^1 Polybios’ Bericht ueber die Schlacht an der Trebia ist vollkommen klar. Wenn Placentia auf dem rechten Ufer der Trebia an deren Muendung in den Po lag, und wenn die Schlacht auf dem linken Ufer geliefert ward, waehrend das roemische Lager auf dem rechten geschlagen war - was beides wohl bestritten worden, aber nichtsdestoweniger unbestreitbar ist -, so mussten allerdings die roemischen Soldaten, ebensogut um Placentia wie um das Lager zu gewinnen, die Trebia passieren. Allein bei dem Uebergang in das Lager haetten sie durch die aufgeloesten Teile der eigenen Armee und durch das feindliche Umgehungskorps sich den Weg bahnen und dann fast im Handgemenge mit dem Feinde den Fluss ueberschreiten muessen. Dagegen ward der Uebergang bei Placentia bewerkstelligt, nachdem die Verfolgung nachgelassen hatte, das Korps mehrere Meilen vom Schlachtfeld entfernt und im Bereiche einer roemischen Festung angelangt war; es kann sogar sein, obwohl es sich nicht beweisen laesst, dass hier eine Bruecke ueber die Trebia fuehrte und der Brueckenkopf am anderen Ufer von der placentinischen Garnison besetzt war. Es ist einleuchtend, dass die erste Passage ebenso schwierig wie die zweite leicht war und Polybios also, Militaer wie er war, mit gutem Grunde von dem Korps der Zehntausend bloss sagt, dass es in geschlossenen Kolonnen nach Placentia sich durchschlug (3, 74, 6), ohne des hier gleichgueltigen Uebergangs ueber den Fluss zu gedenken.

Die Verkehrtheit der Livianischen Darstellung, welche das phoenikische Lager auf das rechte, das roemische auf das linke Ufer der Trebia verlegt, ist neuerdings mehrfach hervorgehoben worden. Es mag nur noch daran erinnert werden, dass die Lage von Clastidium bei dem heutigen Casteggio jetzt durch Inschriften festgestellt ist (Orelli-Henzen 5117).

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Die Folge dieses ersten Sieges der Invasionsarmee war, dass die nationale Insurrektion sich nun im ganzen Kettenland ungestoert erhob und organisierte. Die Ueberreste der roemische Poarmee warfen sich in die Festungen Placentia und Cremona; vollstaendig abgeschnitten von der Heimat, mussten sie ihre Zufuhren auf dem Fluss zu Wasser beziehen. Nur wie durch ein Wunder entging der Konsul Tiberius Sempronius der Gefangenschaft, als er mit einem schwachen Reitertrupp der Wahlen wegen nach Rom ging. Hannibal, der nicht durch weitere Maersche in der rauben Jahreszeit die Gesundheit seiner Truppen aufs Spiel setzen wollte, bezog, wo er war, das Winterbiwak und begnuegte sich, da ein ernstlicher Versuch auf die groesseren Festungen zu nichts gefuehrt haben wuerde, durch Angriffe auf den Flusshafen von Placentia und andere kleinere roemische Positionen den Feind zu necken. Hauptsaechlich beschaeftigte er sich damit, den gallischen Aufstand zu organisieren; ueber 60000 Fusssoldaten und 4000 Berittene sollen von den Kelten sich seinem Heer angeschlossen haben.

Fuer den Feldzug des Jahres 537 (217) wurden in Rom keine ausserordentlichen Anstrengungen gemacht; der Senat betrachtete, und nicht mit Unrecht, trotz der verlorenen Schlacht die Lage noch keineswegs als ernstlich gefahrvoll. Ausser den Kuestenbesatzungen, die nach Sardinien, Sizilien und Tarent, und den Verstaerkungen, die nach Spanien abgingen, erhielten die beiden neuen Konsuln Gaius Flaminius und Gnaeus Servilius nur soviel Mannschaft, als noetig war, um die vier Legionen wieder vollzaehlig zu machen; einzig die Reiterei wurde verstaerkt. Sie sollten die Nordgrenze decken und stellten sich deshalb an den beiden Kunststrassen auf, die von Rom nach Norden fuehrten, und von denen die westliche damals bei Arretium, die oestliche bei Ariminum endigte; jene besetzte Gaius Flaminius, diese Gnaeus Servilius. Hier zogen sie die Truppen aus den Pofestungen, wahrscheinlich zu Wasser, wieder an sich und erwarteten den Beginn der besseren Jahreszeit, um in der Defensive die Apenninpaesse zu besetzen und, zur Offensive uebergehend, in das Potal hinabzusteigen und etwa bei Placentia sich die Hand zu reichen. Allein Hannibal hatte keineswegs die Absicht, das Potal zu verteidigen. Er kannte Rom besser vielleicht, als die Roemer selbst es kannten, und wusste sehr genau, wie entschieden er der Schwaechere war und es blieb trotz der glaenzenden Schlacht an der Trebia; er wusste auch, dass sein letztes Ziel, die Demuetigung Roms, von dem zaehen roemischen Trotz weder durch Schreck noch durch Ueberraschung zu erreichen sei, sondern nur durch die tatsaechliche Ueberwaeltigung der stolzen Stadt. Es lag klar am Tage, wie unendlich ihm, dem von daheim nur unsichere und unregelmaessige Unterstuetzung zukam und der in Italien zunaechst nur auf das schwankende und latinische Kelterwolk sich zu lehnen vermochte, die italische Eidgenossenschaft an politischer Festigkeit und an militaerischen Hilfsmitteln ueberlegen war; und wie tief trotz aller angewandten Muehe der phoenikische Fusssoldat unter dem Legionaer taktisch stand, hatte die Defensive Scipios und der glaenzende Rueckzug der geschlagenen Infanterie an der Trebia vollkommen erwiesen. Aus dieser Einsicht flossen die beiden Grundgedanken, die Hannibals ganze Handlungsweise in Italien bestimmt haben: den Krieg mit stetem Wechsel des Operationsplans und des Schauplatzes, gewissermassen abenteuernd zu fuehren, die Beendigung desselben aber nicht von den militaerischen Erfolgen, sondern von den politischen, von der allmaehlichen Lockerung und der endlichen Sprengung der italischen Eidgenossenschaft zu erwarten. Jene Fuehrung war notwendig, weil das einzige, was Hannibal gegen so viele Nachteile in die Waagschale zu werfen hatte, sein militaerisches Genie nur dann vollstaendig ins Gewicht fiel, wenn er seine Gegner stets durch unvermutete Kombinationen deroutierte, und er verloren war, sowie der Krieg zum Stehen kam. Dieses Ziel war das von der richtigen Politik ihm gebotene, weil er, der gewaltige Schlachtensieger, sehr deutlich einsah, dass er jedesmal die Generale ueberwand und nicht die Stadt, und nach jeder neuen Schlacht die Roemer den Karthagern ebenso ueberlegen blieben, wie er den roemischen Feldherren. Dass Hannibal selbst auf dem Gipfel des Gluecks sich nie hierueber getaeuscht hat, ist bewunderungswuerdiger als seine bewundertsten Schlachten.

Dies und nicht die Bitten der Gallier um Schonung ihres Landes, die ihn nicht bestimmen durften, ist auch die Ursache, warum Hannibal seine neugewonnene Operationsbasis gegen Italien jetzt gleichsam fallen liess und den Kriegsschauplatz nach Italien selbst verlegte. Vorher hiess er alle Gefangenen sich vorfuehren. Die Roemer liess er aussondern und mit Sklavenfesseln belasten - dass Hannibal alle waffenfaehigen Roemer, die ihm hier und sonst in die Haende fielen, habe niedermachen lassen, ist ohne Zweifel mindestens stark uebertrieben; dagegen wurden die saemtlichen italischen Bundesgenossen ohne Loesegeld entlassen, um daheim zu berichten, dass Hannibal nicht gegen Italien Krieg fuehre, sondern gegen Rom; dass er jeder italischen Gemeinde die alte Unabhaengigkeit und die alten Grenzen wieder zusichere und dass den Befreiten der Befreier auf dem Fusse folge als Retter und als Raecher. In der Tat bracher, da der Winter zu Ende ging, aus dem Potal auf, um sich einen Weg durch die schwierigen Defileen des Apennin zu suchen. Gaius Flaminius mit der etruskischen Armee stand vorlaeufig noch bei Arezzo, um von hier aus zur Deckung des Arnotales und der Apenninpaesse etwa nach Lucca abzuruecken, sowie es die Jahreszeit erlaubte. Allein Hannibal kam ihm zuvor. Der Apenninuebergang ward in moeglichst westlicher Richtung, das heisst moeglichst weit vom Feinde, ohne grosse Schwierigkeit bewerkstelligt; allein die sumpfigen Niederungen zwischen dem Serchio und dem Arno waren durch die Schneeschmelze und die Fruehlingsregen so ueberstaut, dass die Armee vier Tage im Wasser zu marschieren hatte, ohne auch nur zur naechtlichen Rast einen anderen trockenen Platz zu finden, als den das zusammengehaeufte Gepaeck und die gefallenen Saumtiere darboten. Die Truppen litten unsaeglich, namentlich das gallische Fussvolk, das hinter dem karthagischen in den schon grundlosen Wegen marschierte; es murrte laut und waere ohne Zweifel in Masse ausgerissen, wenn nicht die karthagische Reiterei unter Mago, die den Zug beschloss, ihm die Flucht unmoeglich gemacht haette. Die Pferde, unter denen die Klauenseuche ausbrach, fielen haufenweise; andere Seuchen dezimierten die Soldaten; Hannibal selbst verlor infolge einer Entzuendung das eine Auge. Indes das Ziel ward erreicht; Hannibal lagerte bei Fiesole, waehrend Gaius Flaminius noch bei Arezzo abwartete, dass die Wege gangbar wuerden, um sie zu sperren. Nachdem die roemische Defensivstellung somit umgangen war, konnte der Konsul, der vielleicht stark genug gewesen waere, um die Bergpaesse zu verteidigen, aber sicher nicht imstande war, Hannibal jetzt im offenen Felde zu stehen, nichts Besseres tun als warten, bis das zweite, nun bei Ariminum voellig ueberfluessig gewordene Heer herankam. Indes er selber urteilte anders. Er war ein politischer Parteifuehrer, durch seine Bemuehungen, die Macht des Senats zu beschraenken, in die Hoehe gekommen, durch die gegen ihn waehrend seiner Konsulate gesponnenen aristokratischen Intrigen auf die Regierung erbittert, durch die wohl gerechtfertigte Opposition gegen deren parteilichen Schlendrian fortgerissen zu trotziger Ueberhebung ueber Herkommen und Sitte, berauscht zugleich von der blinden Liebe des gemeinen Mannes und ebenso sehr von dem bitteren Hass der Herrenpartei, und ueber alles dies mit der fixen Idee behaftet, dass er ein militaerisches Genie sei. Sein Feldzug gegen die Insubrer von 531 (223), der fuer unbefangene Urteiler nur bewies, dass tuechtige Soldaten oefters gutmachen, was schlechte Generale verderben, galt ihm und seinen Anhaengern als der unumstoessliche Beweis, dass man nur den Gaius Flaminius an die Spitze des Heeres zu stellen brauche, um dem Hannibal ein schnelles Ende zu bereiten. Solche Reden hatten ihm das zweite Konsulat verschafft, und solche Hoffnungen hatten jetzt eine derartige Menge von unbewaffneten Beutelustigen in sein Lager gefuehrt, dass deren Zahl nach der Versicherung nuechterner Geschichtschreiber die der Legionarier ueberstieg. Zum Teil hierauf gruendete Hannibal seinen Plan. Weit entfernt, ihn anzugreifen, marschierte er an ihm vorbei und liess durch die Kelten, die das Pluendern gruendlich verstanden, und die zahlreiche Reiterei die Landschaft rings umher brandschatzen. Die Klagen und die Erbitterung der Menge, die sich musste auspluendern lassen unter den Augen des Helden, der sie zu bereichern versprochen; das Bezeigen des Feindes, dass er ihm weder die Macht noch den Entschluss zutraue, vor der Ankunft seines Kollegen etwas zu unternehmen, mussten einen solchen Mann bestimmen, sein strategisches Genie zu entwickeln und dem unbesonnenen hochmuetigen Feind eine derbe Lektion zu erteilen. Nie ist ein Plan vollstaendiger gelungen. Eilig folgte der Konsul dem Marsch des Feindes, der an Arezzo vorueber langsam durch das reiche Chianatal gegen Perugia zog; er erreichte ihn in der Gegend von Cortona, wo Hannibal, genau unterrichtet von dem Marsch seines Gegners, volle Zeit gehabt hatte, sein Schlachtfeld zu waehlen, ein enges Defilee zwischen zwei steilen Bergwaenden, das am Ausgang ein hoher Huegel, am Eingang der Trasimenische See schloss. Mit dem Kern seiner Infanterie verlegte er den Ausweg; die leichten Truppen und die Reiterei stellten zu beiden Seiten verdeckt sich auf. Unbedenklich rueckten die roemischen Kolonnen in den unbesetzten Pass; der dichte Morgennebel verbarg ihnen die Stellung des Feindes. Wie die Spitze des roemischen Zuges sich dein Huegel naeherte, gab Hannibal das Zeichen zur Schlacht; zugleich schloss die Reiterei, hinter den Huegeln vorrueckend, den Eingang des Passes und auf den Raendern rechts und links zeigten die verziehenden Nebel ueberall phoenikische Waffen. Es war kein Treffen, sondern nur eine Niederlage. Was ausserhalb des Defilees geblieben war, wurde von den Reitern in den See gesprengt, der Hauptzug in dem Passe selbst fast ohne Gegenwehr vernichtet und die meisten, darunter der Konsul selbst, in der Marschordnung niedergehauen. Die Spitze der roemischen Heersaeule, 6000 Mann zu Fuss schlugen sich zwar durch das feindliche Fussvolk durch und bewiesen wiederum die unwiderstehliche Gewalt der Legionen; allein abgeschnitten und ohne Kunde von dem uebrigen Heer, marschierten sie aufs Geratewohl weiter, wurden am folgenden Tag auf einem Huegel, den sie besetzt hatten, von einem karthagischen Reiterkorps umzingelt und da die Kapitulation, die ihnen freien Abzug versprach, von Hannibal verworfen ward, saemtlich als kriegsgefangen behandelt. 15000 Roemer waren gefallen, ebenso viele gefangen, das heisst das Heer war vernichtet; der geringe karthagische Verlust - 1500 Mann - traf wieder vorwiegend die Gallier ^2. Und als waere dies nicht genug, so ward gleich nach der Schlacht am Trasimenischen See die Reiterei des ariminensischen Heeres unter Gaius Centenius, 4000 Mann stark, die Gnaeus Servilius, selber langsam nachrueckend, vorlaeufig seinem Kollegen zu Hilfe sandte, gleichfalls von dem phoenikischen Heer umzingelt und teils niedergemacht, teils gefangen. Ganz Etrurien war verloren und ungehindert konnte Hannibal auf Rom marschieren. Dort machte man sich auf das Aeusserste gefasst; man brach die Tiberbruecken ab und ernannte den Quintus Fabius Maximus zum Diktator, um die Mauern instand zu setzen und die Verteidigung zu leiten, fuer welche ein Reserveheer gebildet ward. Zugleich wurden zwei neue Legionen anstatt der vernichteten unter die Waffen gerufen und die Flotte, die im Fall einer Belagerung wichtig werden konnte, instand gesetzt.

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^2 Das Datum der Schlacht, 23. Juni nach dem unberichtigten Kalender, muss nach dem berichtigten etwa in den April fallen, da Quintus Fabius seine Diktatur nach sechs Monaten in der Mitte des Herbstes (Liv. 22, 31, 7; 32, 1) niederlegte, also sie etwa Anfang Mai antrat. Die Kalenderverwirrung war schon in dieser Zeit in Rom sehr arg.

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Allein Hannibal sah weiter als Koenig Pyrrhos. Er marschierte nicht auf Rom; auch nicht gegen Gnaeus Servilius, der, ein tuechtiger Feldherr, seine Armee mit Hilfe der Festungen an der Nordstrasse auch jetzt unversehrt erhalten und vielleicht den Gegner sich gegenueber festgehalten haben wuerde. Es geschah wieder einmal etwas ganz Unerwartetes. An der Festung Spoletium vorbei, deren Ueberrumpelung fehlschlug, marschierte Hannibal durch Umbrien, verheerte entsetzlich das ganz mit roemischen Bauernhoefen bedeckte picenische Gebiet und machte Halt an den Ufern des Adriatischen Meeres. Menschen und Pferde in seinem Heer hatten noch die Nachwehen der Fruehlingskampagne nicht verwunden; hier hielt er eine laengere Rast, um in der anmutigen Gegend und der schoenen Jahreszeit sein Heer sich erholen zu lassen und sein libysches Fussvolk in roemischer Weise zu reorganisieren, wozu die Masse der erbeuteten roemischen Waffen ihm die Mittel darbot. Von hier aus knuepfte er ferner die lange unterbrochenen Verbindungen mit der Heimat wieder an, indem er zu Wasser seine Siegesbotschaften nach Karthago sandte. Endlich, als sein Heer hinreichend sich wiederhergestellt hatte und der neue Waffendienst genugsam geuebt war, brach er auf und marschierte langsam an der Kueste hinab in das suedliche Italien hinein.