Er hatte richtig gerechnet, als er zu dieser Umgestaltung der Infanterie sich jetzt entschloss; die Ueberraschung der bestaendig eines Angriffs auf die Hauptstadt gewaertigen Gegner liess ihm mindestens vier Wochen ungestoerter Musse zur Verwirklichung des beispiellos verwegenen Experiments, im Herzen des feindlichen Landes mit einer noch immer verhaeltnismaessig geringen Armee sein militaerisches System vollstaendig zu aendern und den Versuch zu machen, den unbesiegbaren italischen afrikanische Legionen gegenueberzustellen. Allein seine Hoffnung, dass die Eidgenossenschaft nun anfangen werde, sich zu lockern, erfuellte sich nicht. Auf die Etrusker, die schon ihre letzten Unabhaengigkeitskriege vorzugsweise mit gallischen Soeldnern gefuehrt hatten, kam es hierbei am wenigsten an; der Kern der Eidgenossenschaft, namentlich in militaerischer Hinsicht, waren naechst den latinischen die sabellischen Gemeinden, und mit gutem Grund hatte Hannibal jetzt diesen sich genaehert. Allein eine Stadt nach der andern schloss ihre Tore; nicht eine einzige italische Gemeinde machte Buendnis mit dem Phoeniker. Damit war fuer die Roemer viel, ja alles gewonnen; indes man begriff in der Hauptstadt, wie unvorsichtig es sein wuerde, die Treue der Bundesgenossen auf eine solche Probe zu stellen, ohne dass ein roemisches Heer das Feld hielt. Der Diktator Quintus Fabius zog die beiden in Rom gebildeten Ersatzlegionen und das Heer von Ariminum zusammen, und als Hannibal an der roemischen Festung Luceria vorbei gegen Arpi marschierte, zeigten sich in seiner rechten Flanke bei Aeca die roemischen Feldzeichen. Ihr Fuehrer indes verfuhr anders als seine Vorgaenger. Quintus Fabius war ein hochbejahrter Mann, von einer Bedachtsamkeit und Festigkeit, die nicht wenigen als Zauderei und Eigensinn erschien; ein eifriger Verehrer der guten alten Zeit, der politischen Allmacht des Senats und des Buergermeisterkommandos erwartete er das Heil des Staates naechst Opfern und Gebeten von der methodischen Kriegfuehrung. Politischer Gegner des Gaius Flaminius und durch die Reaktion gegen dessen toerichte Kriegsdemagogie an die Spitze der Geschaefte gerufen, ging er ins Lager ab, ebenso fest entschlossen, um jeden Preis eine Hauptschlacht zu vermeiden, wie sein Vorgaenger, um jeden Preis eine solche zu liefern, und ohne Zweifel ueberzeugt, dass die ersten Elemente der Strategik Hannibal verbieten wuerden vorzuruecken, solange das roemische Heer intakt ihm gegenueberstehe, und dass es also nicht schwer halten werde, die auf das Fouragieren angewiesene feindliche Armee im kleinen Gefecht zu schwaechen und allmaehlich auszuhungern. Hannibal, wohlbedient von seinen Spionen in Rom und im roemischen Heer, erfuhr den Stand der Dinge sofort und richtete wie immer seinen Feldzugsplan ein nach der Individualitaet des feindlichen Anfuehrers. An dem roemischen Heer vorbei marschierte er ueber den Apennin in das Herz von Italien nach Benevent, nahm die offene Stadt Telesia an der Grenze von Samnium und Kampanien und wandte sich von da gegen Capua, das als die bedeutendste unter allen von Rom abhaengigen italischen Staedten und die einzige Rom einigermassen ebenbuertige darum den Druck des roemischen Regiments schwerer als irgendeine andere empfand. Er hatte dort Verbindungen angeknuepft, die den Abfall der Kampaner vom roemischen Buendnis hoffen liessen: allein diese Hoffnung schlug ihm fehl. So wieder rueckwaerts sich wendend schlug er die Strasse nach Apulien ein. Der Diktator war waehrend dieses ganzen Zuges der karthagischen Armee auf die Hoehen gefolgt und hatte seine Soldaten zu der traurigen Rolle verurteilt, mit den Waffen in der Hand zuzusehen, wie die numidischen Reiter weit und breit die treuen Bundesgenossen pluenderten und in der ganzen Ebene die Doerfer in Flammen aufgingen. Endlich eroeffnete er der erbitterten roemischen Armee die sehnlich herbeigewuenschte Gelegenheit, an den Feind zu kommen. Wie Hannibal den Rueckmarsch angetreten, sperrte ihm Fabius den Weg bei Casilinum (dem heutigen Capua), indem er auf dem linken Ufer des Volturnus diese Stadt stark besetzte und auf dem rechten die kroenenden Hoehen mit seiner Hauptarmee einnahm, waehrend eine Abteilung von 4000 Mann auf der am Fluss hinfuehrenden Strasse selbst sich lagerte. Allein Hannibal hiess seine Leichtbewaffneten die Anhoehen, die unmittelbar neben der Strasse sich erhoben, erklimmen und von hier aus eine Anzahl Ochsen mit angezuendeten Reisbuendeln auf den Hoernern vortreiben, so dass es schien, als zoege dort die karthagische Armee in naechtlicher Weile bei Fackelschein ab. Die roemische Abteilung, die die Strasse sperrte, sich umgangen und die fernere Deckung der Strasse ueberfluessig waehnend, zog sich seitwaerts auf dieselben Anhoehen; auf der dadurch freigewordenen Strasse zog Hannibal dann mit dem Gros seiner Armee ab, ohne dem Feind zu begegnen, worauf er am anderen Morgen ohne Muehe und mit starkem Verlust fuer die Roemer seine leichten Truppen degagierte und zuruecknahm. Ungehindert setzte Hannibal darauf seinen Marsch in nordoestlicher Richtung fort und kam auf weiten Umwegen, nachdem er die Landschaften der Hirpiner, Kampaner, Samniten, Paeligner und Frentaner ohne Widerstand durchzogen und gebrandschatzt hatte, mit reicher Beute und voller Kasse wieder in der Gegend von Luceria an, als dort eben die Ernte beginnen sollte. Nirgend auf dem weiten Marsch hatte er taetigen Widerstand, aber nirgend auch Bundesgenossen gefunden. Wohl erkennend, dass ihm nichts uebrig blieb, als sich auf Winterquartiere im offenen Felde einzurichten, begann er die schwierige Operation, den Winterbedarf des Heeres durch dieses selbst von den Feldern der Feinde einbringen zu lassen. Die weite, groesstenteils flache nordapulische Landschaft, die Getreide und Futter im Ueberfluss darbot und von seiner ueberlegenen Reiterei gaenzlich beherrscht werden konnte, hatte er hierzu sich ausersehen. Bei Gerunium, fuenf deutsche Meilen noerdlich von Luceria, ward ein verschanztes Lager angelegt, aus dem zwei Drittel des Heeres taeglich zum Einbringen der Vorraete ausgesendet wurden, waehrend Hannibal mit dem Rest Stellung nahm, um das Lager und die ausgesendeten Detachements zu decken. Der Reiterfuehrer Marcus Minucius, der im roemischen Lager in Abwesenheit des Diktators den Oberbefehl stellvertretend fuehrte, hielt die Gelegenheit geeignet, um naeher an den Feind heranzuruecken und bezog ein Lager im larinatischen Gebiet, wo er auch teils durch seine blosse Anwesenheit die Detachierungen und dadurch die Verproviantierung des feindlichen Heeres hinderte, teils in einer Reihe gluecklicher Gefechte, die seine Truppen gegen einzelne phoenikische Abteilungen und sogar gegen Hannibal selbst bestanden, die Feinde aus ihren vorgeschobenen Stellungen verdraengte und sie noetigte, sich bei Gerunium zu konzentrieren. Auf die Nachricht von diesen Erfolgen, die begreiflich bei der Darstellung nicht verloren, brach in der Hauptstadt der Sturm gegen Quintus Fabius los. Er war nicht ganz ungerechtfertigt. So weise es war, sich roemischerseits verteidigend zu verhalten und den Haupterfolg von dem Abschneiden der Subsistenzmittel des Feindes zu erwarten, so war es doch ein seltsames Verteidigungs- und Aushungerungssystem, das dem Feind gestattete, unter den Augen einer an Zahl gleichen roemischen Armee ganz Mittelitalien ungehindert zu verwuesten und durch eine geordnete Fouragierung im groessten Massstab sich fuer den Winter hinreichend zu verproviantieren. So hatte Publius Scipio, als er im Potal kommandierte, die defensive Haltung nicht verstanden, und der Versuch seines Nachfolgers, ihn nachzuahmen, war bei Casilinum auf eine Weise gescheitert, die den staedtischen Spottvoegeln reichlichen Stoff gab. Es war bewundernswert, dass die italischen Gemeinden nicht wankten, als ihnen Hannibal die Ueberlegenheit der Phoeniker, die Nichtigkeit der roemischen Hilfe so fuehlbar dartat; allein wie lange konnte man ihnen zumuten, die zwiefache Kriegslast zu ertragen und sich unter den Augen der roemischen Truppen und ihrer eigenen Kontingente auspluendern zu lassen? Endlich, was das roemische Heer anlangte, so konnte man nicht sagen, dass es den Feldherrn zu dieser Kriegfuehrung noetigte; es bestand seinem Kerne nach aus den tuechtigen Legionen von Ariminum und daneben aus einberufener, groesstenteils ebenfalls dienstgewohnter Landwehr, und weit entfernt, durch die letzten Niederlagen entmutigt zu sein, war es erbittert ueber die wenig ehrenvolle Aufgabe, die sein Feldherr, “Hannibals Lakai”, ihm zuwies, und verlangte mit lauter Stimme, gegen den Feind gefuehrt zu werden. Es kam zu den heftigsten Auftritten in den Buergerversammlungen gegen den eigensinnigen alten Mann; seine politischen Gegner, an ihrer Spitze der gewesene Praetor Gaius Terentius Varro, bemaechtigten sich des Haders - wobei man nicht vergessen darf, dass der Diktator tatsaechlich vom Senat ernannt ward, und dies Amt galt als das Palladium der konservativen Partei - und setzten im Verein mit den unmutigen Soldaten und den Besitzern der gepluenderten Gueter den verfassungs- und sinnwidrigen Volksbeschluss durch: die Diktatur, die dazu bestimmt war, in Zeiten der Gefahr die Uebelstaende des geteilten Oberbefehls zu beseitigen, in gleicher Weise wie dem Quintus Fabius auch dessen bisherigem Unterfeldherrn Marcus Minucius zu erteilen ^3. So wurde die roemische Armee, nachdem ihre gefaehrliche Spaltung in zwei abgesonderte Korps eben erst zweckmaessig beseitigt worden war, nicht bloss wiederum geteilt, sondern auch an die Spitze der beiden Haelften Fuehrer gestellt, welche offenkundig geradezu entgegengesetzte Kriegsplaene befolgten. Quintus Fabius blieb natuerlich mehr als je bei seinem methodischen Nichtstun; Marcus Minucius, genoetigt, seinen Diktatortitel auf dem Schlachtfelde zu rechtfertigen, griff uebereilt und mit geringen Streitkraeften an und waere vernichtet worden, wenn nicht hier sein Kollege durch das rechtzeitige Erscheinen eines frischen Korps groesseres Unglueck abgewandt haette. Diese letzte Wendung der Dinge gab dem System des passiven Widerstandes gewissermassen Recht. Allein in der Tat hatte Hannibal in diesem Feldzug vollstaendig erreicht, was mit den Waffen erreicht werden konnte: nicht eine einzige wesentliche Operation hatten weder der stuermische noch der bedaechtige Gegner ihm vereitelt, und seine Verproviantierung war, wenn auch nicht ohne Schwierigkeit, doch im wesentlichen so vollstaendig gelungen, dass dem Heer in dem Lager bei Gerunium der Winter ohne Beschwerde vorueberging. Nicht der Zauderer hat Rom gerettet, sondern das feste Gefuege seiner Eidgenossenschaft und vielleicht nicht minder der Nationalhass der Okzidentalen gegen den phoenikischen Mann.
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^3 Die Inschrift des von dem neuen Diktator wegen seines Sieges bei Gerunium dem Hercules Sieger errichteten Weihgeschenkes: Hercolei sacrom M. Minuci(us) C. f. dictator vovit ist im Jahre 1862 in Rom bei S. Lorenzo aufgefunden worden.
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Trotz aller Unfaelle stand der roemische Stolz nicht minder aufrecht als die roemische Symmachie. Die Geschenke, welche der Koenig Hieron von Syrakus und die griechischen Staedte in Italien fuer den naechsten Feldzug anboten - die letzteren traf der Krieg minder schwer als die uebrigen italischen Bundesgenossen Roms, da sie nicht zum Landheer stellten -, wurden mit Dank abgelehnt; den illyrischen Haeuptlingen zeigte man an, dass sie nicht saeumen moechten mit Entrichtung des Tributs; ja man beschickte den Koenig von Makedonien abermals um die Auslieferung des Demetrios von Pharos. Die Majoritaet des Senats war trotz der Quasilegitimation, welche die letzten Ereignisse dem Zaudersystem des Fabius gegeben hatten, doch fest entschlossen, von dieser den Staat zwar langsam, aber sicher zugrunde richtenden Kriegfuehrung abzugehen; wenn der Volksdiktator mit seiner energischeren Kriegfuehrung gescheitert war, so schob man, und nicht mit Unrecht, die Ursache darauf, dass man eine halbe Massregel getroffen und ihm zu wenig Truppen gegeben habe. Diesen Fehler beschloss man zu vermeiden und ein Heer aufzustellen, wie Rom noch keines ausgesandt hatte: acht Legionen, jede um ein Fuenftel ueber die Normalzahl verstaerkt, und die entsprechende Anzahl Bundesgenossen, genug, um den nicht halb so starken Gegner zu erdruecken. Ausserdem ward eine Legion unter dem Praetor Lucius Postumius nach dem Potal bestimmt, um womoeglich die in Hannibals Heer dienenden Kelten nach der Heimat zurueckzuziehen. Diese Beschluesse waren verstaendig; es kam nur darauf an, auch ueber den Oberbefehl angemessen zu bestimmen. Das starre Auftreten des Quintus Fabius und die daran sich anspinnenden demagogischen Hetzereien hatten die Diktatur und ueberhaupt den Senat unpopulaerer gemacht als je; im Volke ging, wohl nicht ohne Schuld seiner Fuehrer, die toerichte Rede, dass der Senat den Krieg absichtlich in die Laenge ziehe. Da also an die Ernennung eines Diktators nicht zu denken war, versuchte der Senat die Wahl der Konsuln angemessen zu leiten, was indes den Verdacht und den Eigensinn erst recht rege machte. Mit Muehe brachte der Senat den einen seiner Kandidaten durch, den Lucius Aemilius Paullus, der im Jahre 535 (219) den Illyrischen Krieg verstaendig gefuehrt hatte; die ungeheure Majoritaet der Buerger gab ihm zum Kollegen den Kandidaten der Volkspartei Gaius Terentius Varro, einen unfaehigen Mann, der nur durch seine verbissene Opposition gegen den Senat und namentlich als Haupturheber der Wahl des Marcus Minucius zum Mitdiktator bekannt war, und den nichts der Menge empfahl als seine niedrige Geburt und seine rohe Unverschaemtheit.
Waehrend diese Vorbereitungen zu dem naechsten Feldzug in Rom getroffen wurden, hatte der Krieg bereits in Apulien wieder begonnen. Sowie die Jahreszeit es gestattete, die Winterquartiere zu verlassen, brach Hannibal, wie immer den Krieg bestimmend und die Offensive fuer sich nehmend, von Gerunium in der Richtung nach Sueden auf, ueberschritt an Luceria vorbeimarschierend den Aufidus und nahm das Kastell von Cannae (zwischen Canosa und Barletta), das die canusinische Ebene beherrschte und den Roemern bis dahin als Hauptmagazin gedient hatte. Die roemische Armee, welche, nachdem Fabius in der Mitte des Herbstes verfassungsmaessig seine Diktatur niedergelegt hatte, jetzt von Gnaeus Servilius und Marcus Regulus zuerst als Konsuln; dann als Prokonsuln kommandiert wurde, hatte den empfindlichen Verlust nicht abzuwenden gewusst; aus militaerischen wie aus politischen Ruecksichten ward es immer notwendiger, den Fortschritten Hannibals durch eine Feldschlacht zu begegnen. Mit diesem bestimmten Auftrag des Senats trafen denn auch die beiden neuen Oberbefehlshaber Paullus und Varro im Anfang des Sommers 538 (216) in Apulien ein. Mit den vier neuen Legionen und dem entsprechenden Kontingent der Italiker, die sie heranfuehrten, stieg die roemische Armee auf 80000 Mann zu Fuss, halb Buerger, halb Bundesgenossen, und 6000 Reiter, wovon ein Drittel Buerger, zwei Drittel Bundesgenossen waren; wogegen Hannibals Armee zwar 10000 Reiter, aber nur etwa 40000 Mann zu Fuss zaehlte. Hannibal wuenschte nichts mehr als eine Schlacht, nicht bloss aus den allgemeinen, frueher eroerterten Gruenden, sondern auch besonders deshalb, weil das weite apulische Blachfeld ihm gestattete, die ganze Ueberlegenheit seiner Reiterei zu entwickeln und weil die Verpflegung seiner zahlreichen Armee, hart an dem doppelt so starken und auf eine Reihe von Festungen gestuetzten Feind, trotz seiner ueberlegenen Reiterei sehr bald ungemein schwierig zu werden drohte. Auch die Fuehrer der roemischen Streitmacht waren, wie gesagt, im allgemeinen entschlossen zu schlagen und naeherten in dieser Absicht sich dem Feinde; allein die einsichtigeren unter ihnen erkannten Hannibals Lage und beabsichtigten daher, zunaechst zu warten und nur nahe am Feinde sich aufzustellen, um ihn zum Abzug und zur Annahme der Schlacht auf einem ihm minder guenstigen Terrain zu noetigen. Hannibal lagerte bei Cannae am rechten Ufer des Aufidus. Paullus schlug sein Lager an beiden Ufern des Flusses auf, so dass die Hauptmacht am linken Ufer zu stehen kam, ein starkes Korps aber am rechten unmittelbar dem Feind gegenueber Stellung nahm, um ihm die Zufuhren zu erschweren, vielleicht auch Cannae zu bedrohen. Hannibal, dem alles daran lag, bald zum Schlagen zu kommen, ueberschritt mit dem Gros seiner Truppen den Strom und bot auf dem linken Ufer die Schlacht an, die Paullus nicht annahm. Allein dem demokratischen Konsul missfiel dergleichen militaerische Pedanterie; es war so viel davon geredet worden, dass man ausziehe, nicht um Posten zu stehen, sondern um die Schwerter zu gebrauchen; er befahl, auf den Feind zu gehen, wo und wie man ihn eben fand. Nach der alten toerichterweise beibehaltenen Sitte wechselte die entscheidende Stimme im Kriegsrat zwischen dem Oberfeldherren Tag um Tag; man musste also am folgenden Tage sich fuegen und dem Helden von der Gasse seinen Willen tun. Auf dem linken Ufer, wo das weite Blachfeld der ueberlegenen Reiterei des Feindes vollen Spielraum bot, wollte allerdings auch er nicht schlagen; aber er beschloss, die gesamten roemischen Streitkraefte auf dem rechten zu vereinigen und hier, zwischen den karthagischen Lager und Cannae Stellung nehmend und dieses ernstlich bedrohend, die Schlacht anzubieten. Eine Abteilung von 10000 Mann blieb in dem roemischen Hauptlager zurueck mit dem Auftrag, das karthagische waehrend des Gefechts wegzunehmen und damit dem feindlichen Heere den Rueckzug ueber den Fluss abzuschneiden; das Gros der roemischen Armee ueberschritt mit dem grauenden Morgen des 2. August nach dem unberichtigten, etwa im Juni nach dem richtigen Kalender, den in dieser Jahreszeit seichten und die Bewegungen der Truppen nicht wesentlich hindernden Fluss und stellte bei dem kleineren roemischen Lager westlich von Cannae sich in Linie auf. Die karthagische Armee folgte und ueberschritt gleichfalls den Strom, an den der rechte roemische wie der linke karthagische Fluegel sich lehnten. Die roemische Reiterei stand auf den Fluegeln, die schwaechere der Buergerwehr auf dem rechten am Fluss, gefuehrt von Paullus, die staerkere bundesgenoessische auf dem linken gegen die Ebene, gefuehrt von Varro. Im Mitteltreffen stand das Fussvolk in ungewoehnlich tiefen Gliedern unter dem Befehl des Konsuls des Vorjahrs, Gnaeus Servilius. Diesem gegenueber ordnete Hannibal sein Fussvolk in halbmondfoermiger Stellung, so dass die keltischen und iberischen Truppen in ihrer nationalen Ruestung die vorgeschobene Mitte, die roemisch geruesteten Libyer auf beiden Seiten die zurueckgenommenen Fluegel bildeten. An der Flussseite stellte die gesamte schwere Reiterei unter Hasdrubal sich auf, an der Seite nach der Ebene hinaus die leichten numidischen Reiter. Nach kurzem Vorpostengefecht der leichten Truppen war bald die ganze Linie im Gefecht. Wo die leichte Reiterei der Karthager gegen Varros schwere Kavallerie focht, zog das Gefecht unter stetigen Chargen der Numidier ohne Entscheidung sich hin. Dagegen im Mitteltreffen warfen die Legionen die ihnen zuerst begegnenden spanischen und gallischen Truppen vollstaendig; eilig draengten die Sieger nach und verfolgten ihren Vorteil. Allein mittlerweile hatte auf dem rechten Fluegel das Glueck sich gegen die Roemer gewandt. Hannibal hatte den linken Reiterfluegel der Feinde bloss beschaeftigen lassen, um Hasdrubal mit der ganzen regulaeren Reiterei gegen den schwaecheren rechten zu verwenden und diesen zuerst zu werfen. Nach tapferer Gegenwehr wichen die roemischen Reiter und was nicht niedergehauen ward, wurde den Fluss hinaufgejagt und in die Ebene versprengt; verwundert ritt Paullus zu dem Mitteltreffen, das Schicksal der Legionen zu wenden oder doch zu teilen. Diese hatten, um den Sieg ueber die vorgeschobene feindliche Infanterie besser zu verfolgen, ihre Frontstellung in eine Angriffskolonne verwandelt, die keilfoermig eindrang in das feindliche Zentrum. In dieser Stellung wurden sie von dem rechts und links einschwenkenden libyschen Fussvolk von beiden Seiten heftig angegriffen und ein Teil von ihnen gezwungen, Halt zu machen, um gegen die Flankenangriffe sich zu verteidigen, wodurch das Vorruecken ins Stocken kam und die ohnehin schon uebermaessig dicht gereihte Infanteriemasse nun gar nicht mehr Raum fand, sich zu entwickeln. Inzwischen hatte Hasdrubal, nachdem er mit dem Fluegel des Paullus fertig war, seine Reiter aufs neue gesammelt und geordnet und sie hinter dem feindlichen Mitteltreffen weg gegen den Fluegel des Varro gefuehrt. Dessen italische Reiterei, schon mit den Numidiern hinreichend beschaeftigt, stob vor dem doppelten Angriff schnell auseinander. Hasdrubal, die Verfolgung der Fluechtigen den Numidiern ueberlassend, ordnete zum drittenmal seine Schwadronen, um sie dem roemischen Fussvolk in den Ruecken zu fuehren. Dieser letzte Stoss entschied. Flucht war nicht moeglich und Quartier ward nicht gegeben; es ist vielleicht nie ein Heer von dieser Groesse so vollstaendig und mit so geringem Verlust des Gegners auf dem Schlachtfeld selbst vernichtet worden wie das roemische bei Cannae. Hannibal hatte nicht ganz 6000 Mann eingebuesst, wovon zwei Drittel auf die Kelten kamen, die der erste Stoss der Legionen traf. Dagegen von den 76000 Roemern, die in der Schlachtlinie gestanden hatten, deckten 70000 das Feld, darunter der Konsul Lucius Paullus, der Altkonsul Gnaeus Servilius, zwei Drittel der Stabsoffiziere, achtzig Maenner senatorischen Ranges. Nur den Konsul Marcus Varro rettete sein rascher Entschluss und sein gutes Pferd nach Venusia, und er ertrug es zu leben. Auch die Besatzung des roemischen Lagers, 10000 Mann stark, ward groesstenteils kriegsgefangen; nur einige tausend Mann, teils aus diesen Truppen, teils aus der Linie, entkamen nach Canusium. Ja als sollte in diesem Jahre durchaus mit Rom ein Ende gemacht werden, fiel noch vor Ablauf desselben die nach Gallien gesandte Legion in einen Hinterhalt und wurde mit ihrem Feldherrn Lucius Postumius, dem fuer das naechste Jahr ernannten Konsul, von den Galliern gaenzlich vernichtet.
Dieser beispiellose Erfolg schien nun endlich die grosse politische Kombination zu reifen, um derentwillen Hannibal nach Italien gegangen war. Er hatte seinen Plan wohl zunaechst auf sein Heer gebaut; allein in richtiger Erkenntnis der ihm entgegenstehenden Macht sollte dies in seinem Sinn nur die Vorhut sein, mit der die Kraefte des Westens und Ostens allmaehlich sich vereinigen wuerden, um der stolzen Stadt den Untergang zu bereiten. Zwar diejenige Unterstuetzung, die die gesichertste schien, die Nachsendungen von Spanien her, hatte das kuehne und feste Auftreten des dorthin gesandten roemischen Feldherrn Gnaeus Scipio ihm vereitelt. Nach Hannibals Uebergang ueber die Rhone war dieser nach Emporiae gesegelt und hatte sich zuerst der Kueste zwischen den Pyrenaeen und dem Ebro, dann nach Besiegung des Hanno auch des Binnenlandes bemaechtigt (536 218). Er hatte im folgenden Jahr (537 217) die karthagische Flotte an der Ebromuendung voellig geschlagen, hatte, nachdem sein Bruder Publius, der tapfere Verteidiger des Potals, mit Verstaerkung von 8000 Mann zu ihm gestossen war, sogar den Ebro ueberschritten und war vorgedrungen bis gegen Sagunt. Zwar hatte Hasdrubal das Jahr darauf (538 216), nachdem er aus Afrika Verstaerkungen erhalten, den Versuch gemacht, den Befehl seines Bruders gemaess eine Armee ueber die Pyrenaeen zu fuehren; allein die Scipionen verlegten ihm den Uebergang ueber den Ebro und schlugen ihn vollstaendig, etwa um dieselbe Zeit, wo in Italien Hannibal bei Cannae siegte. Die maechtige Voelkerschaft der Keltiberer und zahlreiche andere spanische Staemme hatten den Scipionen sich zugewandt; diese beherrschten das Meer und die Pyrenaeenpaesse und durch die zuverlaessigen Massalioten auch die gallische Kueste. So war von Spanien aus fuer Hannibal jetzt weniger als je Unterstuetzung zu erwarten.
Von Karthago war bisher zur Unterstuetzung des Feldherrn in Italien so viel geschehen, wie man erwarten konnte: phoenikische Geschwader bedrohten die Kuesten Italiens und der roemischen Inseln und hueteten Afrika vor einer roemischen Landung, und dabei blieb es. Ernstlicheren Beistand verhinderte nicht sowohl die Ungewissheit, wo Hannibal zu finden sei, und der Mangel eines Landeplatzes in Italien, als die langjaehrige Gewohnheit, dass das spanische Heer sich selbst genuege, vor allem aber die grollende Friedenspartei. Hannibal empfand schwer die Folgen dieser unverzeihlichen Untaetigkeit; trotz allen Sparens des Geldes und der mitgebrachten Soldaten wurden seine Kassen allmaehlich leer, der Sold kam in Rueckstand und die Reihen seiner Veteranen fingen an sich zu lichten. Jetzt aber brachte die Siegesbotschaft von Cannae selbst die faktioese Opposition daheim zum Schweigen. Der karthagische Senat beschloss dem Feldherrn betraechtliche Unterstuetzungen an Geld und Mannschaft, teils aus Afrika, teils aus Spanien, unter anderm 4000 numidische Reiter und 40 Elefanten zur Verfuegung zu stellen und in Spanien wie in Italien den Krieg energisch zu betreiben.
Die laengstbesprochene Offensivallianz zwischen Karthago und Makedonien war anfangs durch Antigonos’ ploetzlichen Tod, dann durch seines Nachfolgers Philippos Unentschlossenheit und dessen und seiner hellenischen Bundesgenossen unzeitigen Krieg gegen die Aetoler (534-537 220-217) verzoegert worden. Erst jetzt, nach der Cannensischen Schlacht, fand Demetrios von Pharos Gehoer bei Philippos mit dem Antrag, seine illyrischen Besitzungen an Makedonien abzutreten - sie massten freilich erst den Roemern entrissen werden -, und erst jetzt schloss der Hof von Pella ab mit Karthago. Makedonien uebernahm es, eine Landungsarmee an die italische Ostkueste zu werfen, wogegen ihm die Rueckgabe der roemischen Besitzungen in Epeiros zugesichert ward.
In Sizilien hatte Koenig Hieron zwar waehrend der Friedensjahre, soweit es mit Sicherheit geschehen konnte, eine Neutralitaetspolitik eingehalten, und auch den Karthagern waehrend der gefaehrlichen Krisen nach dem Frieden mit Rom namentlich durch Kornsendungen sich gefaellig erwiesen. Es ist kein Zweifel, dass er den abermaligen Bruch zwischen Karthago und Rom hoechst ungern sah; aber ihn abzuwenden vermochte er nicht, und als er eintrat, hielt er mit wohlberechneter Treue fest an Rom. Allein bald darauf (Herbst 538 216) rief der Tod den alten Mann nach vierundfuenfzigjaehriger Regierung ab. Der Enkel und Nachfolger des klugen Greises, der junge unfaehige Hieronymus, liess sich sogleich mit den karthagischen Diplomaten ein; und da diese keine Schwierigkeit machten, ihm zuerst Sizilien bis an die alte karthagisch-sizilische Grenze, dann sogar, da sein Uebermut stieg, den Besitz der ganzen Insel vertragsmaessig zuzusichern, trat er in Buendnis mit Karthago und liess mit der karthagischen Flotte, die gekommen war, um Syrakus zu bedrohen, die syrakusanische sich vereinigen. Die Lage der roemischen Flotte bei Lilybaeon, die schon mit dem zweiten, bei den aegatischen Inseln postierten karthagischen Geschwader zu tun gehabt hatte, ward auf einmal sehr bedenklich, waehrend zugleich die in Rom zur Einschiffung nach Sizilien bereitstehende Mannschaft infolge der Cannensischen Niederlage fuer andere und dringendere Erfordernisse verwendet werden musste.