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Philippos bewies bei der Vorbereitung und der Verbergung seiner Entschluesse eine Ruhe, einen Ernst und eine Konsequenz, die, wenn er in besseren Zeiten sie bewaehrt haette, vielleicht den Geschicken der Welt eine andere Richtung gegeben haben wuerden. Namentlich die Fuegsamkeit gegen die Roemer, mit der er sich die unentbehrliche Frist erkaufte, war fuer den harten und stolzen Mann eine schwere Pruefung, die er doch mutig ertrug - seine Untertanen freilich und die unschuldigen Gegenstaende des Haders, wie das unglueckliche Maroneia, buessten schwer den verhaltenen Groll. Schon im Jahre 571 (183) schien der Krieg ausbrechen zu muessen; aber auf Philippos’ Geheiss bewirkte sein juengerer Sohn Demetrios eine Ausgleichung des Vaters mit Rom, wo er einige Jahre als Geisel gelebt hatte und sehr beliebt war. Der Senat, namentlich Flamininus, der die griechischen Angelegenheiten leitete, suchte in Makedonien eine roemische Partei zu bilden, die Philippos’ natuerlich den Roemern nicht unbekannte Bestrebungen zu paralysieren imstande waere, und hatte zu deren Haupt, ja vielleicht zum kuenftigen Koenig Makedoniens, den juengeren, leidenschaftlich an Rom haengenden Prinzen ausersehen. Man gab mit absichtlicher Deutlichkeit zu verstehen, dass der Senat dem Vater um des Sohnes willen verzeihe; wovon natuerlich die Folge war, dass im koeniglichen Hause selbst Zwistigkeiten entstanden und namentlich des Koenigs aelterer und vom Vater zum Nachfolger bestimmter, aber in ungleicher Ehe erzeugter Sohn Perseus in seinem Bruder den kuenftigen Nebenbuhler zu verderben suchte. Es scheint nicht, dass Demetrios sich in die roemischen Intrigen einliess; erst der falsche Verdacht des Verbrechens zwang ihn, schuldig zu werden, und auch da beabsichtigte er, wie es scheint, nichts weiter als die Flucht nach Rom. Indes Perseus sorgte dafuer, dass der Vater diese Absicht auf die rechte Weise erfuhr; ein untergeschobener Brief von Flamininus an Demetrios tat das uebrige und lockte dem Vater den Befehl ab, den Sohn aus dem Wege zu raeumen. Zu spaet erfuhr Philippos die Raenke, die Perseus gesponnen hatte, und der Tod ereilte ihn ueber der Absicht, den Brudermoerder zu strafen und von der Thronfolge auszuschliessen. Er starb im Jahre 575 (179) in Demetrias, im neunundfuenfzigsten Lebensjahre. Das Reich hinterliess er zerschmettert, das Haus zerruettet, und gebrochenen Herzens gestand er sich ein, dass all seine Muehsal und all seine Frevel vergeblich gewesen waren.

Sein Sohn Perseus trat darauf die Regierung an, ohne in Makedonien oder bei dem roemischen Senat Widerspruch zu finden. Er war ein stattlicher Mann, in allen Leibesuebungen wohl erfahren, im Lager aufgewachsen und des Befehlens gewohnt, gleich seinem Vater herrisch und nicht bedenklich in der Wahl seiner Mittel. Ihn reizten nicht der Wein und die Frauen, ueber die Philippos seines Regiments nur zu oft vergass; er war stetig und beharrlich wie sein Vater leichtsinnig und leidenschaftlich. Philippos, schon als Knabe Koenig und in den ersten zwanzig Jahren seiner Herrschaft vom Glueck begleitet, war vom Schicksal verwoehnt und verdorben worden; Perseus bestieg den Thron in seinem einunddreissigsten Jahr, und wie er schon als Knabe mitgenommen worden war in den ungluecklichen roemischen Krieg, wie er aufgewachsen war im Druck der Erniedrigung und in dem Gedanken einer nahen Wiedergeburt des Staates, so erbte er von seinem Vater mit dem Reich seine Drangsale, seine Erbitterung und seine Hoffnungen. In der Tat griff er mit aller Entschlossenheit die Fortsetzung des vaeterlichen Werkes an und ruestete eifriger, als es vorher geschehen war, zum Kriege gegen Rom; kam doch fuer ihn noch hinzu, dass es wahrlich nicht die Schuld der Roemer war, wenn er das makedonische Diadem trug. Mit Stolz sah die stolze makedonische Nation auf den Prinzen, den sie an der Spitze ihrer Jugend stehen und fechten zu sehen gewohnt war; seine Landsleute und viele Hellenen aller Staemme meinten in ihm den rechten Feldherrn fuer den nahen Befreiungskrieg gefunden zu haben. Aber er war nicht, was er schien; ihm fehlte Philipps Genialitaet und Philipps Spannkraft, die wahrhaft koeniglichen Eigenschaften, die das Glueck verdunkelt und geschaendet, aber die reinigende Macht der Not wieder zu Ehren gebracht hatte. Philippos liess sich und die Dinge gehen; aber wenn es galt, fand er in sich die Kraft zu raschem und ernstlichem Handeln. Perseus spann weite und feine Plaene und verfolgte sie mit unermuedlicher Beharrlichkeit; aber wenn die Stunde schlug und das, was er angelegt und vorbereitet hatte, ihm in der lebendigen Wirklichkeit entgegentrat, erschrak er vor seinem eigenen Werke. Wie es beschraenkten Naturen eigen ist, ward ihm das Mittel zum Zweck; er haeufte Schaetze auf Schaetze fuer den Roemerkrieg und als die Roemer im Lande standen, vermochte er nicht von seinen Goldstuecken sich zu trennen. Es ist bezeichnend, dass nach der Niederlage der Vater zuerst eilte, die kompromittierenden Papiere in seinem Kabinett zu vernichten, der Sohn dagegen seine Kassen nahm und sich einschiffte. In gewoehnlichen Zeiten haette er einen Koenig vom Dutzendschlag so gut und besser wie mancher andere abgeben koennen; aber er war nicht geschaffen, ein Unternehmen zu leiten, das von Haus aus verloren war, wenn nicht ein ausserordentlicher Mann es beseelte.

Makedoniens Macht war nicht gering. Die Ergebenheit des Landes gegen das Haus der Antigoniden war ungebrochen, das Nationalgefuehl hier allein nicht durch den Hader politischer Parteien paralysiert. Den grossen Vorteil der monarchischen Verfassung, dass jeder Regierungswechsel den alten Groll und Zank beseitigt und eine neue Aera anderer Menschen und frischer Hoffnungen herauffuehrt, hatte der Koenig verstaendig benutzt und seine Regierung begonnen mit allgemeiner Amnestie, mit Zurueckberufung der fluechtigen Bankerottierer und Erlass der rueckstaendigen Steuern. Die gehaessige Haerte des Vaters brachte also dem Sohn nicht bloss Vorteil, sondern auch Liebe. Sechsundzwanzig Friedensjahre hatten die Luecken in der makedonischen Bevoelkerung teils von selbst ausgefuellt, teils der Regierung gestattet, hierfuer als fuer den eigentlichen wunden Fleck des Landes ernstliche Fuersorge zu treffen. Philippos hielt die Makedonier an zur Ehe und Kinderzeugung; er besetzte die Kuestenstaedte, aus denen er die Einwohner in das Innere zog, mit thrakischen Kolonisten von zuverlaessiger Wehrhaftigkeit und Treue; er zog, um die verheerenden Einfaelle der Dardaner ein fuer allemal abzuwehren, gegen Norden eine Scheidewand, indem er das Zwischenland jenseits der Landesgrenze bis an das barbarische Gebiet zu Einoede machte, und gruendete neue Staedte in den noerdlichen Provinzen. Kurz, er tat Zug fuer Zug dasselbe fuer Makedonien, wodurch spaeter Augustus das Roemische Reich zum zweitenmal gruendete. Die Armee war zahlreich - 30 000 Mann, ohne die Zuzuege und die Mietstruppen zu rechnen - und die junge Mannschaft geuebt durch den bestaendigen Grenzkrieg gegen die thrakischen Barbaren. Seltsam ist es, dass Philippos nicht wie Hannibal es versuchte, sein Heer roemisch zu organisieren; allein es begreift sich, wenn man sich erinnert, was den Makedoniern ihre zwar oft ueberwundene, aber doch noch immer unueberwindlich geglaubte Phalanx galt. Durch die neuen Finanzquellen, die Philippos in Bergwerken, Zoellen und Zehnten sich geschaffen hatte, und den aufbluehenden Ackerbau und Handel war es gelungen, den Schatz, die Speicher und die Arsenale zu fuellen; als der Krieg begann, lag im makedonischen Staatsschatz Geld genug, um fuer das dermalige Heer und fuer 10000 Mann Mietstruppen auf zehn Jahre den Sold zu zahlen und fanden sich in den oeffentlichen Magazinen Getreidevorraete auf ebenso lange Zeit (18 Mill. Medimnen oder preussische Scheffel) und Waffen fuer ein dreifach so starkes Heer, als das gegenwaertige war. In der Tat war Makedonien ein ganz anderer Staat geworden, als da es durch den Ausbruch des zweiten Krieges mit Rom ueberrascht ward; die Macht des Reiches war in allen Beziehungen mindestens verdoppelt - mit einer in jeder Hinsicht weit geringeren hatte Hannibal es vermocht, Rom bis in seine Grundfesten zu erschuettern.

Nicht so guenstig standen die aeusseren Verhaeltnisse. Es lag in der Natur der Sache, dass Makedonien jetzt die Plaene von Hannibal und von Antiochos wieder aufnehmen und versuchen musste, sich an die Spitze einer Koalition aller unterdrueckten Staaten gegen Roms Suprematie zu stellen; und allerdings gingen die Faeden vom Hofe zu Pydna nach allen Seiten. Indes der Erfolg war gering. Dass die Treue der Italiker schwankte, ward wohl behauptet; allein es konnte weder Freund noch Feind entgehen, dass zunaechst die Wiederaufnahme der Samnitenkriege nicht gerade wahrscheinlich sei. Die naechtlichen Konferenzen makedonischer Abgeordneter mit dem karthagischen Senat, die Massinissa in Rom denunzierte, konnten gleichfalls ernsthafte und einsichtige Maenner nicht erschrecken, selbst wenn sie nicht, wie es sehr moeglich ist, voellig erfunden waren. Die Koenige von Syrien und Bithynien suchte der makedonische Hof durch Zwischenheiraten in das makedonische Interesse zu ziehen; allein es kam dabei weiter nichts heraus, als dass die unsterbliche Naivitaet der Diplomatie, die Laender mit Liebschaften erobern zu wollen, sich einmal mehr prostituierte. Den Eumenes, den gewinnen zu wollen laecherlich gewesen waere, haetten Perseus’ Agenten gern beseitigt; er sollte auf der Rueckkehr von Rom, wo er gegen Makedonien gewirkt hatte, bei Delphi ermordet werden, allein der saubere Plan misslang.

Von groesserer Bedeutung waren die Bestrebungen, die noerdlichen Barbaren und die Hellenen gegen Rom aufzuwiegeln. Philippos hatte den Plan entworfen, die alten Feinde Makedoniens, die Dardaner in dem heutigen Serbien, zu erdruecken durch einen anderen, vom linken Ufer der Donau herbeigezogenen, noch wilderen Schwarm deutscher Abstammung, den der Bastarner, sodann mit diesen und der ganzen dadurch in Bewegung gesetzten Voelkerlawine selbst nach Italien auf dem Landweg zu ziehen und in die Lombardei einzufallen, wohin er die Alpenpaesse bereits erkunden liess - ein grossartiger, Hannibals wuerdiger Entwurf, welchen auch ohne Zweifel Hannibals Alpenuebergang unmittelbar angeregt hat. Es ist mehr als wahrscheinlich, dass hiermit die Gruendung der roemischen Festung Aquileia zusammenhaengt, die eben in Philippos’ letzte Zeit faellt (573 181) und nicht passt zu dem sonst von den Roemern bei ihren italischen Festungsanlagen befolgten System. Der Plan scheiterte indes an dem verzweifelten Widerstand der Dardaner und der mitbetroffenen naechstwohnenden Voelkerschaften; die Bastarner mussten wieder abziehen und der ganze Haufen ertrank auf der Heimkehr unter dem einbrechenden Eise der Donau. Der Koenig suchte nun wenigstens unter den Haeuptlingen des illyrischen Landes, des heutigen Dalmatiens und des noerdlichen Albaniens, seine Klientel auszubreiten. Nicht ohne Perseus’ Vorwissen kam einer derselben, der treulich zu Rom hielt, Arthetauros, durch Moerderhand um. Der bedeutendste von allen, Genthios, der Sohn und Erbe des Pleuratos, stand zwar dem Namen nach gleich seinem Vater in Buendnis mit Rom, allein die Boten von Issa, einer griechischen Stadt auf einer der dalmatinischen Inseln, berichteten dem Senat, dass Koenig Perseus mit dem jungen, schwachen, trunkfaelligen Menschen in heimlichem Einverstaendnis stehe und Genthios’ Gesandte in Rom dem Perseus als Spione dienten.

In den Landschaften oestlich von Makedonien gegen die untere Donau zu stand der maechtigste unter den thrakischen Haeuptlingen, der Fuerst der Orysen und Herr des ganzen oestlichen Thrakiens von der makedonischen Grenze am Hebros (Maritza) bis an den mit griechischen Staedten bedeckten Kuestensaum, der kluge und tapfere Kotys, mit Perseus im engsten Buendnis; von den anderen kleineren Haeuptlingen, die es hier mit Rom hielten, ward einer, der Fuerst der Sagaeer, Abrupolis, infolge eines gegen Amphipolis am Strymon gerichteten Raubzugs von Perseus geschlagen und aus dem Lande getrieben. Von hierher hatte Philipp zahlreiche Kolonisten gezogen und standen Soeldner zu jeder Zeit in beliebiger Zahl zu Gebot.

Unter der ungluecklichen hellenischen Nation ward von Philippos und Perseus lange vor der Kriegserklaerung gegen Rom ein zwiefacher Propagandakrieg lebhaft gefuehrt, indem man teils die nationale, teils - man gestatte den Ausdruck - die kommunistische Partei auf die Seite Makedoniens zu bringen versuchte. Dass alle national Gesinnten unter den asiatischen wie unter den europaeischen Griechen jetzt im Herzen makedonisch waren, versteht sich von selbst; nicht wegen einzelner Ungerechtigkeiten der roemischen Befreier, sondern weil die Herstellung der hellenischen Nationalitaet durch eine fremde den Widerspruch in sich selbst trug, und jetzt, wo es freilich zu spaet war, jeder es begriff, dass die abscheulichste makedonische Regierung minder unheilvoll fuer Griechenland war als die aus den edelsten Absichten ehrenhafter Auslaender hervorgegangene freie Verfassung. Dass die tuechtigsten und rechtschaffensten Leute in ganz Griechenland gegen Rom Partei ergriffen, war in der Ordnung; roemisch gesinnt war nur die feile Aristokratie und hier und da ein einzelner ehrlicher Mann, der ausnahmsweise sich ueber den Zustand und die Zukunft der Nation nicht taeuschte. Am schmerzlichsten empfand dies Eumenes von Pergamon, der Traeger jener fremdlaendischen Freiheit unter den Griechen. Vergeblich behandelte er die ihm unterworfenen Staedte mit Ruecksichten aller Art; vergeblich buhlte er um die Gunst der Gemeinden und der Tagsatzungen mit wohlklingenden Worten und noch besser klingendem Golde - er musste vernehmen, dass man seine Geschenke zurueckgewiesen, ja dass man eines schoenen Tages im ganzen Peloponnes nach Tagsatzungsbeschluss alle frueher ihm errichteten Statuen zerschlagen und die Ehrentafeln eingeschmolzen habe (584 170), waehrend Perseus’ Name auf allen Lippen war; waehrend selbst die ehemals am entschiedensten antimakedonisch gesinnten Staaten, wie die Achaeer, ueber die Aufhebung der gegen Makedonien gerichteten Gesetze berieten; waehrend Byzantion, obwohl innerhalb des Pergamenischen Reiches gelegen, nicht von Eumenes, sondern von Perseus Schutz und Besatzung gegen die Thraker erbat und empfing, und ebenso Lampsakos am Hellespont sich dem Makedonier anschloss; waehrend die maechtigen und besonnenen Rhodier dem Koenig Perseus seine syrische Braut, da die syrischen Kriegsschiffe im Aegaeischen Meer sich nicht zeigen durften, mit ihrer ganzen praechtigen Kriegsflotte von Antiocheia her zufuehrten und hochgeehrt und reich beschenkt, namentlich mit Holz zum Schiffbau, wieder heimkehrten; waehrend Beauftragte der asiatischen Staedte, also der Untertanen des Eumenes, in Samothrake mit makedonischen Abgeordneten geheime Konferenzen hielten. Jene Sendung der rhodischen Kriegsflotte schien wenigstens eine Demonstration; und sicher war es eine, dass der Koenig Perseus unter dem Vorwand einer gottesdienstlichen Handlung bei Delphi den Hellenen sich und seine ganze Armee zur Schau stellte. Dass der Koenig sich auf diese nationale Propaganda bei dem bevorstehenden Kriege zu stuetzen gedachte, war in der Ordnung. Arg aber war es, dass er die fuerchterliche oekonomische Zerruettung Griechenlands benutzte, um alle diejenigen, die eine Umwaelzung der Eigentums- und Schuldverhaeltnisse wuenschten, an Makedonien zu ketten. Von der beispiellosen Ueberschuldung der Gemeinden wie der einzelnen im europaeischen Griechenland, mit Ausnahme des in dieser Hinsicht etwas besser geordneten Peloponnes, ist es schwer, sich einen hinreichenden Begriff zu machen; es kam vor, dass eine Stadt die andere ueberfiel und auspluenderte, bloss um Geld zu machen, so zum Beispiel die Athener Oropos, und bei den Aetolern, den Perrhaebern, den Thessalern lieferten die Besitzenden und die Nichtbesitzenden sich foermliche Schlachten. Die aergsten Greueltaten verstehen sich bei solchen Zustaenden von selbst; so wurde bei den Aetolern eine allgemeine Versoehnung verkuendet und ein neuer Landfriede gemacht, einzig zu dem Zweck, eine Anzahl von Emigranten ins Garn zu locken und zu ermorden. Die Roemer versuchten zu vermitteln; aber ihre Gesandten kehrten unverrichteter Sache zurueck und meldeten, dass beide Parteien gleich schlecht und die Erbitterung nicht zu bezaehmen sei. Hier half in der Tat nichts anderes mehr als der Offizier und der Scharfrichter; der sentimentale Hellenismus fing an, ebenso grauenvoll zu werden, wie er von Anfang an laecherlich gewesen war. Koenig Perseus aber bemaechtigte sich dieser Partei, wenn sie den Namen verdient, der Leute, die nichts, am wenigsten einen ehrlichen Namen zu verlieren hatten, und erliess nicht bloss Verfuegungen zu Gunsten der makedonischen Bankerottierer, sondern liess auch in Larisa, Delphi und Delos Plakate anschlagen, welche saemtliche wegen politischer oder anderer Verbrechen oder ihrer Schulden wegen landfluechtig gewordene Griechen aufforderten, nach Makedonien zu kommen und volle Einsetzung in ihre ehemaligen Ehren und Gueter zu gewaertigen. Dass sie kamen, kann man sich denken; ebenso dass in ganz Nordgriechenland die glimmende soziale Revolution nun in offene Flammen ausschlug und die national-soziale Partei daselbst um Hilfe zu Perseus sandte. Wenn die hellenische Nationalitaet nur mit solchen Mitteln zu retten war, so durfte bei aller Verehrung fuer Sophokles und Pheidias man sich die Frage erlauben, ob das Ziel des Preises wert sei.

Der Senat begriff, dass er schon zu lange gezoegert habe und dass es Zeit sei, dem Treiben ein Ende zu machen. Die Vertreibung des thrakischen Haeuptlings Abrupolis, der mit den Roemern in Buendnis stand, die Buendnisse Makedoniens mit den Byzantiern, Aetolern und einem Teil der boeotischen Staedte waren ebensoviel Verletzungen des Friedens von 557 (197) und genuegten fuer das offizielle Kriegsmanifest; der wahre Grund des Krieges war, dass Makedonien im Begriff stand, seine formelle Souveraenitaet in eine reelle zu verwandeln und Rom aus dem Patronat ueber die Hellenen zu verdraengen. Schon 581 (173) sprachen die roemischen Gesandten auf der achaeischen Tagsatzung es ziemlich unumwunden aus, dass ein Buendnis mit Perseus mit dem Abfall von dem roemischen gleichbedeutend sei. Im Jahr 582 (172) kam Koenig Eumenes persoenlich nach Rom mit einem langen Beschwerdenregister und deckte die ganze Lage der Dinge im Senat auf, worauf dieser wider Erwarten in geheimer Sitzung sofort die Kriegserklaerung beschloss und die Landungsplaetze in Epeiros mit Besatzungen versah. Der Form wegen ging noch eine Gesandtschaft nach Makedonien, deren Botschaft aber derart war, dass Perseus, erkennend, dass er nicht zurueck koenne, die Antwort gab, er sei bereit, ein neues wirklich gleiches Buendnis mit Rom zu schliessen, allein den Vertrag von 557 (197) sehe er als aufgehoben an, und die Gesandten anwies, binnen drei Tagen das Reich zu verlassen. Damit war der Krieg tatsaechlich erklaert. Es war im Herbst 582 (172); wenn Perseus wollte, konnte er ganz Griechenland besetzen und die makedonische Partei ueberall ans Regiment bringen, ja vielleicht die bei Apollonia stehende roemische Division von 5000 Mann unter Gnaeus Sicinius erdruecken und den Roemern die Landung streitig machen. Allein der Koenig, dem schon vor dem Ernst der Dinge zu grauen begann, liess sich mit seinem Gastfreund, dem Konsular Quintus Marcius Philippus, ueber die Frivolitaet der roemischen Kriegserklaerung in Verhandlungen ein und sich durch diese bestimmen, den Angriff zu verschieben und noch einmal einen Friedensversuch in Rom zu machen, den, wie begreiflich, der Senat nur beantwortete mit der Ausweisung saemtlicher Makedonier aus Italien und der Einschiffung der Legionen. Zwar tadelten die Senatoren der aelteren Schule die “neue Weisheit” ihres Kollegen und die unroemische List; allein der Zweck war erreicht und der Winter verfloss, ohne dass Perseus sich ruehrte. Desto eifriger nutzten die roemischen Diplomaten die Zwischenzeit, um Perseus eines jeden Anhaltes in Griechenland zu berauben. Der Achaeer war man sicher. Nicht einmal die Patriotenpartei daselbst, die weder mit jenen sozialen Bewegungen einverstanden war noch ueberhaupt sich weiter verstieg als zu der Sehnsucht nach einer weisen Neutralitaet, dachte daran, sich Perseus in die Arme zu werfen; und ueberdies war dort jetzt durch roemischen Einfluss die Gegenpartei ans Ruder gekommen, die unbedingt sich an Rom anschloss. Der Aetolische Bund hatte zwar in seinen inneren Unruhen von Perseus Hilfe erbeten; aber der unter den Augen der roemischen Gesandten gewaehlte neue Strateg Lykiskos war roemischer gesinnt als die Roemer selbst. Auch bei den Thessalern behielt die roemische Partei die Oberhand. Sogar die von Alters her makedonisch gesinnten und oekonomisch aufs tiefste zerruetteten Boeoter hatten in ihrer Gesamtheit sich nicht offen fuer Perseus erklaert; doch liessen wenigstens drei ihrer Staedte, Thisbae, Haliartos und Koroneia auf eigene Hand sich mit Perseus ein. Da auf die Beschwerde des roemischen Gesandten die Regierung der boeotischen Eidgenossenschaft ihm den Stand der Dinge mitteilte, erklaerte jener, dass sich am besten zeigen werde, welche Stadt es mit Rom halte und welche nicht, wenn jede sich einzeln ihm gegenueber ausspreche; und daraufhin lief die Boeotische Eidgenossenschaft geradezu auseinander. Es ist nicht wahr, dass Epaminondas’ grosser Bau von den Roemern zerstoert worden ist; er fiel tatsaechlich zusammen, ehe sie daran ruehrten, und ward also freilich das Vorspiel fuer die Aufloesung der uebrigen, noch fester geschlossenen griechischen Staedtebuende ^2. Mit der Mannschaft der roemisch gesinnten boeotischen Staedte belagerte der roemische Gesandte Publius Lentulus Haliartos, noch ehe die roemische Flotte im Aegaeischen Meer erschien.

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