Nach diesem Tage konnte auf karthagischer Seite nur der Unverstand zur Fortsetzung des Krieges raten. Dagegen lag es in der Hand des roemischen Feldherrn, sofort die Belagerung der Hauptstadt zu beginnen, die weder gedeckt noch verproviantiert war, und, wenn nicht unberechenbare Zwischenfaelle eintraten, das Schicksal, welches Hannibal ueber Rom hatte bringen wollen, jetzt ueber Karthago walten zu lassen. Scipio hat es nicht getan; er gewaehrte den Frieden (553 201), freilich nicht mehr auf die frueheren Bedingungen. Ausser den Abtretungen, die schon bei den letzen Verhandlungen fuer Rom wie fuer Massinissa gefordert worden waren, wurde den Karthagern auf fuenfzig Jahre eine jaehrliche Kontribution von 200 Talenten (340000 Taler) aufgelegt und mussten sie sich anheischig machen, nicht gegen Rom oder seine Verbuendeten und ueberhaupt ausserhalb Afrika gar nicht, in Afrika ausserhalb ihres eigenen Gebietes nur nach eingeholter Erlaubnis Roms Krieg zu fuehren; was tatsaechlich darauf hinauslief, dass Karthago tributpflichtig ward und seine politische Selbstaendigkeit verlor. Es scheint sogar, dass die Karthager unter Umstaenden verpflichtet waren, Kriegsschiffe zu der roemischen Flotte zu stellen.

Man hat Scipio beschuldigt, dass er, um die Ehre der Beendigung des schwersten Krieges, den Rom gefuehrt hat, nicht mit dem Oberbefehl an einen Nachfolger abgeben zu muessen, dem Feinde zu guenstige Bedingungen gewaehrte. Die Anklage moechte gegruendet sein, wenn der erste Entwurf zustande gekommen waere; gegen den zweiten scheint sie nicht gerechtfertigt. Weder standen in Rom die Verhaeltnisse so, dass der Guenstling des Volkes nach dem Siege bei Zama die Abberufung ernstlich zu fuerchten gehabt haette - war doch schon vor dem Siege ein Versuch, ihn abzuloesen, vom Senat an die Buergerschaft und von dieser entschieden zurueckgewiesen worden; noch rechtfertigen die Bedingungen selbst diese Beschuldigung. Die Karthagerstadt hat, nachdem ihr also die Haende gebunden und ein maechtiger Nachbar ihr zur Seite gestellt war, nie auch nur einen Versuch gemacht, sich der roemischen Suprematie zu entziehen, geschweige denn, mit Rom zu rivalisieren; es wusste ueberdies jeder, der es wissen wollte, dass der soeben beendigte Krieg viel mehr von Hannibal unternommen worden war als von Karthago und dass der Riesenplan der Patriotenpartei sich schlechterdings nicht erneuern liess. Es mochte den rachsuechtigen Italienern wenig duenken, dass nur die fuenfhundert ausgelieferten Kriegsschiffe in Flammen aufloderten und nicht auch die verhasste Stadt; Verbissenheit und Dorfschulzenverstand mochten die Meinung verfechten, dass nur der vernichtete Gegner wirklich besiegt sei, und den schelten, der das Verbrechen, die Roemer zittern gemacht zu haben, verschmaeht hatte, gruendlicher zu bestrafen. Scipio dachte anders und wir haben keinen Grund und also kein Recht anzunehmen, dass in diesem Fall die gemeinen Motive den Roemer bestimmten, und nicht die adligen und hochsinnigen, die auch in seinem Charakter lagen. Nicht das Bedenken der etwaigen Abberufung oder des moeglichen Glueckswechsels noch die allerdings nicht fernliegende Besorgnis vor dem Ausbruch des Makedonischen Krieges haben den sicheren und zuversichtlichen Mann, dem bisher noch alles unbegreiflich gelungen war, abgehalten, die Exekution an der ungluecklichen Stadt zu vollziehen, die fuenfzig Jahre spaeter seinem Adoptivenkel aufgetragen wurde und die freilich wohl jetzt gleich schon vollzogen werde konnte. Es ist viel wahrscheinlicher, dass die beiden grossen Feldherren, bei denen jetzt auch die politische Entscheidung stand, den Frieden wie er war boten und annahmen, um dort der ungestuemen Rachsucht der Sieger, hier der Hartnaeckigkeit und dem Unverstand der Ueberwundenen gerechte und verstaendige Schranken zu setzen; der Seelenadel und die staatsmaennische Begabung der hohen Gegner zeigt sich nicht minder in Hannibals grossartiger Fuegung in das Unvermeidliche als in Scipios weisem Zuruecktreten von dem Ueberfluessigen und Schmaehlichen des Sieges. Sollte er, der hochherzige und freiblickende Mann, sich nicht gefragt haben, was es denn dem Vaterlande nuetzte, nachdem die politische Macht der Karthagerstadt vernichtet war, diesen uralten Sitz des Handels und Ackerbaus voellig zu verderben und einen der Grundpfeiler der damaligen Zivilisation frevelhaft niederzuwerfen? Die Zeit war noch nicht gekommen, wo die ersten Maenner Roms sich hergaben zu Henkern der Zivilisation der Nachbarn und die ewige Schande der Nation leichtfertig glaubten von sich mit einer muessigen Traene abzuwaschen.

So war der Zweite Punische Krieg, oder wie die Roemer ihn richtiger nennen, der Hannibalische Krieg beendigt, nachdem er siebzehn Jahre vom Hellespont bis zu den Saeulen des Herkules die Inseln und Landschaften verheert hatte. Vor diesem Krieg hatte Rom sein politisches Ziel nicht hoeher gesteckt als bis zu der Beherrschung des Festlandes der italischen Halbinsel innerhalb ihrer natuerlichen Grenzen und der italischen Inseln und Meere. Dass man den Krieg auch beendigte mit dem Gedanken, nicht die Herrschaft ueber die Staaten am Mittelmeer oder die sogenannte Weltmonarchie begruendet, sondern einen gefaehrlichen Nebenbuhler unschaedlich gemacht und Italien bequeme Nachbarn gegeben zu haben, wird durch die Behandlung Afrikas beim Friedensschluss deutlich bewiesen. Es ist wohl richtig, dass andere Ergebnisse des Krieges, namentlich die Eroberung von Spanien, diesem Gedanken wenig entsprachen; aber die Erfolge fuehrten eben ueber die eigentliche Absicht hinaus, und zu dem Besitz von Spanien sind die Roemer in der Tat man moechte sagen zufaellig gelangt. Die Herrschaft ueber Italien haben die Roemer errungen, weil sie sie erstrebt haben; die Hegemonie und die daraus entwickelte Herrschaft ueber das Mittelmeergebiet ist ihnen gewissermassen ohne ihre Absicht durch die Verhaeltnisse zugeworfen worden.

Die unmittelbaren Resultate des Krieges waren ausserhalb Italien die Verwandlung Spaniens in eine roemische, freilich in ewiger Auflehnung begriffene Doppelprovinz; die Vereinigung des bis dahin abhaengigen syrakusanischen Reiches mit der roemischen Provinz Sizilien; die Begruendung des roemischen statt des karthagischen Patronats ueber die bedeutendsten numidischen Haeuptlinge; endlich die Verwandlung Karthagos aus einem maechtigen Handelsstaat in eine wehrlose Kaufstadt; mit einem Worte Roms unbestrittene Hegemonie ueber den Westen des Mittelmeergebiets, in weiterer Entwicklung das notwendige Ineinandergreifen des oestlichen und des westlichen Staatensystems, das im Ersten Punischen Krieg sich nur erst angedeutet hatte, und damit das demnaechst bevorstehende entscheidende Eingreifen Roms in die Konflikte der alexandrischen Monarchien. In Italien wurde dadurch zunaechst das Keltenvolk, wenn nicht schon vorher, doch jetzt sicher zum Untergang bestimmt, und es war nur noch eine Zeitfrage, wann die Exekution vollzogen werden wuerde. Innerhalb der roemischen Eidgenossenschaft war die Folge des Krieges das schaerfere Hervortreten der herrschenden latinischen Nation, deren inneren Zusammenhang die trotz einzelner Schwankungen doch im ganzen in treuer Gemeinschaft ueberstandene Gefahr geprueft und bewaehrt hatte, und die steigende Unterdrueckung der nicht latinischen oder nicht latinisierten Italiker, namentlich der Etrusker und der unteritalischen Sabeller. Am schwersten traf die Strafe oder vielmehr die Rache teils den maechtigsten teils den zugleich ersten und letzten Bundesgenossen Hannibals, die Gemeinde Capua und die Landschaft der Brettier. Die capuanische Verfassung ward vernichtet und Capua aus der zweiten Stadt in das erste Dorf Italiens umgewandelt; es war sogar die Rede davon, die Stadt zu schleifen und dem Boden gleichzumachen. Den gesamten Grund und Boden mit Ausnahme weniger Besitzungen Auswaertiger oder roemisch gesinnter Kampaner erklaerte der Senat zur oeffentlichen Domaene und gab ihn seitdem an kleine Leute parzellenweise in Zeitpacht. Aehnlich wurden die Picenter am Silarus behandelt; ihre Hauptstadt wurde geschleift und die Bewohner zerstreut in die umliegenden Doerfer. Der Brettier Los war noch haerter; sie wurden in Masse gewissermassen zu Leibeigenen der Roemer gemacht und fuer ewige Zeiten vom Waffenrecht ausgeschlossen. Aber auch die uebrigen Verbuendeten Hannibals buessten schwer, so die griechischen Staedte mit Ausnahme der wenigen, die bestaendig zu Rom gehalten hatten, wie die kampanischen Griechen und die Rheginer. Nicht viel weniger litten die Arpaner und eine Menge anderer apulischer, lucanischer, samnitischer Gemeinden, die grossenteils Stuecke ihrer Mark verloren. Auf einem Teile der also gewonnenen Aecker wurden neue Kolonien angelegt; so im Jahre 560 (194) eine ganze Reihe Buergerkolonien an den besten Haefen Unteritaliens, unter denen Sipontum (bei Manfredonia) und Kroton zu nennen sind, ferner Salernum in dem ehemaligen Gebiet der suedlichen Picenter und diesen zur Zwingburg bestimmt, vor allem aber Puteoli, das bald der Sitz der vornehmen Villeggiatur und des asiatisch-aegyptischen Luxushandels ward. Ferner ward Thurii latinische Festung unter dem neuen Namen Copia (560 194), ebenso die reiche brettische Stadt Vibo unter dem Namen Valentia (562 192). Auf anderen Grundstuecken in Samnium und Apulien wurden die Veteranen der siegreichen Armee von Afrika einzeln angesiedelt; der Rest blieb Gemeinland und die Weideplaetze der vornehmen Herren in Rom ersetzten die Gaerten und Ackerfelder der Bauern. Es versteht sich, dass ausserdem in allen Gemeinden der Halbinsel die namhaften, nicht gut roemisch gesinnten Leute soweit beseitigt wurden, als dies durch politische Prozesse und Gueterkonfiskationen durchzusetzen war. Ueberall in Italien fuehlten die nichtlatinischen Bundesgenossen, dass ihr Name eitel und dass sie fortan Untertanen Roms seien; die Besiegung Hannibals ward als eine zweite Unterjochung Italiens empfunden und alle Erbitterung wie aller Uebermut des Siegers vornehmlich an den italischen, nichtlatinischen Bundesgenossen ausgelassen. Selbst die farblose und wohlpolizierte roemische Komoedie dieser Zeit traegt davon die Spuren; wenn die niedergeworfenen Staedte Capua und Atella dem zuegellosen Witz der roemischen Posse polizeilich freigegeben und die letztere geradezu deren Schildburg wurde, wenn andere Lustspieldichter darueber spassten, dass in der todbringenden Luft, wo selbst die ausdauerndste Rasse der Sklaven, das Syrervolk, verkomme, die kampanische Sklavenschaft schon gelernt habe auszuhalten, so hallt aus solchen gefuehllosen Spoettereien der Hohn der Sieger, freilich auch der Jammerlaut der zertretenen Nationen wieder. Wie die Dinge standen, zeigt die aengstliche Sorgfalt, womit waehrend des folgenden Makedonischen Krieges die Bewachung Italiens vom Senat betrieben ward, und die Verstaerkungen, die den wichtigsten Kolonien - so Venusia 554 (200), Narnia 555 (199), Cosa 557 (197), Cales kurz vor 570 (184) - von Rom aus zugesandt wurden.

Welche Luecken Krieg und Hunger in die Reihen der italischen Bevoelkerung gerissen hatten, zeigt das Beispiel der roemischen Buergerschaft, deren Zahl waehrend des Krieges fast um den vierten Teil geschwunden war; die Angabe der Gesamtzahl der im Hannibalischen Krieg gefallenen Italiker auf 300000 Koepfe scheint danach durchaus nicht uebertrieben. Natuerlich fiel dieser Verlust vorwiegend auf den Kern der Buergerschaft, die ja auch den Kern wie die Masse der Streiter stellte; wie furchtbar namentlich der Senat sich lichtete, zeigt die Ergaenzung desselben nach der Schlacht bei Cannae, wo derselbe auf 123 Koepfe geschwunden war und mit Muehe und Not durch eine ausserordentliche Ernennung von 177 Senatoren wieder auf seinen Normalstand gebracht ward. Dass endlich der siebzehnjaehrige Krieg, der zugleich in allen Landschaften Italiens und nach allen vier Weltgegenden im Ausland gefuehrt worden war, die Volkswirtschaft im tiefsten Grund erschuettert haben muss, ist im allgemeinen klar; zur Ausfuehrung im einzelnen reicht die Ueberlieferung nicht hin. Zwar der Staat gewann durch die Konfiskationen, und namentlich das kampanische Gebiet blieb seitdem eine unversiegliche Quelle der Staatsfinanzen; allein durch diese Ausdehnung der Domaenenwirtschaft ging natuerlich der Volkswohlstand um ebenso viel zurueck, als er in anderen Zeiten gewonnen hatte durch die Zerschlagung der Staatslaendereien. Eine Menge bluehender Ortschaften - man rechnet vierhundert - war vernichtet und verderbt, das muehsam gesparte Kapital aufgezehrt, die Bevoelkerung durch das Lagerleben demoralisiert, die alte gute Tradition buergerlicher und baeuerlicher Sitte von der Hauptstadt an bis in das letzte Dorf untergraben. Sklaven und verzweifelte Leute taten sich in Raeuberbanden zusammen, von deren Gefaehrlichkeit es einen Begriff gibt, dass in einem einzigen Jahre (569 185) allein in Apulien 7000 Menschen wegen Strassenraubs verurteilt werden mussten; die sich ausdehnenden Weiden mit den halb wilden Hirtensklaven beguenstigten diese heillose Verwilderung des Landes. Der italische Ackerbau sah sich in seiner Existenz bedroht durch das zuerst in diesem Kriege aufgestellte Beispiel, dass das roemische Volk statt von selbst geerntetem auch von sizilischem und aegyptischem Getreide ernaehrt werden koenne. Dennoch durfte der Roemer, dem die Goetter beschieden hatten, das Ende dieses Riesenkampfes zu erleben, stolz in die Vergangenheit und zuversichtlich in die Zukunft blicken. Es war viel verschuldet, aber auch viel erduldet worden; das Volk, dessen gesamte dienstfaehige Jugend fast zehn Jahre hindurch Schild und Schwert nicht abgelegt hatte, durfte manches sich verzeihen. Jenes wenn auch durch wechselseitige Befehdung unterhaltene, doch im ganzen friedliche und freundliche Zusammenleben der verschiedenen Nationen, wie es das Ziel der neueren Voelkerentwicklungen zu sein scheint, ist dem Altertum fremd: damals galt es Amboss zu sein oder Hammer; und in dem Wettkampf der Sieger war der Sieg den Roemern geblieben. Ob man verstehen werde ihn zu benutzen, die latinische Nation immer fester an Rom zu ketten, Italien allmaehlich zu latinisieren, die Unterworfenen in den Provinzen als Untertanen zu beherrschen, nicht als Knechte auszunutzen, die Verfassung zu reformieren, den schwankenden Mittelstand neu zu befestigen und zu erweitern - das mochte mancher fragen; wenn man es verstand, so durfte Italien gluecklichen Zeiten entgegensehen, in denen der auf eigene Arbeit unter guenstigen Verhaeltnissen gegruendete Wohlstand und die entschiedenste politische Suprematie ueber die damalige zivilisierte Welt jedem Gliede des grossen Ganzen ein gerechtes Selbstgefuehl, jedem Stolz ein wuerdiges Ziel, jedem Talent eine offene Bahn geschaffen haben wuerden. Freilich wenn nicht, nicht. Fuer den Augenblick aber schwiegen die bedenklichen Stimmen und die trueben Besorgnisse, als von allen Seiten die Krieger und Sieger in ihre Haeuser zurueckkehrten, als Dankfeste und Lustbarkeiten, Geschenke an Soldaten und Buerger an der Tagesordnung waren, die geloesten Gefangenen heimgesandt wurden aus Gallien, Afrika, Griechenland und endlich der jugendliche Sieger im glaenzenden Zuge durch die geschmueckten Strassen der Hauptstadt zog, um seine Palme in dem Haus des Gottes niederzulegen, von dem, wie sich die Glaeubigen zufluesterten, er zu Rat und Tat unmittelbar die Eingebungen empfangen hatte.

KAPITEL VII.
Der Westen vom Hannibalischen Frieden bis zum Ende der dritten Periode

In der Erstreckung der roemischen Herrschaft bis an die Alpen- oder, wie man jetzt schon sagte, bis an die italische Grenze und in der Ordnung und Kolonisierung der keltischen Landschaften war Rom durch den Hannibalischen Krieg unterbrochen worden. Es verstand sich von selbst, dass man jetzt da fortfahren wuerde, wo man aufgehoert hatte, und die Kelten begriffen es wohl. Schon im Jahre des Friedensschlusses mit Karthago (553 201) hatten im Gebiet der zunaechst bedrohten Boier die Kaempfe wieder begonnen; und ein erster Erfolg, der ihnen gegen den eilig aufgebotenen roemischen Landsturm gelang, sowie das Zureden eines karthagischen Offiziers Hamilkar, der von Magos Expedition her in Norditalien zurueckgeblieben war, veranlassten im folgenden Jahr (554 200) eine allgemeine Schilderhebung nicht bloss der beiden zunaechst bedrohten Staemme, der Boier und Insubrer; auch die Ligurer trieb die naeherrueckende Gefahr in die Waffen, und selbst die cenomanische Jugend hoerte diesmal weniger auf die Stimme ihrer vorsichtigen Behoerden als auf den Notruf der bedrohten Stammgenossen. Von “den beiden Riegeln gegen die gallischen Zuege”, Placentia und Cremona, ward der erste niedergeworfen - von der placentinischen Einwohnerschaft retteten nicht mehr als 2000 das Leben -, der zweite berannt. Eilig marschierten die Legionen heran, um zu retten, was noch zu retten war. Vor Cremona kam es zu einer grossen Schlacht. Die geschickte und kriegsmaessige Leistung derselben von seiten des phoenikischen Fuehrers vermochte es nicht, die Mangelhaftigkeit seiner Truppen zu ersetzen; dem Andrang der Legionen hielten die Gallier nicht stand und unter den Toten, welche zahlreich das Schlachtfeld bedeckten, war auch der karthagische Offizier. Indes setzten die Kelten den Kampf fort; dasselbe roemische Heer, welches bei Cremona gesiegt, wurde das naechste Jahr (555 199), hauptsaechlich durch die Schuld des sorglosen Fuehrers, von den Insubrern fast aufgerieben und erst 556 (198) konnte Placentia notduerftig wiederhergestellt werden. Aber der Bund der zu dem Verzweiflungskampf vereinigten Kantone ward in sich uneins; die Boier und die Insubrer gerieten in Zwist, und die Cenomanen traten nicht bloss zurueck von dem Nationalbunde, sondern erkauften sich auch Verzeihung von den Roemern durch schimpflichen Verrat der Landsleute, indem sie waehrend einer Schlacht, die die Insubrer den Roemern am Mincius lieferten, ihre Bundes- und Kampfgenossen von hinten angriffen und aufreiben halfen (557 197). So gedemuetigt und im Stich gelassen, bequemten sich die Insubrer nach dem Fall von Comum gleichfalls zu einem Sonderfrieden (558 196). Die Bedingungen, welche Rom den Cenomanen und Insubrern vorschrieb, waren allerdings haerter, als sie den Gliedern der italischen Eidgenossenschaft gewaehrt zu werden pflegten; namentlich vergass man nicht, die Scheidewand zwischen Italikern und Kelten gesetzlich zu befestigen und zu verordnen, dass nie ein Buerger dieser beiden Keltenstaemme das roemische Buergerrecht solle gewinnen koennen. Indes liess man diesen transpadanischen Keltendistrikten ihre Existenz und ihre nationale Verfassung, so dass sie nicht Stadtgebiete, sondern Voelkergaue bildeten, und legte ihnen auch wie es scheint keinen Tribut auf; sie sollten den roemischen Ansiedlungen suedlich vom Po als Bollwerk dienen und die nachrueckenden Nordlaender wie die raeuberischen Alpenbewohner, welche regelmaessige Razzias in diese Gegenden zu unternehmen pflegten, von Italien abhalten. Uebrigens griff auch in diesen Landschaften die Latinisierung mit grosser Schnelligkeit um sich; die keltische Nationalitaet vermochte offenbar bei weitem nicht den Widerstand zu leisten wie die der zivilisierten Sabeller und Etrusker. Der gefeierte lateinische Lustspieldichter Statius Caecilius, der im Jahre 586 (168) starb, war ein freigelassener Insubrer; und Polybios, der gegen Ausgang des sechsten Jahrhunderts diese Gegenden bereiste, versichert, vielleicht nicht ohne eigene Uebertreibung, dass daselbst nur noch wenige Doerfer unter den Alpen keltisch geblieben seien. Die Veneter dagegen scheinen ihre Nationalitaet laenger behauptet zu haben.

Das hauptsaechliche Bestreben der Roemer war in diesen Landschaften begreiflicherweise darauf gerichtet, dem Nachruecken der transalpinischen Kelten zu steuern und die natuerliche Scheidewand der Halbinsel und des inneren Kontinents auch zur politischen Grenze zu machen. Dass die Furcht vor dem roemischen Namen schon zu den naechstliegenden keltischen Kantonen jenseits der Alpen gedrungen war, zeigt nicht bloss die vollstaendige Untaetigkeit, mit der dieselben der Vernichtung oder Unterjochung ihrer diesseitigen Landsleute zusahen, sondern mehr noch die offizielle Missbilligung und Desavouierung, welche die transalpinischen Kantone - man wird zunaechst an die Helvetier (zwischen dem Genfer See und dem Main) und an die Karner oder Taurisker (in Kaernten und Steiermark) zu denken haben - gegen die beschwerdefuehrenden roemischen Gesandten aussprachen ueber die Versuche einzelner keltischer Haufen, sich diesseits der Alpen in friedlicher Weise anzusiedeln, nicht minder die demuetige Art, in welcher diese Auswandererhaufen selbst zuerst bei dem roemischen Senat um Landanweisung bittend einkamen, alsdann aber dem strengen Gebot, ueber die Alpen zurueckzugehen, ohne Widerrede sich fuegten (568 f., 575 186, 179) und die Stadt, die sie unweit des spaeteren Aquileia schon angelegt hatten, wieder zerstoeren liessen. Mit weiser Strenge gestattete der Senat keinerlei Ausnahme von dem Grundsatz, dass die Alpentore fuer die keltische Nation fortan geschlossen seien, und schritt mit schweren Strafen gegen diejenigen roemischen Untertanen ein, die solche Uebersiedlungsversuche von Italien aus veranlasst hatten. Ein Versuch dieser Art, welcher auf einer bis dahin den Roemern wenig bekannten Strasse im innersten Winkel des Adriatischen Meeres stattfand, mehr aber noch, wie es scheint, der Plan Philipps von Makedonien, wie Hannibal von Westen so seinerseits von Osten her in Italien einzufallen, veranlassten die Gruendung einer Festung in dem aeussersten nordoestlichen Winkel Italien, der noerdlichsten italischen Kolonie Aquileia (571-573 183-181), die nicht bloss diesen Weg den Fremden fuer immer zu verlegen, sondern auch die fuer die dortige Schiffahrt vorzueglich bequem gelegene Meeresbucht zu sichern und der immer noch nicht ganz ausgerotteten Piraterie in diesen Gewaessern zu steuern bestimmt war. Die Anlage Aquileias veranlasste einen Krieg gegen die Istrier (576, 577 178, 177), der mit der Erstuermung einiger Kastelle und dem Fall des Koenigs Aepulo schnell beendigt war und durch nichts merkwuerdig ist als durch den panischen Schreck, den die Kunde von der Ueberrumpelung des roemischen Lagers durch eine Handvoll Barbaren bei der Flotte und sodann in ganz Italien hervorrief.

Anders verfuhr man in der Landschaft diesseits des Padus, die der roemische Senat beschlossen hatte Italien einzuverleiben. Die Boier, die dies zunaechst traf, wehrten sich mit verzweifelter Entschlossenheit. Es ward sogar der Padus von ihnen ueberschritten und ein Versuch gemacht, die Insubrer wieder unter die Waffen zu bringen (560 194); ein Konsul ward in seinem Lager von ihnen blockiert und wenig fehlte, dass er unterlag; Placentia hielt sich muehsam gegen die ewigen Angriffe der erbitterten Eingeborenen. Bei Mutina endlich ward die letzte Schlacht geliefert; sie war lang und blutig, aber die Roemer siegten (561 193), und seitdem war der Kampf kein Krieg mehr, sondern eine Sklavenhetze. Die einzige Freistatt im boischen Gebiet war bald das roemische Lager, in das der noch uebrige bessere Teil der Bevoelkerung sich zu fluechten begann; die Sieger konnten nach Rom berichten, ohne sehr zu uebertreiben, dass von der Nation der Boier nichts mehr uebrig sei als Kinder und Greise. So freilich musste sie sich ergeben in das Schicksal, das ihr bestimmt war. Die Roemer forderten Abtretung des halben Gebiets (563 191); sie konnte nicht verweigert werden, aber auch auf dem geschmaelerten Bezirk, der den Boiern blieb, verschwanden sie bald und verschmolzen mit ihren Besiegern ^1.

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