Aber innerhalb dieser von Sitte und Polizei eng und peinlich gezogenen Schranken ging der Poesie der Atem aus. Nicht mit Unrecht mochte Naevius die Lage des Dichters unter dem Szepter der Lagiden und Seleukiden, verglichen mit derjenigen in dem freien Rom, beneidenswert nennen ^14. Der Erfolg im einzelnen ward natuerlich bestimmt durch die Beschaffenheit des eben vorliegenden Originals und das Talent des einzelnen Bearbeiters; doch muss bei aller individuellen Verschiedenheit dies ganze Uebersetzungsrepertoire in gewissen Grundzuegen uebereingestimmt haben, insofern saemtliche Lustspiele denselben Bedingungen der Auffuehrung und demselben Publikum angepasst wurden. Durchgaengig war die Behandlung im ganzen wie im einzelnen im hoechsten Grade frei; und sie musste es wohl sein. Wenn die Originalstuecke vor derselben Gesellschaft spielten, die sie kopierten, und eben hierin ihr hauptsaechlichster Reiz lag, so war das roemische Publikum dieser Zeit von dem attischen so verschieden, dass es jene auslaendische Welt nicht einmal imstande war recht zu verstehen. Von dem haeuslichen Leben der Hellenen fasste der Roemer weder die Anmut und Humanitaet noch die Sentimentalitaet und die uebertuenchte Leere. Die Sklavenwelt war eine voellig andere; der roemische Sklave war ein Stueck Hausrat, der attische ein Bedienter - wo Sklavenehen vorkommen, oder der Herr mit dem Sklaven ein humanes Gespraech fuehrt, erinnern die roemischen Uebersetzer ihr Publikum daran, sich an dergleichen in Athen gewoehnliche Dinge nicht zu stossen ^15; und als man spaeter Lustspiele in roemischem Kostuem zu schreiben anfing, musste die Rolle des pfiffigen Bedienten herausgeworfen werden, weil das roemische Publikum solche, ihre Herren uebersehende und gaengelnde Sklaven nicht vertrug. Eher als die feinen Alltagsfiguren hielten die an sich derber und possenhafter zugeschnittenen Staende- und Charakterbilder die Uebertragung aus; aber auch von diesen musste doch der roemische Bearbeiter manche und wahrscheinlich eben die feinsten und originellsten, wie zum Beispiel die Thais, die Hochzeitskoechin, die Mondbeschwoererin, den Bettelpfaffen Menanders, ganz liegen lassen und sich vorwiegend an diejenigen auslaendischen Gewerbe halten, mit welchen der bereits sehr allgemein in Rom verbreitete griechische Tafelluxus sein Publikum vertraut gemacht hatte. Wenn der Kochkuenstler und der Spassmacher in dem Plautinischen Lustspiel mit so auffallender Vorliebe und Lebendigkeit geschildert sind, so liegt der Schluessel dazu darin, dass griechische Koeche ihre Dienste schon damals auf dem roemischen Markt taeglich ausboten und dass Cato das Verbot, einen Spassmacher zu halten, sogar seinem Wirtschafter in die Instruktion zu setzen noetig fand. In gleicher Weise konnte der Uebersetzer von der eleganten attischen Konversation seiner Originale einen sehr grossen Teil nicht brauchen. Zu der raffinierten Kneip- und Bordellwirtschaft Athens stand der roemische Buerger- und Bauersmann ungefaehr wie der deutsche Kleinstaedter zu den Mysterien des Palais Royal. Die eigentliche Kuechengelehrsamkeit ging nicht in seinen Kopf; die Esspartien blieben freilich auch in der roemischen Nachbildung sehr zahlreich, aber ueberall dominiert ueber die mannigfaltige Baeckerei und die raffinierten Saucen und Fischgerichte der derbe roemische Schweinebraten. Von den Raetselreden und Trinkliedern, von der griechischen Rhetorik und Philosophie, die in den Originalen eine so grosse Rolle spielten, begegnet in der Bearbeitung nur hier und da eine verlorene Spur.

—————————————————————-

^14 Etwas anderes kann die merkwuerdige Stelle in dem ‘Maedel von Tarent’ nicht bedeuten:

Was im Theater hier mir gerechten Beifall fand,

Dass das kein Koenig irgend anzufechten wagt -

Wie viel besser als hier der Freie hat’s darin der Knecht!

^15 Wie das moderne Hellas ueber Sklaventum dachte, kann man zum Beispiel bei Euripides (Ion. 854; vgl. Hel. 728) sehen:

Dem Sklaven bringt das eine einzig Schande nur:

Der Name; in allem andern ist nicht schlechter als

Der freie Mann der Sklave, welcher brav sich fuehrt.