Dass der italische Handel sich in der aeltesten Epoche auf den Verkehr der Italiker untereinander beschraenkt hat, versteht sich von selbst. Die Messen (mercatus), die wohl zu unterscheiden sind von den gewoehnlichen Wochenmaerkten (nundinae), sind in Latium sehr alt. Sie moegen sich zunaechst an die internationalen Zusammenkuenfte und Feste angereiht, vielleicht also in Rom mit der Festfeier in dem Bundestempel auf dem Aventin in Verbindung gestanden haben; die Latiner, die hierzu jedes Jahr am 13. August nach Rom kamen, mochten diese Gelegenheit zugleich benutzen, um ihre Angelegenheiten in Rom zu erledigen und ihren Bedarf daselbst einzukaufen. Aehnliche und vielleicht noch groessere Bedeutung hatte fuer Etrurien die jaehrliche Landesversammlung am Tempel der Voltumna (vielleicht bei Montefiascone) im Gebiet von Volsinii, welche zugleich als Messe diente und auch von roemischen Kaufleuten regelmaessig besucht ward. Aber die bedeutendste unter allen italischen Messen war die, welche am Soracte im Hain der Feronia abgehalten ward, in einer Lage, wie sie nicht guenstiger zu finden war fuer den Warentausch unter den drei grossen Nationen. Der hohe, einzeln stehende Berg, der mitten in die Tiberebene wie von der Natur selbst den Wanderern zum Ziel hingestellt erscheint, liegt an der Grenzscheide der etruskischen und sabinischen Landschaft, zu welcher letzteren er meistens gehoert zu haben scheint, und ist auch von Latium und Umbrien aus mit Leichtigkeit zu erreichen; regelmaessig erschienen hier die roemischen Kaufleute, und Verletzungen derselben fuehrten manchen Hader mit den Sabinern herbei.
Ohne Zweifel handelte und tauschte man auf diesen Messen, lange bevor das erste griechische oder phoenikische Schiff in die Westsee eingefahren war. Hier halfen bei vorkommenden Missernten die Landschaften einander mit Getreide aus; hier tauschte man ferner Vieh, Sklaven, Metalle und was sonst in jenen aeltesten Zeiten notwendig oder wuenschenswert erschien. Das aelteste Tauschmittel waren Rinder und Schafe, so dass auf ein Rind zehn Schafe gingen; sowohl die Feststellung dieser Gegenstaende als gesetzlich allgemein stellvertretender oder als Geld, als auch der Verhaeltnissatz zwischen Gross- und Kleinvieh reichen, wie die Wiederkehr von beiden besonders bei den Deutschen zeigt, nicht bloss in die graecoitalische, sondern noch darueber hinaus in die Zeit der reinen Herdenwirtschaft zurueck ^7. Daneben kam in Italien, wo man besonders fuer die Ackerbestellung und die Ruestung allgemein des Metalls in ansehnlicher Menge bedurfte, nur wenige Landschaften aber selbst die noetigen Metalle erzeugten, sehr frueh als zweites Tauschmittel das Kupfer (aes) auf, wie denn den kupferarmen Latinern die Schaetzung selbst die “Kupferung” (aestimatio) hiess. In dieser Feststellung des Kupfers als allgemeinen, auf der ganzen Halbinsel gueltigen Aequivalents, sowie in den spaeter noch genauer zu erwaegenden einfachsten Zahlzeichen italischer Erfindung und in dem italischen Duodezimalsystem duerften Spuren dieses aeltesten sich noch selbst ueberlassenen Internationalverkehrs der italischen Voelker vorliegen.
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^7 Der gesetzliche Verhaeltniswert der Schafe und Rinder geht bekanntlich daraus hervor, dass, als man die Vieh- in Geldbussen umsetzte, das Schaf zu zehn, das Rind zu hundert Assen angesetzt wurde (Fest. v. peculatus p. 237, vgl. p. 34, 144; Gell. 11, 1; Plut. Publ. 11). Es ist dieselbe Bestimmung, wenn nach islaendischem Recht der Kuh zwoelf Widder gleich gelten; nur dass hier, wie auch sonst, das deutsche Recht dem aelteren dezimalen das Duodezimalsystem substituiert hat.
Dass die Bezeichnung des Viehs bei den Latinern (pecunia) wie bei den Deutschen (englisch fee) in die des Geldes uebergeht, ist bekannt.
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In welcher Art der ueberseeische Verkehr auf die unabhaengig gebliebenen Italiker einwirkte, wurde im allgemeinen schon frueher bezeichnet. Fast ganz unberuehrt von ihm blieben die sabellischen Staemme, die nur einen geringen und unwirtlichen Kuestensaum innehatten, und was ihnen von den fremden Nationen zukam, wie zum Beispiel das Alphabet, nur durch tuskische oder latinische Vermittlung empfingen; woher denn auch der Mangel staedtischer Entwicklung ruehrt. Auch Tarents Verkehr mit den Apulern und Messapiern scheint in dieser Epoche noch gering gewesen zu sein. Anders an der Westkueste, wo in Kampanien Griechen und Italiker friedlich nebeneinander wohnten, in Latium und mehr noch in Etrurien ein ausgedehnter und regelmaessiger Warentausch stattfand. Was die aeltesten Einfuhrartikel waren, laesst sich teils aus den Fundstuecken schliessen, die uralte, namentlich caeritische Graeber ergeben haben, teils aus Spuren, die in der Sprache und den Institutionen der Roemer bewahrt sind, teils und vorzugsweise aus den Anregungen, die das italische Gewerbe empfing; denn natuerlich kaufte man laengere Zeit die fremden Manufakte, ehe man sie nachzuahmen begann. Wir koennen zwar nicht bestimmen, wie weit die Entwicklung der Handwerke vor der Scheidung der Staemme und dann wieder in derjenigen Periode gediehen ist, wo Italien sich selbst ueberlassen blieb; es mag dahingestellt werden, inwieweit die italischen Walker, Faerber, Gerber und Toepfer von Griechenland oder von Phoenikien aus den Anstoss empfangen oder selbstaendig sich entwickelt haben. Aber sicher kann das Gewerk der Goldschmiede, das seit unvordenklicher Zeit in Rom bestand, erst aufgekommen sein, nachdem der ueberseeische Handel begonnen und in einiger Ausdehnung unter den Bewohnern der Halbinsel Goldschmuck vertrieben hatte. So finden wir denn auch in den aeltesten Grabkammern von Caere und Vulci in Etrurien und Praeneste in Latium Goldplatten mit eingestempelten gefluegelten Loewen und aehnlichen Ornamenten babylonischer Fabrik. Es mag ueber das einzelne Fundstueck gestritten werden, ob es vom Ausland eingefuehrt oder einheimische Nachahmung ist; im ganzen leidet es keinen Zweifel, dass die ganze italische Westkueste in aeltester Zeit Metallwaren aus dem Osten bezogen hat. Es wird sich spaeter, wo von der Kunstuebung die Rede ist, noch deutlicher zeigen, dass die Architektur wie die Plastik in Ton und Metall daselbst in sehr frueher Zeit durch griechischen Einfluss eine maechtige Anregung empfangen haben, das heisst, dass die aeltesten Werkzeuge und die aeltesten Muster aus Griechenland gekommen sind. In die eben erwaehnten Grabkammern waren ausser dem Goldschmuck noch mit eingelegt Gefaesse von blaeulichem Schmelzglas oder gruenlichem Ton, nach Material und Stil wie nach den eingedrueckten Hieroglyphen zu schliessen, aegyptischen Ursprungs ^8; Salbgefaesse von orientalischem Alabaster, darunter mehrere als Isis geformt; Strausseneier mit gemalten oder eingeschnitzten Sphinxen und Greifen; Glas- und Bernsteinperlen. Die letzten koennen aus dem Norden auf dem Landweg gekommen sein; die uebrigen Gegenstaende aber beweisen die Einfuhr von Salben und Schmucksachen aller Art aus dem Orient. Eben daher kamen Linnen und Purpur, Elfenbein und Weihrauch, was ebenso der fruehe Gebrauch der linnenen Binden, des purpurnen Koenigsgewandes, des elfenbeinernen Koenigsszepters und des Weihrauchs beim Opfer beweist wie die uralten Lehnnamen (λίνον līnum; πορφύρα purpura; σκήπτρον σκίπων scipio, auch wohl ελέφας ebur; θύος thus). Eben dahin gehoert die Entlehnung einer Anzahl auf Ess- und Trinkwaren bezueglicher Woerter, namentlich die Benennung des Oels (vgl. 1, 200), der Kruege (αμφορεύς amp[h]ora ampulla; κρατήρ cratera), des Schmausens (κωμάζω comissari), des Leckergerichts (οψώνιον opsonium), des Teiges (μάζα massa) und verschiedener Kuchennamen (γλυκούς lucuns; πλακούς placenta; τυρούς turunda), wogegen umgekehrt die lateinischen Namen der Schuessel (patina πατάνη) und des Specks (arvina αρβίνη) in das sizilische Griechisch Eingang gefunden haben. Die spaetere Sitte, den Toten attisches, kerkyraeisches und kampanisches Luxusgeschirr ins Grab zu stellen, beweist eben wie diese sprachlichen Zeugnisse den fruehen Vertrieb der griechischen Toepferwaren nach Italien. Dass die griechische Lederarbeit in Latium wenigstens bei der Armatur Eingang fand, zeigt die Verwendung des griechischen Wortes fuer Leder (σκύτος) bei den Latinern fuer den Schild (scutum; wie lorica von lorum). Endlich gehoeren hierher die zahlreichen aus dem Griechischen entlehnten Schifferausdruecke, obwohl die Hauptschlagwoerter fuer die Segelschiffahrt: Segel, Mast und Rahe doch merkwuerdigerweise rein lateinisch gebildet sind ^9; ferner die griechische Benennung des Briefes (επιστολή epistula), der Marke (tessera, von τέσσαρα ^10), der Waage (στατήρ statera) und des Aufgeldes (αρραβών arrabo, arra) im Lateinischen und umgekehrt die Aufnahme italischer Rechtsausdruecke in das sizilische Griechisch, sowie der nachher zu erwaehnende Austausch der Muenz-, Mass- und Gewichtsverhaeltnisse und Namen. Namentlich der barbarische Charakter, den alle diese Entlehnungen an der Stirne tragen, vor allem die charakteristische Bildung des Nominativs aus dem Akkusativ (placenta = πλακούντα; ampora = αμφορέα; statera = στατήρα), ist der klarste Beweis ihres hohen Alters. Auch die Verehrung des Handelsgottes (Mercurius) erscheint von Haus aus durch griechische Vorstellungen bedingt und selbst sein Jahrfest darum auf die Iden des Mai gelegt zu sein, weil die hellenischen Dichter ihn feierten als den Sohn der schoenen Maia.
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^8 Vor kurzem ist in Praeneste ein silberner Mischkrug mit einer phoenikischen und einer Hieroglypheninschrift gefunden worden (Mon. Inst. X., Taf. 32), welcher unmittelbar beweist, dass, was Aegyptisches in Italien zum Vorschein kommt, durch phoenikische Vermittlung dorthin gelangt ist.
^9 Velum ist sicher latinischen Ursprungs; ebenso malus, zumal da dies nicht bloss den Mast-, sondern ueberhaupt den Baum bezeichnet; auch antenna kann von ανά (anhelare, antestari) und tendere = supertensa herkommen. Dagegen sind griechisch gubernare steuern κυβερνάν, ancora Anker άγκυρα, prora Vorderteil πρώρα, aplustre Schiffshinterteil άφλαστον, anquina der die Rahen festhaltende Strick άγκοινα, nausea Seekrankheit ναυσία. Die alten vier Hauptwinde - aquilo der Adlerwind, die nordoestliche Tramontana; volturnus (unsichere Ableitung, vielleicht der Geierwind), der Suedost; auster, der ausdoerrende Suedwestwind, der Scirocco; favonius, der guenstige, vom Tyrrhenischen Meer herwehende Nordwestwind - haben einheimische nicht auf Schiffahrt bezuegliche Namen; alle uebrigen lateinischen Windnamen aber sind griechisch (wie eurus, notus) oder aus griechischen uebersetzt (z. B. solanus = απηλιώτης, Africus = λίψ).