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Die Verwuestung, welche die roemischen Bearbeiter durch die Ruecksicht auf ihr Publikum in den Originalen anzurichten genoetigt waren, draengte sie unvermeidlich in eine Weise des Zusammenstreichens und Durcheinanderwerfens hinein, mit der keine kuenstlerische Komposition sich vertrug. Es war gewoehnlich, nicht bloss ganze Rollen des Originals herauszuwerfen, sondern auch dafuer andere aus anderen Lustspielen desselben oder auch eines anderen Dichters wieder einzustuecken; was freilich bei der aeusserlich rationellen Komposition der Originale und ihren stehenden Figuren und Motiven nicht voellig so arg war, wie es scheint. Es gestatteten ferner wenigstens in der aelteren Zeit sich die Dichter hinsichtlich der Komposition die seltsamsten Lizenzen. Die Handlung des sonst so vortrefflichen ‘Stichus’ (aufgefuehrt 554 200) besteht darin, dass zwei Schwestern, welche der Vater veranlassen moechte, sich von ihren abwesenden Ehemaennern zu scheiden, die Penelopen spielen, bis die Maenner mit reichem Kaufmannsgewinn und als Praesent fuer den Schwiegervater mit einem huebschen Maedchen wieder nach Hause kommen. In der ‘Casina’, die bei dem Publikum ganz besonders Glueck machte, kommt die Braut, von der das Stueck heisst und um die es sich dreht, gar nicht zum Vorschein, und die Aufloesung wird ganz naiv als “spaeter drinnen vor sich gehend” vom Epilog erzaehlt. Ueberhaupt wird sehr oft die Verwicklung ueber das Knie gebrochen, ein angesponnener Faden fallengelassen und was dergleichen Zeichen einer unfertigen Kunst mehr sind. Die Ursache hiervon ist wahrscheinlich weit weniger in der Ungeschicklichkeit der roemischen Bearbeiter zu suchen als in der Gleichgueltigkeit des roemischen Publikums gegen die aesthetischen Gesetze. Allmaehlich indes bildete sich der Geschmack. In den spaeteren Stuecken hat Plautus offenbar mehr Sorgfalt auf die Komposition gewendet und ‘Die Gefangenen’ zum Beispiel, der ‘Luegenbold’, ‘Die beiden Bacchis’ sind in ihrer Art meisterhaft gefuehrt; seinem Nachfolger Caecilius, von dem wir keine Stuecke mehr besitzen, wird es nachgeruehmt, dass er sich vorzugsweise durch die kunstmaessigere Behandlung des Sujets auszeichnete.
In der Behandlung des einzelnen fuehren das Bestreben des Poeten, seinen roemischen Zuhoerern die Dinge moeglichst vor die Augen zu bringen, und die Vorschrift der Polizei, die Stuecke auslaendisch zu halten, die wunderlichsten Kontraste herbei. Die roemischen Goetter, die sakralen, militaerischen, juristischen Ausdruecke der Roemer, nehmen sich seltsam aus in der griechischen Welt; bunt durcheinander gehen die roemischen Aedilen und Dreiherren mit den Agoranomen und Demarchen; in Aetolien oder Epidamnos spielende Stuecke schicken den Zuschauer ohne Bedenken nach dem Velabrum und dem Kapitol. Schon eine solche klecksartige Aufsetzung der roemischen Lokaltoene auf den griechischen Grund ist eine Barbarisierung; aber diese in ihrer naiven Art oft sehr spasshaften Interpolationen sind weit ertraeglicher als die durchgaengige Umstimmung der Stuecke ins Rohe, welche bei der keineswegs attischen Bildung des Publikums den Bearbeitern notwendig schien. Freilich mochten schon von den neuattischen Poeten manche in der Ruepelhaftigkeit keiner Nachhilfe beduerfen; Stuecke wie die Plautinische ‘Eselskomoedie’ werden ihre unuebertreffliche Plattheit und Gemeinheit nicht erst dem Uebersetzer verdanken. Aber es walten doch in den roemischen Komoedien die rohen Motive in einer Weise vor, dass die Uebersetzer hierin entweder interpoliert oder mindestens sehr einseitig kompiliert haben muessen. In der unendlichen Pruegelfuelle und der stets ueber dem Ruecken der Sklaven schwebenden Peitsche erkennt man deutlich das catonische Hausregiment, sowie die catonische Opposition gegen die Frauen in dem nimmer endenden Heruntermachen der Weiber. Unter den Spaessen eigener Erfindung, mit welchen die roemischen Bearbeiter die elegante attische Konversation zu wuerzen fuer gut befunden haben, finden sich manche von einer kaum glaublichen Gedankenlosigkeit und Roheit ^16.
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^16 So ist zum Beispiel in das sonst sehr artige Examen, welches in dem Plautinischen ‘Stichus’ der Vater mit seinen Toechtern ueber die Eigenschaften einer guten Ehefrau anstellt, die ungehoerige Frage eingelegt, ob es besser sei, eine Jungfrau oder eine Witwe zu heiraten, bloss um darauf mit einem nicht minder ungehoerigen und im Munde der Sprecherin geradezu unsinnigen Gemeinplatz gegen die Frauen zu antworten. Aber das ist Kleinigkeit gegen den folgenden Fall. In Menanders ‘Halsband’ klagt ein Ehemann dem Freunde seine Not:
A: Ich freite die reiche Erbin Lamia, du weisst
Es doch? - B: Ja freilich. - A: Sie, der dieses Haus gehoert
Und die Felder und alles andre hier umher. Sie duenkt,
Gott weiss es! von allem Ungemach das aergste uns;
Zur Last ist sie all’ und jedem, nicht bloss mir allein,