^1 Nach Strabons Bericht waeren diese italischen Boier von den Roemern ueber die Alpen verstossen worden und aus ihnen die boische Ansiedlung im heutigen Ungarn um Steinamanger und Oedenburg hervorgegangen, welche in der augustischen Zeit von den ueber die Donau gegangenen Geten angegriffen und vernichtet wurde, dieser Landschaft aber den Namen der boischen Einoede hinterliess. Dieser Bericht passt sehr wenig zu der wohlbeglaubigten Darstellung der roemischen Jahrbuecher, nach der man sich roemischerseits begnuegte mit der Abtretung des halben Gebietes; und um das Verschwinden der italischen Boier zu erklaeren, bedarf es in der Tat der Annahme einer gewaltsamen Vertreibung nicht - verschwinden doch auch die uebrigen keltischen Voelkerschaften, obwohl von Krieg und Kolonisierung in weit minderem Grade heimgesucht, nicht viel weniger rasch und vollstaendig aus der Reihe der italischen Nationen. Anderseits fuehren andere Berichte vielmehr darauf, jene Boier am Neusiedler See herzuleiten von dem Hauptstock der Nation, der ehemals in Bayern und Boehmen sass, bis deutsche Staemme ihn suedwaerts draengten. Ueberall aber ist es sehr zweifelhaft, ob die Boier, die man bei Bordeaux, am Po, in Boehmen findet, wirklich auseinandergesprengte Zweige eines Stammes sind und nicht bloss eine Namensgleichheit obwaltet. Strabons Annahme duerfte auf nichts anderem beruhen als auf einem Rueckschluss aus der Namensgleichheit, wie die Alten ihn bei den Kimbern, Venetern und sonst oft unueberlegt anwandten.

————————————————————

Nachdem die Roemer also sich reinen Boden geschaffen hatten, wurden die Festungen Placentia und Cremona, deren Kolonisten die letzten unruhigen Jahre grossenteils hingerafft oder zerstreut hatten, wieder organisiert und neue Ansiedler dorthin gesandt; neu gegruendet wurden in und bei dem ehemaligen senonischen Gebiet Potentia (bei Recanati unweit Ancona; 570 184) und Pisaurum (Pesaro; 570 184), ferner in der neu gewonnenen boischen Landschaft die Festungen Bonoma (565 189), Mutina (571 183) und Parma (571 183), von denen die Kolonie Mutina schon vor dem Hannibalischen Krieg angelegt und nur der Abschluss der Gruendung durch diesen unterbrochen worden war. Wie immer verband sich mit der Anlage der Festungen auch die von Militaerchausseen. Es wurde die Flaminische Strasse von ihrem noerdlichen Endpunkt Ariminum unter dem Namen der Aemilischen bis Placentia verlaengert (567 187). Ferner ward die Strasse von Rom nach Arretium oder die Cassische, die wohl schon laengst Munizipalchaussee gewesen war, wahrscheinlich im Jahre 583 (171) von der roemischen Gemeinde uebernommen und neu angelegt, schon 567 (187) aber die Strecke von Arretium ueber den Apennin nach Bononia bis an die neue Aemilische Strasse hergestellt, wodurch man eine kuerzere Verbindung zwischen Rom und den Pofestungen erhielt. Durch diese durchgreifenden Massnahmen wurde der Apennin als die Grenze des keltischen und des italischen Gebiets tatsaechlich beseitigt und ersetzt durch den Po. Diesseits des Po herrschte fortan wesentlich die italische Stadt-, jenseits desselben wesentlich die keltische Gauverfassung, und es war ein leerer Name, wenn auch jetzt noch das Gebiet zwischen Apennin und Po zur keltischen Landschaft gerechnet ward.

In dem nordwestlichen italischen Gebirgsland, dessen Taeler und Huegel hauptsaechlich von dem vielgeteilten ligurischen Stamm eingenommen waren, verfuhren die Roemer in aehnlicher Weise. Was zunaechst nordwaerts vom Arno wohnte, ward vertilgt. Es traf dies hauptsaechlich die Apuaner, die, auf dem Apennin zwischen dem Arno und der Magra wohnend, einerseits das Gebiet von Pisae, anderseits das von Bononia und Mutina unaufhoerlich pluenderten. Was hier nicht dem Schwert der Roemer erlag, ward nach Unteritalien in die Gegend von Benevent uebergesiedelt (574 180), und durch energische Massregeln die ligurische Nation, weicher man noch im Jahre 578 (175) die von ihr eroberte Kolonie Mutina wieder abnehmen musste, in den Bergen, die das Potal von dem des Arno scheiden, vollstaendig unterdrueckt. Die 577 (177) auf dem ehemals apuanischen Gebiet angelegte Festung Luna unweit Spezzia deckte die Grenze gegen die Ligurer aehnlich wie Aquileia gegen die Transalpiner und gab zugleich den Roemern einen vortrefflichen Hafen, der seitdem fuer die Ueberfahrt nach Massalia und nach Spanien die gewoehnliche Station ward. Die Chaussierung der Kuesten- oder Aurelischen Strasse von Rom nach Luna und der von Luca ueber Florenz nach Arretium gefuehrten Querstrasse zwischen der Aurelischen und Cassischen gehoert wahrscheinlich in dieselbe Zeit.

Gegen die westlicheren ligurischen Staemme, die die genuesischen Apenninen und die Seealpen innehatten, ruhten die Kaempfe nie. Es waren unbequeme Nachbarn, die zu Lande und zur See zu pluendern pflegten; die Pisaner und die Massalioten hatten von ihren Einfaellen und ihren Korsarenschiffen nicht wenig zu leiden. Bleibende Ergebnisse wurden indes bei den ewigen Fehden nicht gewonnen, vielleicht auch nicht bezweckt; ausser dass man, wie es scheint, um mit dem transalpinischen Gallien und Spanien neben der regelmaessigen See- auch eine Landverbindung zu haben, bemueht war, die grosse Kuestenstrasse von Luna ueber Massalia nach Emporiae wenigstens bis an die Alpen freizumachen - jenseits der Alpen lag es dann den Massalioten ob, den roemischen Schiffen die Kuestenfahrt und den Landreisenden die Uferstrasse offen zu halten. Das Binnenland mit seinen unwegsamen Taelern und seinen Felsennestern, mit seinen armen, aber gewandten und verschlagenen Bewohnern diente den Roemern hauptsaechlich als Kriegsschule zur Uebung und Abhaertung der Soldaten wie der Offiziere.

Aehnliche sogenannte Kriege wie gegen die Ligurer fuehrte man gegen die Korsen und mehr noch gegen die Bewohner des inneren Sardinien, welche die gegen sie gerichteten Raubzuege durch Ueberfaelle der Kuestenstriche vergalten. Im Andenken geblieben ist die Expedition des Tiberius Gracchus gegen die Sarden 577 (177) nicht so sehr, weil er der Provinz den “Frieden” gab, sondern weil er bis 80000 der Insulaner erschlagen oder gefangen zu haben behauptete und Sklaven von dort in solcher Masse nach Rom schleppte, dass es Sprichwort ward: “spottwohlfeil wie ein Sarde”.

In Afrika ging die roemische Politik wesentlich auf in dem einen, ebenso kurzsichtigen wie engherzigen Gedanken, das Wiederaufkommen der karthagischen Macht zu verhindern und deshalb die unglueckliche Stadt bestaendig unter dem Druck und unter dem Damoklesschwert einer roemischen Kriegserklaerung zu erhalten. Schon die Bestimmung des Friedensvertrags, dass den Karthagern zwar ihr Gebiet ungeschmaelert bleiben, aber ihrem Nachbarn Massinissa alle diejenigen Besitzungen garantiert sein sollten, die er oder sein Vorweser innerhalb der karthagischen Grenzen besessen haetten, sieht fast so aus, als waere sie hineingesetzt, um Streitigkeiten nicht zu beseitigen, sondern zu erwecken. Dasselbe gilt von der durch den roemischen Friedenstraktat den Karthagern auferlegten Verpflichtung, nicht gegen roemische Bundesgenossen Krieg zu fuehren, so dass nach dem Wortlaut des Vertrags sie nicht einmal befugt waren, aus ihrem eigenen und unbestrittenen Gebiet den numidischen Nachbarn zu vertreiben. Bei solchen Vertraegen und bei der Unsicherheit der afrikanischen Grenzverhaeltnisse ueberhaupt konnte Karthagos Lage gegenueber einem ebenso maechtigen wie ruecksichtslosen Nachbarn einem Oberherrn, der zugleich Schiedsrichter und Partei war, nicht anders als peinlich sein; aber die Wirklichkeit war aerger als die aergsten Erwartungen. Schon 561 (193) sah Karthago sich unter nichtigen Vorwaenden ueberfallen und den reichsten Teil seines Gebiets, die Landschaft Emporiae an der Kleinen Syrte, teils von den Numidiern gepluendert, teils sogar von ihnen in Besitz genommen. So gingen die Uebergriffe bestaendig weiter; das platte Land kam in die Haende der Numidier, und mit Muehe behaupteten die Karthager sich in den groesseren Ortschaften. Bloss in den letzten zwei Jahren, erklaerten die Karthager im Jahre 582 (172), seien ihnen wieder siebzig Doerfer vertragswidrig entrissen worden. Botschaft ueber Botschaft ging nach Rom; die Karthager beschworen den roemischen Senat, ihnen entweder zu gestatten, sich mit den Waffen zu verteidigen, oder ein Schiedsgericht mit Spruchgewalt zu bestellen, oder die Grenze neu zu regulieren, damit sie wenigstens ein- fuer allemal erfuehren, wieviel sie einbuessen sollten; besser sei es sonst, sie geradezu zu roemischen Untertanen zumachen, als sie so allmaehlich den Libyern auszuliefern. Aber die roemische Regierung, die schon 554 (200) ihrem Klienten geradezu Gebietserweiterungen, natuerlich auf Kosten Karthagos, in Aussicht gestellt hatte, schien wenig dagegen zuhaben, dass er die ihm bestimmte Beute sich selber nahm; sie maessigte wohl zuweilen das allzugrosse Ungestuem der Libyer, die ihren alten Peinigern jetzt das Erlittene reichlich vergalten, aber im Grunde war ja eben dieser Quaelerei wegen Massinissa von den Roemern Karthago zum Nachbar gesetzt worden. Alle Bitten und Beschwerden hatten nur den Erfolg, dass entweder roemische Kommissionen in Afrika erschienen, die nach gruendlicher Untersuchung zu keiner Entscheidung kamen, oder bei den Verhandlungen in Rom Massinissas Beauftragte Mangel an Instruktionen vorschuetzten und die Sache vertagt ward. Nur phoenikische Geduld war imstande, sich in eine solche Lage mit Ergebung zu schicken, ja dabei den Machthabern jeden Dienst und jede Artigkeit, die sie begehrten und nicht begehrten, mit unermuedlicher Beharrlichkeit zu erweisen und namentlich durch Kornsendungen um die roemische Gunst zu buhlen.

Indes war diese Fuegsamkeit der Besiegten doch nicht bloss Geduld und Ergebung. Es gab noch in Karthago eine Patriotenpartei und an ihrer Spitze stand der Mann, der, wo immer das Schicksal ihn hinstellte, den Roemern furchtbar blieb. Sie hatte es nicht aufgegeben, unter Benutzung der leicht vorauszusehenden Verwicklungen zwischen Rom und den oestlichen Maechten noch einmal den Kampf aufzunehmen und, nachdem der grossartige Plan Hamilkars und seiner Soehne wesentlich an der karthagischen Oligarchie gescheitert war, fuer diesen neuen Kampf vor allem das Vaterland innerlich zu erneuern. Die bessernde Macht der Not und wohl auch Hannibals klarer, grossartiger und der Menschen maechtiger Geist bewirkten politische und finanzielle Reformen. Die Oligarchie, die durch Erhebung der Kriminaluntersuchung gegen den grossen Feldherrn wegen absichtlich unterlassener Einnahme Roms und Unterschlagung der italischen Beute das Mass ihrer verbrecherischen Torheiten voll gemacht hatte - diese verfaulte Oligarchie wurde auf Hannibals Antrag ueber den Haufen geworfen und ein demokratisches Regiment eingefuehrt, wie es den Verhaeltnissen der Buergerschaft angemessen war (vor 559 195). Die Finanzen wurden durch Beitreibung der rueckstaendigen und unterschlagenen Gelder und durch Einfuehrung einer besseren Kontrolle so schnell wieder geordnet, dass die roemische Kontribution gezahlt werden konnte, ohne die Buerger irgendwie mit ausserordentlichen Steuern zu belasten. Die roemische Regierung, eben damals im Begriff, den bedenklichen Krieg mit dem Grosskoenig von Asien zu beginnen, folgte diesen Vorgaengen mit begreiflicher Besorgnis; es war keine eingebildete Gefahr, dass die karthagische Flotte in Italien landen und ein zweiter Hannibalischer Krieg dort sich entspinnen koenne, waehrend die roemischen Legionen in Kleinasien fochten. Man kann darum die Roemer kaum tadeln, wenn sie eine Gesandtschaft nach Karthago schickten (559 195), die vermutlich beauftragt war, Hannibals Auslieferung zu fordern. Die grollenden karthagischen Oligarchen, die Briefe ueber Briefe nach Rom sandten, um den Mann, der sie gestuerzt, wegen geheimer Verbindungen mit den antiroemisch gesinnten Maechten dem Landesfeind zu denunzieren, sind veraechtlich, aber ihre Meldungen waren wahrscheinlich richtig; und so wahr es auch ist, dass in jener Gesandtschaft ein demuetigendes Eingestaendnis der Furcht des maechtigen Volkes vor dem einfachen Schofeten von Karthago lag, so begreiflich und ehrenwert es ist, dass der stolze Sieger von Zama im Senat Einspruch tat gegen diesen erniedrigenden Schritt, so war doch jenes Eingestaendnis eben nichts anderes als die schlichte Wahrheit, und Hannibal eine so ausserordentliche Natur, dass nur roemische Gefuehlspolitiker ihn laenger an der Spitze des karthagischen Staats dulden konnten. Die eigentuemliche Anerkennung, die er bei der feindlichen Regierung fand, kam ihm selbst schwerlich ueberraschend. Wie Hannibal und nicht Karthago den letzten Krieg gefuehrt hatte, so hatte auch Hannibal das zu tragen, was den Besiegten trifft. Die Karthager konnten nichts tun als sich fuegen und ihrem Stern danken, dass Hannibal, durch seine rasche und besonnene Flucht nach dem Orient die groessere Schande ihnen ersparend, seiner Vaterstadt bloss die mindere liess, ihren groessten Buerger auf ewige Zeiten aus der Heimat verbannt, sein Vermoegen eingezogen und sein Haus geschleift zu haben. Das tiefsinnige Wort aber, dass diejenigen die Lieblinge der Goetter sind, denen sie die unendlichen Freuden und die unendlichen Leiden ganz verleihen, hat also an Hannibal in vollem Masse sich bewaehrt.

Schwerer als das Einschreiten gegen Hannibal laesst es sich verantworten, dass die roemische Regierung nach dessen Entfernung nicht aufhoerte, die Stadt zu beargwohnen und zu plagen. Zwar gaerten dort die Parteien nach wie vor; allein nach der Entfernung des ausserordentlichen Mannes, der fast die Geschicke der Welt gewendet haette, bedeutete die Patriotenpartei nicht viel mehr in Karthago als in Aetolien und in Achaia. Die verstaendigste Idee unter denen, welche damals die unglueckliche Stadt bewegten, war ohne Zweifel die, sich an Massinissa anzuschliessen und aus dem Draenger den Schutzherrn der Phoeniker zu machen. Allein weder die nationale noch die libysch gesinnte Faktion der Patrioten gelangte an das Ruder, sondern es blieb das Regiment bei den roemisch gesinnten Oligarchen, welche, soweit sie nicht ueberhaupt aller Gedanken an die Zukunft sich begaben, einzig die Idee festhielten, die materielle Wohlfahrt und die Kommunalfreiheit Karthagos unter dem Schutze Roms zu retten. Hierbei haette man in Rom wohl sich beruhigen koennen. Allein weder die Menge noch selbst die regierenden Herren vom gewoehnlichen Schlag vermochten sich der gruendlichen Angst vom Hannibalischen Kriege her zu entschlagen; die roemischen Kaufleute aber sahen mit neidischen Augen die Stadt auch jetzt, wo ihre politische Macht dahin war, im Besitz einer ausgedehnten Handelsklientel und eines festgegruendeten, durch nichts zu erschuetternden Reichtums. Schon im Jahre 567 (187) erbot sich die karthagische Regierung die saemtlichen im Frieden von 553 (201) stipulierten Terminzahlungen sofort zu entrichten, was die Roemer, denen an der Tributpflichtigkeit Karthagos weit mehr gelegen war als an den Geldsummen selbst, begreiflicherweise ablehnten und daraus nur die Ueberzeugung gewannen, dass aller angewandten Muehe ungeachtet die Stadt nicht ruiniert und nicht zu ruinieren sei. Immer aufs neue liefen Geruechte ueber die Umtriebe der treulosen Phoeniker durch Rom. Bald hatte ein Emissaer Hannibals, Ariston von Tyros, sich in Karthago blicken lassen, um die Buergerschaft auf die Landung einer asiatischen Kriegsflotte vorzubereiten (561 193); bald hatte der Rat in geheimer nächtlicher Sitzung im Tempel des Heilgottes den Gesandten des Perseus Audienz gegeben (581 173); bald sprach man von der gewaltigen Flotte, die in Karthago fuer den Makedonischen Krieg geruestet werde (583 171). Es ist nicht wahrscheinlich, dass diesen und aehnlichen Dingen mehr als hoechstens die Unbesonnenheiten einzelner zugrunde lagen; immer aber waren sie das Signal zu neuen diplomatischen Misshandlungen von roemischer, zu neuen Uebergriffen von Massinissas Seite, und die Meinung stellte immer mehr sich fest, je weniger Sinn und Verstand in ihr war, dass ohne einen dritten punischen Krieg mit Karthago nicht fertig zu werden sei.

Waehrend also die Macht der Phoeniker in dem Lande ihrer Wahl ebenso dahinsank wie sie laengst in ihrer Heimat erlegen war, erwuchs neben ihnen ein neuer Staat. Seit unvordenklichen Zeiten wie noch heutzutage ist das nordafrikanische Kuestenland bewohnt von dem Volke, das sich selber Schilah oder Tamazigt heisst und welches die Griechen und Roemer die Nomaden oder Numidier, das ist das Weidevolk, die Araber Berber nennen, obwohl auch sie dieselben wohl als “Hirten” (Schâwie) bezeichnen, und das wir Berber oder Kabylen zu nennen gewohnt sind. Dasselbe ist, soweit seine Sprache bis jetzt erforscht ist, keiner anderen bekannten Nation verwandt. In der karthagischen Zeit hatten diese Staemme mit Ausnahme der unmittelbar um Karthago oder unmittelbar an der Kueste hausenden wohl im ganzen ihre Unabhaengigkeit behauptet, aber auch bei ihrem Hirten- und Reiterleben, wie es noch jetzt die Bewohner des Atlas fuehren, im wesentlichen beharrt, obwohl das phoenikische Alphabet und ueberhaupt die phoenikische Zivilisation ihnen nicht fremd blieb und es wohl vorkam, dass die Berberscheichs ihre Soehne in Karthago erziehen liessen und mit phoenikischen Adelsfamilien sich verschwaegerten. Die roemische Politik wollte unmittelbare Besitzungen in Afrika nicht haben und zog es vor, einen Staat dort grosszuziehen, der nicht genug bedeutete, um Roms Schutz entbehren zu koennen und doch genug, um Karthagos Macht, nachdem dieselbe auf Afrika beschraenkt war, auch hier niederzuhalten und der gequaelten Stadt jede freie Bewegung unmoeglich zu machen. Was man suchte, fand man bei den eingeborenen Fuersten. Um die Zeit des Hannibalischen Krieges standen die nordafrikanischen Eingeborenen unter drei Oberkoenigen, deren jedem nach dortiger Art eine Menge Fuersten gefolgspflichtig waren: dem Koenig der Mauren, Bocchar, der, vom Atlantischen Meer bis zum Fluss Molochath (jetzt Mluia an der marokkanisch-franzoesischen Grenze), dem Koenig der Massaesyler, Syphax, der von da bis an das sogenannte Durchbohrte Vorgebirge (Siebenkap zwischen Djidjeli und Bona) in den heutigen Provinzen Oran und Algier, und dem Koenig der Massyler, Massinissa, der von dem Durchbohrten Vorgebirge bis an die karthagische Grenze in der heutigen Provinz Constantine gebot. Der maechtigste von diesen, der Koenig von Siga, Syphax, war in dem letzten Krieg zwischen Rom und Karthago ueberwunden und gefangen nach Italien abgefuehrt worden, wo er in der Haft starb; sein weites Gebiet kam im wesentlichen an Massinissa - der Sohn des Syphax, Vermina, obwohl er durch demuetiges Bitten von den Roemern einen kleinen Teil des vaeterlichen Besitzes zurueckerlangte (554 200), vermochte doch den aelteren roemischen Bundesgenossen nicht um die Stellung des bevorzugten Draengens von Karthago zu bringen. Massinissa ward der Gruender des Numidischen Reiches; und nicht oft hat Wahl oder Zufall so den rechten Mann an die rechte Stelle gesetzt. Koerperlich gesund und gelenkig bis in das hoechste Greisenalter, maessig und nuechtern wie ein Araber, faehig, jede Strapaze zu ertragen, vom Morgen bis zum Abend auf demselben Flecke zu stehen und vierundzwanzig Stunden zu Pferde zu sitzen, in den abenteuerlichen Glueckswechseln seiner Jugend wie auf den Schlachtfeldern Spaniens als Soldat und als Feldherr gleich erprobt, und ebenso ein Meister der schwereren Kunst, in seinem zahlreichen Hause Zucht und in seinem Lande Ordnung zu erhalten, gleich bereit, sich dem maechtigen Beschuetzer ruecksichtslos zu Fuessen zu werfen wie den schwaecheren Nachbar ruecksichtslos unter die Fuesse zu treten und zu alledem mit den Verhaeltnissen Karthagos, wo er erzogen und in den vornehmsten Haeusern aus- und eingegangen war, ebenso genau bekannt wie von afrikanisch bitterem Hasse gegen seine und seiner Nation Bedraengen erfuellt, ward dieser merkwuerdige Mann die Seele des Aufschwungs seiner, wie es schien, im Verkommen begriffenen Nation, deren Tugenden und Fehler in ihm gleichsam verkoerpert erschienen. Das Glueck beguenstigte ihn wie in allem so auch darin, dass es ihm zu seinem Werke die Zeit liess. Er starb im neunzigsten Jahr seines Lebens (516-605 238-149), im sechzigsten seiner Regierung, bis an sein Lebensende im vollen Besitz seiner koerperlichen und geistigen Kraefte, und hinterliess einen einjaehrigen Sohn und den Ruf, der staerkste Mann und der beste und gluecklichste Koenig seiner Zeit gewesen zu sein. Es ist schon erzaehlt worden, mit welcher berechneten Deutlichkeit die Roemer in ihrer Oberleitung der afrikanischen Angelegenheiten ihre Parteinahme fuer Massinissa hervortreten liessen, und wie dieser die stillschweigende Erlaubnis, auf Kosten Karthagos sein Gebiet zu vergroessern, eifrig und stetig benutzte. Das ganze Binnenland bis an den Wuestensaum fiel dem einheimischen Herrscher gleichsam von selber zu, und selbst das obere Tal des Bagradas (Medscherda) mit der reichen Stadt Vaga ward dem Koenig untertan; aber auch an der Kueste oestlich von Karthago besetzte er die alte Sidonierstadt Gross-Leptis und andere Strecken, so dass sein Reich sich von der mauretanischen bis zur kyrenaeischen Grenze erstreckte, das karthagische Gebiet zu Lande von allen Seiten umfasste und ueberall in naechster Naehe auf die Phoeniker drueckte. Es leidet keinen Zweifel, dass er in Karthago seine kuenftige Hauptstadt sah; die libysche Partei daselbst ist bezeichnend. Aber nicht allein durch die Schmaelerung des Gebiets geschah Karthagos Eintrag. Die schweifenden Hirten wurden durch ihren grossen Koenig ein anderes Volk. Nach dem Beispiel des Koenigs, der weithin die Felder urbar machte und jedem seiner Soehne bedeutende Ackergueter hinterliess, fingen auch seine Untertanen an, sich ansaessig zu machen und Ackerbau zu treiben. Wie seine Hirten in Buerger, verwandelte er seine Plunderhorden in Soldaten, die von Rom neben den Legionen zu fechten gewuerdigt wurden, und hinterliess seinen Nachfolgern eine reich gefuellte Schatzkammer, ein wohldiszipliniertes Heer und sogar eine Flotte. Seine Residenz Cirta (Constantine) ward die lebhafte Hauptstadt eines maechtigen Staates und ein Hauptsitz der phoenikischen Zivilisation, die an dem Hofe des Berberkoenigs eifrige und wohl auch auf das kuenftige karthagisch-numidische Reich berechnete Pflege fand. Die bisher unterdrueckte libysche Nationalitaet hob sich dadurch in ihren eigenen Augen, und selbst in die altphoenikischen Staedte, wie Gross-Leptis, drang einheimische Sitte und Sprache ein. Der Berber fing an, unter der Aegide Roms sich dem Phoeniker gleich, ja ueberlegen zu fuehlen; die karthagischen Gesandten mussten in Rom es hoeren, dass sie in Afrika Fremdlinge seien und das Land den Libyern gehoere. Die selbst in der nivellierenden Kaiserzeit noch lebensfaehig und kraeftig dastehende phoenikisch-nationale Zivilisation Nordafrikas ist bei weitem weniger das Werk der Karthager als das des Massinissa.