Schwierigkeit machte die Ordnung der inneren Verhaeltnisse Griechenlands, sowohl der Staaten zueinander, als der einzelnen Staaten in sich. Die dringendste Angelegenheit war der zwischen den Spartanern und Achaeern seit 550 (204) gefuehrte Krieg, dessen Vermittlung den Roemern notwendig zufiel. Allein nach vielfachen Versuchen, Nabis zum Nachgeben, namentlich zur Herausgabe der von Philippos ihm ausgelieferten achaeischen Bundesstadt Argos zu bestimmen, blieb Flamininus doch zuletzt nichts uebrig, als dem eigensinnigen kleinen Raubherrn, der auf den offenkundigen Groll der Aetoler gegen die Roemer und auf Antiochos’ Einruecken in Europa rechnete und die Rueckstellung von Argos beharrlich weigerte, endlich von den saemtlichen Hellenen auf einer grossen Tagfahrt in Korinth den Krieg erklaeren zu lassen und mit der Flotte und dem roemisch-bundesgenoessischen Heere, darunter auch einem von Philippos gesandten Kontingent und einer Abteilung lakedaemonischer Emigranten unter dem legitimen Koenig von Sparta, Agesipolis, in den Peloponnes einzuruecken (559 195). Um den Gegner durch die ueberwaeltigende Uebermacht sogleich zu erdruecken, wurden nicht weniger als 50000 Mann auf die Beine gebracht und mit Vernachlaessigung der uebrigen Staedte sogleich die Hauptstadt selbst umstellt; allein der gewuenschte Erfolg ward dennoch nicht erreicht. Nabis hatte eine betraechtliche Armee, bis 15000 Mann, darunter 5000 Soeldner, ins Feld gestellt und seine Herrschaft durch ein vollstaendiges Schreckensregiment, die Hinrichtung in Masse der ihm verdaechtigen Offiziere und Bewohner der Landschaft, aufs neue befestigt. Sogar als er selber nach den ersten Erfolgen der roemischen Armee und Flotte sich entschloss, nachzugeben und die von Flamininus ihm gestellten verhaeltnismaessig sehr guenstigen Bedingungen anzunehmen, verwarf “das Volk”, das heisst das von Nabis in Sparta angesiedelte Raubgesindel, nicht mit Unrecht die Rechenschaft nach dem Siege fuerchtend und getaeuscht durch obligate Luegen ueber die Beschaffenheit der Friedensbedingungen und das Heranruecken der Aetoler und der Asiaten, den von dem roemischen Feldherrn gebotenen Frieden, und der Kampf begann aufs neue. Es kam zu einer Schlacht vor den Mauern und zu einem Sturm auf dieselben; schon waren sie von den Roemern erstiegen, als das Anzuenden der genommenen Strassen die Stuermenden wieder zur Umkehr zwang. Endlich nahm denn doch der eigensinnige Widerstand ein Ende. Sparta behielt seine Selbstaendigkeit und ward weder gezwungen, die Emigranten wieder aufzunehmen, noch dem Achaeischen Bunde beizutreten; sogar die bestehende monarchische Verfassung und Nabis selbst blieben unangetastet. Dagegen musste Nabis seine auswaertigen Besitzungen, Argos, Messene, die kretischen Staedte und ueberdies noch die ganze Kueste, abtreten, sich verpflichten, weder auswaertige Buendnisse zu schliessen noch Krieg zu fuehren und keine anderen Schiffe zu halten als zwei offene Kaehne, endlich alles Raubgut wieder abzuliefern, den Roemern Geiseln zu stellen und eine Kriegskontribution zu zahlen. Den spartanischen Emigranten wurden die Staedte an der lakonischen Kueste gegeben und diese neue Volksgemeinde, die im Gegensatz zu den monarchisch regierten Spartanern sich die der “freien Lakonen” nannte, angewiesen, in den Achaeischen Bund einzutreten. Ihr Vermoegen erhielten die Emigrierten nicht zurueck, indem die ihnen angewiesene Landschaft dafuer als Ersatz angesehen ward; wogegen verfuegt wurde, dass ihre Weiber und Kinder nicht wider deren Willen in Sparta zurueckgehalten werden sollten. Die Achaeer, obwohl sie durch diese Verfuegung ausser Argos noch die freien Lakonen erhielten, waren dennoch wenig zufrieden; sie hatten die Beseitigung des gefuerchteten und gehassten Nabis, die Rueckfuehrung der Emigrierten und die Ausdehnung der achaeischen Symmachie auf den ganzen Peloponnes erwartet. Der Unbefangene wird indes nicht verkennen, dass Flamininus diese schwierigen Angelegenheiten so billig und gerecht regelte, wie es moeglich ist, wo zwei beiderseits unbillige und ungerechte politische Parteien sich gegenueberstehen. Bei der alten und tiefen Verfeindung zwischen den Spartanern und Achaeern waere die Einverleibung Spartas in den Achaeischen Bund einer Unterwerfung Spartas unter die Achaeer gleichgekommen, was der Billigkeit nicht minder zuwiderlief als der Klugheit. Die Rueckfuehrung der Emigranten und die vollstaendige Restauration eines seit zwanzig Jahren beseitigten Regiments wuerde nur ein Schreckensregiment an die Stelle eines anderen gesetzt haben; der Ausweg, den Flamininus ergriff, war eben darum der rechte, weil er beide extreme Parteien nicht befriedigte. Endlich schien dafuer gruendlich gesorgt, dass es mit dem spartanischen See- und Landraub ein Ende hatte und das Regiment daselbst, wie es nun eben war, nur der eigenen Gemeinde unbequem fallen konnte. Es ist moeglich, dass Flamininus, der den Nabis kannte und wissen musste, wie wuenschenswert dessen persoenliche Beseitigung war, davon abstand, um nur einmal zu Ende zu kommen und nicht durch unabsehbar sich fortspinnende Verwicklungen den reinen Eindruck seiner Erfolge zu trueben; moeglich auch, dass er ueberdies an Sparta ein Gegengewicht gegen die Macht der Achaeischen Eidgenossenschaft im Peloponnes zu konservieren suchte. Indes der erste Vorwurf trifft einen Nebenpunkt und in letzterer Hinsicht ist es wenig wahrscheinlich, dass die Roemer sich herabliessen, die Achaeer zu fuerchten.
Aeusserlich wenigstens war somit zwischen den kleinen griechischen Staaten Friede gestiftet. Aber auch die inneren Verhaeltnisse der einzelnen Gemeinden gaben dem roemischen Schiedsrichter zu tun. Die Boeoter trugen ihre makedonische Gesinnung selbst noch nach der Verdraengung der Makedonier aus Griechenland offen zur Schau; nachdem Flamininus auf ihre Bitten ihren in Philippos’ Diensten gestandenen Landsleuten die Rueckkehr verstattet hatte, ward der entschiedenste der makedonischen Parteigaenger, Brachyllas, zum Vorstand der Boeotischen Genossenschaft erwaehlt und auch sonst Flamininus auf alle Weise gereizt. Er ertrug es mit beispielloser Geduld: indes die roemisch gesinnten Boeoter, die wussten, was nach dem Abzug der Roemer ihrer warte, beschlossen den Tod des Brachyllas, und Flamininus, dessen Erlaubnis sie sich dazu erbitten zu muessen glaubten, sagte wenigstens nicht nein. Brachyllas ward demnach ermordet; worauf die Boeoter sich nicht begnuegten, die Moerder zu verfolgen, sondern auch den einzeln durch ihr Gebiet passierenden roemischen Soldaten auflauerten und deren an 500 erschlugen. Dies war denn doch zu arg; Flamininus legte ihnen eine Busse von einem Talent fuer jeden Soldaten auf, und da sie diese nicht zahlten, nahm er die naechstliegenden Truppen zusammen und belagerte Koroneia (558 196). Nun verlegte man sich auf Bitten; in der Tat liess Flamininus auf die Verwendung der Achaeer und Athener gegen eine sehr maessige Busse von den Schuldigen ab, und obwohl die makedonische Partei fortwaehrend in der kleinen Landschaft am Ruder blieb, setzten die Roemer ihrer knabenhaften Opposition nichts entgegen als die Langmut der Uebermacht. Auch im uebrigen Griechenland begnuegte sich Flamininus, soweit es ohne Gewalttaetigkeit anging, auf die inneren Verhaeltnisse namentlich der neubefreiten Gemeinden einzuwirken, den Rat und die Gerichte in die Haende der Reicheren und die antimakedonisch gesinnte Partei ans Ruder zu bringen und die staedtischen Gemeinwesen dadurch, dass er das, was in jeder Gemeinde nach Kriegsrecht an die Roemer gefallen war, zu dem Gemeindegut der betreffenden Stadt schlug, moeglichst an das roemische Interesse zu knuepfen. Im Fruehjahr 560 (194) war die Arbeit beendigt: Flamininus versammelte noch einmal in Korinth die Abgeordneten der saemtlichen griechischen Gemeinden, ermahnte sie zu verstaendigem und maessigem Gebrauch der ihnen verliehenen Freiheit und erbat sich als einzige Gegengabe fuer die Roemer, dass man die italischen Gefangenen, die waehrend des Hannibalischen Krieges nach Griechenland verkauft worden waren, binnen dreissig Tagen ihm zusende. Darauf raeumte er die letzten Festungen, in denen noch roemische Besatzung stand, Demetrias, Chalkis nebst den davon abhaengigen kleineren Forts auf Euboea, und Akrokorinth, also die Rede der Aetoler, dass Rom die Fesseln Griechenlands von Philippos geerbt, tatsaechlich Luege strafend, und zog mit den saemtlichen roemischen Truppen und den befreiten Gefangenen in die Heimat.
Nur von der veraechtlichen Unredlichkeit oder der schwaechlichen Sentimentalitaet kann es verkannt werden, dass es mit der Befreiung Griechenlands den Roemern vollkommen ernst war, und die Ursache, weshalb der grossartig angelegte Plan ein so kuemmerliches Gebaeude lieferte, einzig zu suchen ist in der vollstaendigen sittlichen und staatlichen Aufloesung der hellenischen Nation. Es war nichts Geringes, dass eine maechtige Nation das Land, welches sie sich gewoehnt hatte, als ihre Urheimat und als das Heiligtum ihrer geistigen und hoeheren Interessen zu betrachten, mit ihrem maechtigen Arm ploetzlich zur vollen Freiheit fuehrte und jeder Gemeinde desselben die Befreiung von fremder Schatzung und fremder Besatzung und die unbeschraenkte Selbstregierung verlieh; bloss die Jaemmerlichkeit sieht hierin nichts als politische Berechnung. Der politische Kalkuel machte den Roemern die Befreiung Griechenlands moeglich, zur Wirklichkeit wurde sie durch die eben damals in Rom und vor allem in Flamininus selbst unbeschreiblich maechtigen hellenischen Sympathien. Wenn ein Vorwurf die Roemer trifft, so ist es der, dass sie alle und vor allem den Flamininus, der die wohlbegruendeten Bedenken des Senats ueberwand, der Zauber des hellenischen Namens hinderte, die Erbaermlichkeit des damaligen griechischen Staatenwesens in ihrem ganzen Umfang zu erkennen, und dass sie all den Gemeinden, die mit ihren in sich und gegeneinander gaerenden ohnmaechtigen Antipathien weder zu handeln noch sich ruhig zu halten verstanden, ihr Treiben auch ferner gestatteten. Wie die Dinge einmal standen, war es vielmehr noetig, dieser ebenso kuemmerlichen als schaedlichen Freiheit durch eine an Ort und Stelle dauernd anwesende Uebermacht ein- fuer allemal ein Ende zu machen; die schwaechliche Gefuehlspolitik war bei all ihrer scheinbaren Humanitaet weit grausamer, als die strengste Okkupation gewesen sein wuerde. In Boeotien zum Beispiel musste Rom einen politischen Mord, wenn nicht veranlassen, doch zulassen, weil man sich einmal entschlossen hatte, die roemischen Truppen aus Griechenland wegzuziehen und somit den roemisch gesinnten Griechen nicht wehren konnte, dass sie landueblicher Weise sich selber halfen. Aber auch Rom selbst litt unter den Folgen dieser Halbheit. Der Krieg mit Antiochos waere nicht entstanden ohne den politischen Fehler der Befreiung Griechenlands, und er waere ungefaehrlich geblieben ohne den militaerischen Fehler, aus den Hauptfestungen an der europaeischen Grenze die Besatzungen wegzuziehen. Die Geschichte hat eine Nemesis fuer jede Suende, fuer den impotenten Freiheitsdrang wie fuer den unverstaendigen Edelmut.
KAPITEL IX.
Der Krieg gegen Antiochos von Asien
In dem Reiche Asien trug das Diadem der Seleukiden seit dem Jahre 531 (223) der Koenig Antiochos der Dritte, der Urenkel des Begruenders der Dynastie. Auch er war gleich Philippos mit neunzehn Jahren zur Regierung gekommen und hatte Taetigkeit und Unternehmungsgeist genug namentlich in seinen ersten Feldzuegen im Osten entwickelt, um ohne allzu arge Laecherlichkeit im Hofstil der Grosse zu heissen. Mehr indes durch die Schlaffheit seiner Gegner, namentlich des aegyptischen Philopator, als durch seine eigene Tuechtigkeit war es ihm gelungen, die Integritaet der Monarchie einigermassen wiederherzustellen und zuerst die oestlichen Satrapien Medien und Parthyene, dann auch den von Achaeos diesseits des Tauros in Kleinasien begruendeten Sonderstaat wieder mit der Krone zu vereinigen. Ein erster Versuch, das schmerzlich entbehrte syrische Kuestenland den Aegyptern zu entreissen, war im Jahre der Trasimenischen Schlacht von Philopator bei Raphia blutig zurueckgewiesen worden, und Antiochos hatte sich wohl gehuetet, mit Aegypten den Streit wieder aufzunehmen, solange dort ein Mann, wenn auch ein schlaffer, auf dem Thron sass. Aber nach Philopators Tode (549 205) schien der rechte Augenblick gekommen, mit Aegypten ein Ende zu machen; Antiochos verband sich zu diesem Zweck mit Philippos und hatte sich auf Koilesyrien geworfen, waehrend dieser die kleinasiatischen Staedte angriff. Als die Roemer hier intervenierten, schien es einen Augenblick, als werde Antiochos gegen sie mit Philippos gemeinschaftliche Sache machen, wie die Lage der Dinge und der Buendnisvertrag es mit sich brachten. Allein nicht weitsichtig genug, um ueberhaupt die Einmischung der Roemer in die Angelegenheiten des Ostens sofort mit aller Energie zurueckzuweisen, glaubte Antiochos seinen Vorteil am besten zu wahren, wenn er Philippos’ leicht vorauszusehende Ueberwaeltigung durch die Roemer dazu nutzte, um das Aegyptische Reich, das er mit Philippos hatte teilen wollen, nun fuer sich allein zu gewinnen. Trotz der engen Beziehungen Roms zu dem alexandrinischen Hof und dem koeniglichen Muendel hatte doch der Senat keineswegs die Absicht, wirklich, wie er sich nannte, dessen “Beschuetzer” zu sein; fest entschlossen, sich um die asiatischen Angelegenheiten nicht anders als im aeussersten Notfall zu bekuemmern und den Kreis der roemischen Macht mit den Saeulen des Herakles und dem Hellespont zu begrenzen, liess er den Grosskoenig machen. Mit der Eroberung des eigentlichen Aegypten, die leichter gesagt als getan war, mochte es freilich diesem selbst nicht recht ernst sein; dagegen ging er daran, die auswaertigen Besitzungen Aegyptens eine nach der andern zu unterwerfen und griff zunaechst die kilikischen sowie die syrischen und palaestinensischen an. Der grosse Sieg, den er im Jahre 556 (198) am Berge Panion bei den Jordanquellen ueber den aegyptischen Feldherrn Skopas erfocht, gab ihm nicht bloss den vollstaendigen Besitz dieses Gebiets bis an die Grenze des eigentlichen Aegypten, sondern schreckte die aegyptischen Vormuender des jungen Koenigs so sehr, dass dieselben, um Antiochos vom Einruecken in Aegypten abzuhalten, sich zum Frieden bequemten und durch das Verloebnis ihres Muendels mit der Tochter des Antiochos, Kleopatra, den Frieden besiegelten. Nachdem also das naechste Ziel erreicht war, ging Antiochos in dem folgenden Jahr, dem der Schlacht von Kynoskephalae, mit einer starken Flotte von 100 Deck- und 100 offenen Schiffen nach Kleinasien, um die ehemals aegyptischen Besitzungen an der Sued- und Westkueste Kleinasiens in Besitz zu nehmen - wahrscheinlich hatte die aegyptische Regierung diese Distrikte, die faktisch in Philippos’ Haenden waren, im Frieden an Antiochos abgetreten und ueberhaupt auf die saemtlichen auswaertigen Besitzungen zu dessen Gunsten verzichtet - und um ueberhaupt die kleinasiatischen Griechen wieder zum Reiche zu bringen. Zugleich sammelte sich ein starkes syrisches Landheer in Sardes.
Dieses Beginnen war mittelbar gegen die Roemer gerichtet, welche von Anfang an Philippos die Bedingung gestellt hatten, seine Besatzungen aus Kleinasien wegzuziehen und den Rhodiern und Pergamenern ihr Gebiet, den Freistaedten die bisherige Verfassung ungekraenkt zu lassen, und nun an Philippos’ Stelle sich Antiochos derselben bemaechtigen sehen mussten. Unmittelbar aber sahen sich Attalos und die Rhodier jetzt von Antiochos durchaus mit derselben Gefahr bedroht, die sie wenige Jahre zuvor zum Kriege gegen Philippos getrieben hatte; und natuerlich suchten sie die Roemer in diesen Krieg ebenso wie in den eben beendigten zu verwickeln. Schon 555/56 (199/98) hatte Attalos von den Roemern militaerische Hilfe begehrt gegen Antiochos, der sein Gebiet besetzt habe, waehrend Attalos’ Truppen in dem roemischen Kriege beschaeftigt seien. Die energischeren Rhodier erklaerten sogar dem Koenig Antiochos, als im Fruehjahr 557 (197) dessen Flotte an der kleinasiatischen Kueste hinauf segelte, dass sie die Ueberschreitung der Chelidonischen Inseln (an der lykischen Kueste) als Kriegserklaerung betrachten wuerden, und als Antiochos sich hieran nicht kehrte, hatten sie, ermutigt durch die eben eintreffende Kunde von der Schlacht bei Kynoskephalae, sofort den Krieg begonnen und die wichtigsten karischen Staedte Kaunos, Halikarnassos, Myndos, ferner die Insel Samos in der Tat vor dem Koenig geschuetzt. Auch von den halbfreien Staedten hatten zwar die meisten sich demselben gefuegt, allein einige derselben, namentlich die wichtigen Staedte Smyrna, Alexandreia, Trogs und Lampsakos hatten auf die Kunde von der Ueberwaeltigung Philipps gleichfalls Mut bekommen, sich dem Syrer zu widersetzen, und ihre dringenden Bitten vereinigten sich mit denen der Rhodier. Es ist nicht zu bezweifeln, dass Antiochos, soweit er ueberhaupt faehig war, einen Entschluss zu fassen und festzuhalten, schon jetzt es bei sich festgestellt hatte, nicht bloss die aegyptischen Besitzungen in Asien an sich zu bringen, sondern auch in Europa fuer sich zu erobern und einen Krieg deswegen mit Rom wo nicht zu suchen, doch es darauf ankommen zu lassen. Die Roemer hatten insofern alle Ursache, jenem Ansuchen ihrer Bundesgenossen zu willfahren und in Asien unmittelbar zu intervenieren; aber sie bezeigten sich dazu wenig geneigt. Nicht bloss zauderte man, solange der Makedonische Krieg waehrte, und gab dem Attalos nichts als den Schutz diplomatischer Verwendung, die uebrigens zunaechst sich wirksam erwies; sondern auch nach dem Siege sprach man wohl es aus, dass die Staedte, die Ptolemaeos und Philippos in Haenden gehabt, nicht von Antiochos sollten in Besitz genommen werden, und die Freiheit der asiatischen Staedte Myrina, Abydos, Lampsakos ^1, Kios figurierte in den roemischen Aktenstuecken, allein man tat nicht das Geringste, um sie durchzusetzen und liess es geschehen, dass Koenig Antiochos die gute Gelegenheit des Abzugs der makedonischen Besatzungen aus denselben benutzte, um die seinigen hineinzulegen. Ja man ging so weit, sich selbst dessen Landung in Europa im Fruehjahr 557 (197) und sein Einruecken in den Thrakischen Chersonesos gefallen zu lassen, wo er Sestos und Madytos in Besitz nahm und laengere Zeit verwandte auf die Zuechtigung der thrakischen Barbaren und die Wiederherstellung des zerstoerten Lysimacheia, das er zu seinem Hauptwaffenplatz und zur Hauptstadt der neugegruendeten Satrapie Thrakien ausersehen hatte. Flamininus, in dessen Haenden die Leitung dieser Angelegenheiten sich befand, schickte wohl nach Lysimacheia an den Koenig Gesandte, die von der Integritaet des aegyptischen Gebiets und von der Freiheit der saemtlichen Hellenen redeten; allein es kam dabei nichts heraus. Der Koenig redete wiederum von seinen unzweifelhaften Rechtstiteln auf das alte, von seinem Ahnherrn Seleukos eroberte Reich des Lysimachos, setzte auseinander, dass er nicht beschaeftigt sei, Land zu erobern, sondern einzig die Integritaet seines angestammten Gebiets zu wahren, und lehnte die roemische Vermittlung in seinen Streitigkeiten mit den ihm untertaenigen Staedten in Kleinasien ab. Mit Recht konnte er hinzufuegen, dass mit Aegypten bereits Friede geschlossen sei und es den Roemern insofern an einem formellen Grund fehle zu intervenieren ^2. Die ploetzliche Heimkehr des Koenigs nach Asien, veranlasst durch die falsche Nachricht von dem Tode des jungen Koenigs von Aegypten und die dadurch hervorgerufenen Projekte einer Landung auf Kypros oder gar in Alexandreia, beendigte die Konferenzen, ohne dass man auch nur zu einem Abschluss, geschweige denn zu einem Resultat gekommen waere. Das folgende Jahr 559 (195) kam Antiochos wieder nach Lysimacheia mit verstaerkter Flotte und Armee und beschaeftigte sich mit der Einrichtung der neuen Satrapie, die er seinem Sohne Seleukos bestimmte; in Ephesos kam Hannibal zu ihm, der von Karthago hatte landfluechtig werden muessen, und der ungemein ehrenvolle Empfang, der ihm zuteil ward, war so gut wie eine Kriegserklaerung gegen Rom. Nichtsdestoweniger zog noch im Fruehjahr 560 (194) Flamininus saemtliche roemische Besatzungen aus Griechenland heraus. Es war dies unter den obwaltenden Verhaeltnissen wenigstens eine arge Verkehrtheit, wenn nicht ein straefliches Handeln wider das eigene bessere Wissen; denn der Gedanke laesst sich nicht abweisen, dass Flamininus, um nur den Ruhm des gaenzlich beendigten Krieges und des befreiten Hellas ungeschmaelert heimzubringen, sich begnuegte, das glimmende Feuer des Aufstandes und des Krieges vorlaeufig oberflaechlich zu verschuetten. Der roemische Staatsmann mochte vielleicht recht haben, wenn er jeden Versuch, Griechenland unmittelbar in roemische Botmaessigkeit zu bringen und jede Intervention der Roemer in die asiatischen Angelegenheiten fuer einen politischen Fehler erklaerte; aber die gaerende Opposition in Griechenland, der schwaechliche Uebermut des Asiaten, das Verweilen des erbitterten Roemerfeindes, der schon den Westen gegen Rom in Waffen gebracht hatte, im syrischen Hauptquartier, alles dies waren deutliche Anzeichen des Herannahens einer neuen Schilderhebung des hellenischen Ostens, deren Ziel mindestens sein musste, Griechenland aus der roemischen Klientel in die der antiroemisch gesinnten Staaten zu bringen und, wenn dies erreicht worden waere, sofort sich weiter gesteckt haben wuerde. Es ist einleuchtend, dass Rom dies nicht geschehen lassen konnte. Indem Flamininus, all jene sicheren Kriegsanzeichen ignorierend, aus Griechenland die Besatzungen wegzog und gleichzeitig dennoch an den Koenig von Asien Forderungen stellte, fuer die marschieren zu lassen er nicht gesonnen war, tat er in Worten zu viel, was in Taten zu wenig und vergass seiner Feldherrn- und Buergerpflicht ueber der eigenen Eitelkeit, die Rom den Frieden und den Griechen in beiden Weltteilen die Freiheit geschenkt zu haben wuenschte und waehnte.
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^1 Nach einem kuerzlich aufgefundenen Dekret der Stadt Lampsakos (AM 6, 1891, S. 95) schickten die Lampsakener nach der Niederlage Philipps Gesandte an den roemischen Senat mit der Bitte, dass die Stadt in den zwischen Rom und dem Koenig (Philippos) abgeschlossenen Vertrag mit einbezogen werden moege (όπως συμπεριληφθώμεν [εν ταίς συνθήκαις] ταίς γενομέναις Ρωμαίοις πρός τόν [βασιλέα]), welche der Senat, wenigstens nach der Auffassung der Bittsteller, denselben gewaehrte und sie im uebrigen an Flamininus und die zehn Gesandten wies. Von diesem erbitten dann dieselben in Korinth Garantie ihrer Verfassung und Briefe an die Koenige. Flamininus gibt ihnen auch dergleichen Schreiben; ueber den Inhalt erfahren wir nichts Genaueres, als dass in dem Dekret die Gesandtschaft als erfolgreich bezeichnet wird. Aber wenn der Senat und Flamininus die Autonomie und Demokratie der Lampsakener formell und positiv garantiert haetten, wuerde das Dekret schwerlich so ausfuehrlich bei den hoeflichen Antworten verweilen, welche die unterwegs um Verwendung bei dem Senat angesprochenen roemischen Befehlshaber den Gesandten erteilten.
Bemerkenswert ist in dieser Urkunde noch die gewiss auf die troische Legende zurueckgehende “Bruederschaft” der Lampsakener und der Roemer und die von jenen mit Erfolg angerufene Vermittlung der Bundesgenossen und Freunde Roms, der Massalioten, welche mit den Lampsakenern durch die gemeinsame Mutterstadt Phokaea verbunden waren.
^2 Das bestimmte Zeugnis des Hieronymos, welcher das Verloebnis der syrischen Kleopatra mit Ptolemaeos Epiphanes in das Jahr 556 (198) setzt, in Verbindung mit den Andeutungen bei Livius (33, 40) und Appian (Syr. 3) und mit dem wirklichen Vollzug der Vermaehlung im Jahre 561 (193) setzen es ausser Zweifel dass die Einmischung der Roemer in die aegyptischen Angelegenheiten in diesem Fall eine formell unberufene war.