feldseite. Das ist aber, weil fast alle Landleute sich nicht nach der Straße, sondern nach der Sonne richten; und 's ist eine alte, ererbte aber vernünftige Ueberlieferung. Das erregende Licht und die belebende Wärme der Sonnenstrahlen war auch dem Fritz wichtiger als der Weg und als das Geschwätz der Leute; war's nach außen nicht prunkend, sein Haus, so war's doch innen wohnlich und freundlich und heimelig.

Im hohen Sommer, wenn die Sonne weit über dem Rhein, im Nordosten, aufging, und nahe am Isteiner Klotz wieder hinunter, da stand sie am Mittag fast senkrecht über dem Hause und beschien nur von 11 bis 1 Uhr das Simsbrett am Fenster; im obern Stock gab überdieß das vorspringende Dach noch Schatten. Um die Hitze zu vermeiden, bog man nur die Läden zusammen über die heiße Tageszeit, während man am frühen Morgen die kühle frische Morgenluft durch Stuben und Haus hatte streichen lassen. Im Winter dagegen ging ja die Sonne stets auf der Sonnenseite auf und unter, und bei jedem hellen Himmel half der tief ins Zimmer dringende Strahl das Zimmer heizen. Das war wohl die Hinter-, aber gewiß nicht die Schattenseite am Haus. Die Küche dagegen und der Abtritt mögen die Wärme nicht vertragen, sonst gerinnt im Kasten die Milch, die Speiseresten werden faul und sauer; und vom Abtritt her hat man einen ungebetenen Wetterprophet, und ist er schlecht, so prophezeit er erst noch bei schönem Wetter ganz falsch. Das hatte Fritz überlegt und beachtet und hatte Küche und Nr. 100 gegen den Weg gesetzt, d. h. auf die kühle Mitternachtsseite.

Und warum lieber ostwärts, statt westwärts. Das war zwar weniger wichtig, ob so oder so, und wäre die Hausthüre vorn oder hinten gewesen, das hätte auch nichts gemacht, statt auf der Seite. Aber auf der Seite hatte man keinen großen Umweg zu machen, um zum hintern Gärtlein und Brunnen (vor den Stuben) zu kommen, auch keinen großen Umweg auf die Straße oder zu dem vor dem Haus an der Straße liegenden Rasenplatz mit seinem Sauerkirschenbaum. Dann war's gegen Osten, wie immer und überall, trocken, sonst hieße nicht die Abendseite immer nur die Wetterseite, auch genoß man im Sommer bis gegen 9 Uhr früh den Vortheil der kühlenden Ostwinde, ließ so lange die Hausthüre offen, und schloß nachher unerbittlich den allzuaufdringlichen Sonnenpfeilen den Paß zu. Ueberdieß ist die Morgenseite bei Fritzens Haus fast die schönste wegen der Aussicht. Am Nachmittag aber, von 12 Uhr an, war hier wieder Schatten bis zum andern Morgen und 's gab unter der Hausthüre oder auf der Lattenbank am Giebel ein herrliches Plätzlein zu sitzender Arbeit oder zum Gemüserüsten für den folgenden Tag; ein Plätzchen, fast zu verführerisch, dem Himmel in's blaue Angesicht zu schauen, oder dem mannigfach wechselnden Grün der Bäume zwischen die schattenden Aeste und daneben hindurch in die fernen, duftig verhüllten Berge, bis endlich, immer wärmer und glühender, das Gold der scheidenden Sonne über die ganze Landschaft hinströmte zu zauberhaftem Gemälde.

Und war die Sonne im Sinken und wollte man ihren majestätischen Glanz genießen, so kostete es nur ein paar Schritte. Zwischen den Blumenrabatten des Gärtleins auf und abwandelnd versenkte man sich in den Anblick des feuerfarbenen Lichtmeeres, auf dem die feingeschnittenen Blätter der Bäume und die scharfen Firstlinien der Dächer mit ihren Kaminen sich schattenrißartig abzeichneten, bis nach und nach die überwältigende Kraft des feurigen Lichtes dem goldgesäumten Purpur fast durchsichtiger Wolkenschichten wich, bis endlich violette Schatten ringsum alles umschlossen.

9.

Und Heiri's lernten die Vorzüge ihrer Wohnung aus Erfahrung immer mehr schätzen; Fritz hatte sie zudem belehrt, wie sie diese durch die Lage gebotenen Vortheile, denen sie und besonders Liese täglich so viel für ihre Gesundheit zu danken hatten, durch jene einer klugen und verständigen Hausordnung erhöhen könnten. Beim Bau des Hauses war von Seite des Fritz, wie seines Baumeisters alle Sorgfalt auf Zweckmäßigkeit, wie auf trockenes und gesundes Baumaterial verwendet worden. So hatte man nicht nur wegen des Nutzens, sondern auch wegen der Trockenheit unter dem ganzen Hause Keller gemacht, so konnte man durch Stube und Gang, oder durch Kammer und Küche einen reinigenden Luftzug bewerkstelligen. Auch war zu den Bodenauffüllungen nicht Schutt und Straßenstaub oder feuchtigkeitanziehender Sand genommen, sondern Koakasche, wohlfeil wie jenes andere, äußerst trocken und dabei sehr feuersicher. – Aber dennoch hatte Fritz angelegentlich empfohlen, im Winter nicht zu oft, und überhaupt nie zu naß zu fegen. Um das Zimmer und das Haus rein zu halten, war vor der Hausthüre ein Scharreisen, und im Gang eine Strohmatte.

Unter dem Kunstofen zeigte er eine Klappe, die man öffnen und schließen konnte. Diese ging aus der Stube in die Küche; wenn nun das Feuer brannte, sollte man öffnen, und konnte nachher wieder schließen. Diese Vorrichtung leistete namentlich im Winter vortreffliche Dienste. Denn ein Feuer bedarf zum Brennen Luft, und wenn in der Küche alles fest zu ist, so muß eben diese Luft durch's Kamin selbst herabkommen und treibt den Rauch zurück bis zum Ersticken; selbst das Feuer brennt ungern. Ist aber jene Klappe offen, so kommt der erforderliche Zug aus dem Zimmer und reinigt solchermaßen zugleich die Stuben von der verbrauchten und schädlich gewordenen Luft. In Häusern, wo man mit besondern Oefen heizt, wendet man jetzt häufig die holzsparenden und im Zimmer zu heizenden Straßburgeröfen an, um ihrer luftreinigenden Eigenschaft willen. Ja ein sehr geachteter Arzt hat alle seine Oefen umändern und zum inwendig Einfeuern einrichten lassen.

Für den Winter waren für Stuben und Nebenstübchen Vorfenster bereit; das sparte viel Holz an der Heizung, und um das Einfrieren der Wassersteinröhre und die damit verknüpften Unannehmlichkeiten zu verhindern, waren dieselben innerhalb der Mauer herabgeführt und mündeten ganz zu unterst in ein von eichenem Deckel bedecktes Wasserfaß, dessen Inhalt täglich zum Spritzen der Pflanzen verwendet werden konnte. Wurde dieß Faß beinahe voll, so sorgte ein Ablauf in die Abtrittsgrube für den etwaigen Ueberschuß. Das gab der Seite gegen den Weg ein gefälligeres Ansehen, als wenn winklige Rohre dieselbe verunstaltet hätten. Um aber das Haus möglichst trocken zu machen, hatte man beim Bau den Keller weniger tief gegraben als sonst und den Schutt zu einer Auffüllung um's Haus verwendet, daß es wie auf einer kleinen sanften Erhöhung stand.

So war bei Fritzens Haus für Trockenheit, für Licht und Luft, für Wärme und richtige Kühle, mit einem Wort für alle Erfordernisse zu einem gesunden und behaglichen Wohnen, und damit zu einem schönen und der Würde des Menschen angemessenen Familienleben und zum Genusse edler Freuden gesorgt.

10.