Fuer die Kuesterin, fuer die Wahrsagerin, fuer die Traum- und die kluge Frau;
Saehst du nur, wie die mich anguckt! Eine Schand’ ist’s, schick’ ich nichts.
Auch der Opferfrau durchaus mal geben muss ich ordentlich.
Man schuf zwar in dieser Zeit in Rom nicht wie frueher einen Silber- so jetzt einen Goldgott; aber in der Tat regierte er dennoch in den hoechsten wie in den niedrigsten Kreisen des religioesen Lebens. Der alte Stolz der latinischen Landesreligion, die Billigkeit ihrer oekonomischen Anforderungen, war unwiederbringlich dahin. Aber gleichzeitig war es auch mit der alten Einfachheit aus. Das Bastardkind von Vernunft und Glauben, die Theologie, war bereits geschaeftig, die ihr eigene beschwerliche Weitlaeufigkeit und feierliche Gedankenlosigkeit in den alten Landesglauben hinein und dessen Geist damit auszutreiben. Der Katalog der Verpflichtungen und Vorrechte des Jupiterpriesters zum Beispiel koennte fueglich im Talmud stehen. Mit der natuerlichen Regel, dass nur die fehlerlos verrichtete religioese Pflicht den Goettern genehm sei, trieb man es praktisch so weit, dass ein einzelnes Opfer wegen wieder und wieder begangener Versehen bis dreissigmal hintereinander wiederholt wird, dass die Spiele, die ja auch Gottesdienst waren, wenn der leitende Beamte sich versprochen oder vergriffen oder die Musik einmal eine unrichtige Pause gemacht hatte, als nicht geschehen galten und von vorne, oft mehrere, ja bis zu sieben Malen hintereinander wieder begonnen werden massten. In dieser Uebertreibung der Gewissenhaftigkeit liegt an sich schon ihre Erstarrung; und die Reaktion dagegen, die Gleichgueltigkeit und der Unglaube liessen auch nicht auf sich warten. Schon im Ersten Punischen Kriege (505 249) kam es vor, dass mit den vor der Schlacht zu befragenden Auspizien der Konsul selber offenkundigen Spott trieb - freilich ein Konsul aus dem absonderlichen und im Guten und Boesen der Zeit voraneilenden Geschlecht der Claudier. Gegen das Ende dieser Epoche werden schon Klagen laut, dass die Augurallehre vernachlaessigt werde und dass, mit Cato zu reden, eine Menge alter Vogelkunden und Vogelschauungen durch die Traegheit des Kollegiums in Vergessenheit geraten sei. Ein Augur wie Lucius Paullus, der in dem Priestertum eine Wissenschaft und nicht einen Titel sah, war bereits eine seltene Ausnahme und musste es auch wohl sein, wenn die Regierung immer offener und ungescheuter die Auspizien zur Durchsetzung ihrer politischen Absichten benutzte, das heisst die Landesreligion nach Polybios’ Auffassung als einen zur Prellung des grossen Publikums brauchbaren Aberglauben behandelte. Wo also vorgearbeitet war, fand die hellenistische Irreligiositaet offene Bahn. Mit der beginnenden Kunstliebhaberei fingen schon zu Catos Zeit die heiligen Bildnisse der Goetter an, die Zimmer der Reichen gleich anderem Hausgeraet zu schmuecken. Gefaehrlichere Wunden schlug der Religion die beginnende Literatur. Zwar offene Angriffe durfte sie nicht wagen, und was geradezu durch sie zu den religioesen Vorstellungen hinzukam, wie zum Beispiel durch Ennius, der in Nachbildung des griechischen Uranos dem roemischen Saturnus geschoepfte Vater Caelus, war wohl auch hellenistisch, aber nicht von grosser Bedeutung. Folgenreich dagegen war die Verbreitung der Epicharmischen und Euhemeristischen Lehren in Rom. Die poetische Philosophie, welche die spaeteren Pythagoreer aus den Schriften des alten sizilischen Lustspieldichters Epicharmos von Megara (um 280 470) ausgezogen oder vielmehr, wenigstens groesstenteils, ihm untergeschoben hatten, sah in den griechischen Goettern Natursubstanzen, in Zeus die Luft, in der Seele ein Sonnenstaeubchen und so weiter; insofern diese Naturphilosophie, aehnlich wie in spaeterer Zeit die stoische Lehre, in ihren allgemeinsten Grundzuegen der roemischen Religion wahlverwandt war, war sie geeignet, die allegorisierende Aufloesung der Landesreligion einzuleiten. Eine historisierende Zersetzung der Religion lieferten die “heiligen Memoiren” des Euhemeros von Messene (um 450 300), die in Form von Berichten ueber die von dem Verfasser in das wunderbare Ausland getanen Reisen die von den sogenannten Goettern umlaufenden Nachrichten gruendlich und urkundlich sichteten und im Resultat darauf hinausliefen, dass es Goetter weder gegeben habe noch gebe. Zur Charakteristik des Buches mag das eine genuegen, dass die Geschichte von Kronos’ Kinderverschlingung erklaert wird aus der in aeltester Zeit bestehenden und durch Koenig Zeus abgeschafften Menschenfresserei. Trotz oder auch durch seine Plattheit und Tendenzmacherei machte das Produkt in Griechenland ein unverdientes Glueck und half in Gemeinschaft mit den gangbaren Philosophien dort die tote Religion begraben. Es ist ein merkwuerdiges Zeichen des ausgesprochenen und wohlbewussten Antagonismus zwischen der Religion und der neuen Literatur, dass bereits Ennius diese notorisch destruktiven Epicharmischen und Euhemeristischen Schriften ins Lateinische uebertrug. Die Uebersetzer moegen vor der roemischen Polizei sich damit gerechtfertigt haben, dass die Angriffe sich nur gegen die griechischen und nicht gegen die latinischen Goetter wandten; aber die Ausrede war ziemlich durchsichtig. In seinem Sinne hatte Cato ganz recht, diese Tendenzen, wo immer sie ihm vorkamen, ohne Unterschied mit der ihm eigenen Bitterkeit zu verfolgen und auch den Sokrates einen Sittenverderber und Religionsfrevler zu heissen.
So ging es mit der alten Landesreligion zusehends auf die Neige; und wie man die maechtigen Staemme des Urwaldes rodete, bedeckte sich der Boden mit wucherndem Domgestruepp und bis dahin nicht gesehenem Unkraut. Inlaendischer Aberglaube und auslaendische Afterweisheit gingen buntscheckig durch-, neben- und gegeneinander. Kein italischer Stamm blieb frei von der Umwandlung alten Glaubens in neuen Aberglauben. Wie bei den Etruskern die Gedaerme- und Blitzweisheit, so stand bei den Sabellern, besonders den Marsern, die freie Kunst des Vogelguckens und Schlangenbeschwoerens in ueppigem Flor. Sogar bei der latinischen Nation, ja in Rom selbst begegnen, obwohl hier verhaeltnismaessig am wenigsten, doch auch aehnliche Erscheinungen - so die praenestinischen Spruchlose und in Rom im Jahre 573 (181) die merkwuerdige Entdeckung des Grabes und der hinterlassenen Schriften des Koenigs Numa, welche ganz unerhoerten und seltsamen Gottesdienst vorgeschrieben haben sollen. Mehr als dies und dass die Buecher sehr neu ausgesehen haetten, erfuhren die Glaubensdurstigen zu ihrem Leidwesen nicht; denn der Senat legte die Hand auf den Schatz und liess die Rollen kurzweg ins Feuer werfen. Die inlaendische Fabrikation reichte also vollkommen aus, um jeden billigerweise zu verlangenden Bedarf von Unsinn zu decken; allein man war weit entfernt, sich daran genuegen zu lassen. Der damalige, bereits denationalisierte und von orientalischer Mystik durchdrungene Hellenismus brachte wie den Unglauben so auch den Aberglauben in seinen aergerlichsten und gefaehrlichsten Gestaltungen nach Italien, und eben als auslaendischer hatte dieser Schwindel noch einen ganz besonderen Reiz. Die chaldaeischen Astrologen und Nativitaetensteller waren schon im sechsten Jahrhundert durch ganz Italien verbreitet; noch weit bedeutender aber, ja weltgeschichtlich epochemachend war die Aufnahme der phrygischen Goettermutter unter die oeffentlich anerkannten Goetter der roemischen Gemeinde, zu der die Regierung waehrend der letzten bangen Jahre des Hannibalischen Krieges (550 204) sich hatte verstehen muessen. Es ging deswegen eine eigene Gesandtschaft nach Pessinus, einer Stadt des kleinasiatischen Keltenlandes, und der raube Feldstein, den die dortige Priesterschaft als die richtige Mutter Kybele den Fremden freigebig verehrte, ward mit unerhoertem Gepraenge von der Gemeinde eingeholt, ja es wurden zur ewigen Erinnerung an das froehliche Ereignis unter den hoeheren Staenden Klubgesellschaften mit umgehender Bewirtung der Mitglieder untereinander gestiftet, welche das beginnende Cliquentreiben wesentlich gefoerdert zu haben scheinen. Mit der Konzessionierung dieses Kybelekultes fusste die Gottesverehrung der Orientalen offiziell Fuss in Rom, und wenn auch die Regierung noch streng darauf hielt, dass die Kastratenpriester der neuen Goetter Kelten (Galli), wie sie hiessen, auch blieben und noch kein roemischer Buerger zu diesem frommen Eunuchentum sich hergab, so musste dennoch der wueste Apparat der “Grossen Mutter”, diese, mit dem Obereunuchen an der Spitze unter fremdlaendischer Musik von Pfeifen und Pauken in orientalischer Kleiderpracht durch die Gassen aufziehende und von Haus zu Haus bettelnde Priesterschaft und das ganze sinnlich-moenchische Treiben vom wesentlichsten Einfluss auf die Stimmung und Anschauung des Volkes sein. Wohin das fuehrte, zeigte sich nur zu rasch und nur zu schrecklich. Wenige Jahre spaeter (568 186) kam eine Muckerwirtschaft der scheusslichsten Art bei den roemischen Behoerden zur Anzeige, eine geheime naechtliche Feier zu Ehren des Gottes Bakchos, die durch einen griechischen Pfaffen zuerst nach Etrurien gekommen war und, wie ein Krebsschaden um sich fressend, sich rasch nach Rom und ueber ganz Italien verbreitet, ueberall die Familien zerruettet und die aergsten Verbrechen, unerhoerte Unzucht, Testamentsfaelschungen, Giftmorde hervorgerufen hatte. Ueber 7000 Menschen wurden deswegen kriminell, grossenteils mit dem Tode bestraft und strenge Vorschriften fuer die Zukunft erlassen; dennoch gelang es nicht, der Wirtschaft Herr zu werden, und sechs Jahre spaeter (574 180) klagte der betreffende Beamte, dass wieder 3000 Menschen verurteilt seien und noch kein Ende sich absehen lasse.
Natuerlich waren in der Verdammung dieser ebenso unsinnigen wie gemeinschaedlichen Afterfroemmigkeit alle vernuenftigen Leute sich einig; die altglaeubigen Frommen wie die Angehoerigen der hellenischen Aufklaerung trafen hier im Spott wie im Aerger zusammen. Cato setzte seinem Wirtschafter in die Instruktion, “dass er ohne Vorwissen und Auftrag des Herrn kein Opfer darbringen noch fuer sich darbringen lassen solle ausser an dem Hausherd und am Flurfest auf dem Fluraltar, und dass er nicht sich Rats erholen duerfe weder bei einem Eingeweidebeschauer noch bei einem klugen Mann noch bei einem Chaldaeer”. Auch die bekannte Frage, wie nur der Priester es anfange, das Lachen zu verbeissen, wenn er seinem Kollegen begegne, ist ein Catonisches Wort und urspruenglich auf den etruskischen Gedaermebetrachter angewandt worden. Ziemlich in demselben Sinn schilt Ennius in echt euripideischem Stil auf die Bettelpropheten und ihren Anhang:
Diese aberglaeubischen Pfaffen, dieses freche Prophetenpack,
Die verrueckt und die aus Faulheit, die gedraengt von Hungerpein,
Wollen andern Wege weisen, die sie sich nicht finden aus,
Schenken Schaetze dem, bei dem sie selbst den Pfennig betteln gehn.