Himmelsgoetter freilich gibt es, sagt’ ich sonst und sag’ ich noch;

Doch sie kuemmern keinesweges, mein’ ich, sich um der Menschen Los,

Sonst ging’s gut den Guten, schlecht den Boesen; doch dem ist nicht so.

wundert man sich fast, dass sie die roemische Buehnenzensur passierten. Dass Ennius in einem eigenen Lehrgedicht dieselbe Irreligiositaet wissenschaftlich predigte, ward schon bemerkt; und offenbar ist es ihm mit dieser Aufklaerung Herzenssache gewesen. Dazu stimmt vollkommen die hier und da hervortretende radikal gefaerbte politische Opposition ^27, die Verherrlichung der griechischen Tafelfreuden, vor allem die Vernichtung des letzten nationalen Elements in der lateinischen Poesie, des saturnischen Masses, und dessen Ersetzung durch den griechischen Hexameter. Dass der “vielgestaltige” Poet alle diese Aufgaben mit gleicher Sauberkeit ausfuehrte, dass er der keineswegs daktylisch angelegten Sprache den Hexameter abrang und ohne den natuerlichen Fluss der Rede zu hemmen sich mit Sicherheit und Freiheit in den ungewohnten Massen und Formen bewegte, zeugt von seinem ungemeinen, in der Tat mehr griechischen als roemischen Formtalent ^28; wo man bei ihm anstoesst, verletzt viel haeufiger griechische Sprachdiftelei ^29 als roemische Roheit. Er war kein grosser Dichter, aber ein anmutiges und heiteres Talent, durchaus eine lebhaft anempfindende poetische Natur, die freilich des poetischen Kothurnes bedurfte, um sich als Dichter zu fuehlen, und der die komische Ader vollstaendig abging. Man begreift den Stolz, womit der hellenisierende Poet auf die rauhen Weisen herabsieht, “in denen die Waldgeister und die Barden ehemals sangen”, und die Begeisterung, womit er die eigene Kunstpoesie feiert:

Heil Dichter Ennius! welcher du den Sterblichen

Das Feuerlied kredenzest aus der tiefen Brust.

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^24 Zur Vergleichung stehe hier der Anfang der Euripideischen und der Ennianischen ‘Medeia’:

Είθ' ώφελ' Αργούς διασπάσθαι σκάφος

Κόλχων ες αίαν κυανέας Συπληγάδας