Bis in die Zeit des Hannibalischen Krieges gab es in Rom eine Geschichtschreibung nicht; denn die Anzeichnungen des Stadtbuchs gehoerten zu den Akten, nicht zu der Literatur, und verzichteten von Haus aus auf jede Entwicklung des Zusammenhanges der Dinge. Es ist bezeichnend fuer die Eigentuemlichkeit des roemischen Wesens, dass trotz der weit ueber die Grenzen Italiens ausgedehnten Macht der roemischen Gemeinde und trotz der stetigen Beruehrung der vornehmen roemischen Gesellschaft mit den literarisch so fruchtbaren Griechen dennoch nicht vor der Mitte des sechsten Jahrhunderts das Beduerfnis sich regte, die Taten und Geschicke der roemischen Buergerschaft auf schriftstellerischem Wege zur Kunde der Mit- und Nachwelt zu bringen. Als nun aber dies Beduerfnis endlich empfunden ward, fehlte es fuer die roemische Geschichte an fertigen schriftstellerischem Formen und an einem fertigen Lesepublikum; und grosses Talent und laengere Zeit waren erforderlich, um beide zu erschaffen. Zunaechst wurden daher diese Schwierigkeiten gewissermassen umgangen dadurch, dass man die Landesgeschichte entweder in der Muttersprache, aber in Versen, oder in Prosa, aber griechisch schrieb. Von den metrischen Chroniken des Naevius (geschrieben um 550? 204) und Ennius (geschrieben um 581 173) ist schon die Rede gewesen; sie gehoeren zugleich zu der aeltesten historischen Literatur der Roemer, ja die des Naevius darf als das ueberhaupt aelteste roemische Geschichtswerk angesehen werden. Ungefaehr gleichzeitig entstanden die griechischen Geschichtsbuecher des Quintus Fabius Pictor ^32 (nach 553 201), eines waehrend des Hannibalischen Krieges in Staatsgeschaeften taetigen Mannes aus vornehmem Geschlecht, und des Sohnes des Scipio Africanus, Publius Scipio († um 590 164). Dort also bediente man sich der bis zu einem gewissen Grade bereits entwickelten Dichtkunst und wandte sich an das nicht gaenzlich mangelnde poetische Publikum; hier fand man die fertigen griechischen Formen vor und richtete die Mitteilungen, wie schon das weit hinaus ueber die Grenzen Latiums sich erstreckende stoffliche Interesse derselben es nahelegte, zunaechst an das gebildete Ausland. Den ersten Weg schlugen die plebejischen, den zweiten die vornehmeren Schriftsteller ein; eben wie in der Zeit Friedrichs des Grossen neben der vaterlaendischen Pastoren- und Professorenschriftstellerei eine aristokratische Literatur in franzoesischer Sprache stand und die Gleim und Ramler deutsche Kriegslieder, die Koenige und Feldherren franzoesische Kriegsgeschichten verfassten. Weder die metrischen Chroniken, noch die griechischen roemischer Verfasser waren eine eigentliche lateinische Geschichtschreibung; diese begann erst mit Cato, dessen nicht vor dem Schluss dieser Epoche publizierte ‘Ursprungsgeschichten’ zugleich das aelteste lateinisch geschriebene Geschichts- und das erste bedeutende prosaische Werk der roemischen Literatur sind ^33.
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^32 Die griechische Abfassung dieses aeltesten prosaischen roemischen Geschichtswerkes ist durch Dionys (1, 6) und Cicero (div. 1, 27 , 43) ausser Zweifel gestellt. Ein Problem bleiben die unter demselben Namen von Quintilian und spaeteren Grammatikern angefuehrten lateinischen Annalen, und es wird die Schwierigkeit noch dadurch gesteigert, dass unter demselben Namen auch eine sehr ausfuehrliche Darstellung des pontifizischen Rechts in lateinischer Sprache angefuehrt wird. Indes die letztere Schrift wird von keinem, der die Entwicklung der roemischen Literatur im Zusammenhang verfolgt hat, einem Verfasser aus der Zeit des Hannibalischen Krieges beigelegt werden; und auch lateinische Annalen aus dieser Zeit erscheinen problematisch, obwohl es dahingestellt bleiben muss, ob hier eine Verwechslung mit dem juengeren Annalisten Quintus Fabius Maximus Servilianus (Konsul 612 142) obwaltet, oder ob von den griechischen Annalen des Fabius wie von denen des Acilius und des Albinus eine alte lateinische Bearbeitung existiert, oder ob es zwei Annalisten des Namens Fabius Pictor gegeben hat.
Das dem Lucius Cincius Alimentus, einem Zeitgenossen des Fabius, beigelegte, ebenfalls griechische Geschichtswerk scheint untergeschoben und ein Machwerk aus augustischer Zeit.
^33 Catos gesamte literarische Taetigkeit gehoert erst in sein Greisenalter (Cic. Cat. 11 38; Nep. Cato 3); die Abfassung auch der frueheren Buecher der ‘Ursprungsgeschichten’ faellt nicht vor, aber wahrscheinlich auch nicht lange nach 586 (168) (Plin. nat. 3, 14, 114).
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Alle diese Werke waren freilich nicht im Sinne der Griechen ^34, wohl aber im Gegensatz zu der rein notizenhaften Fassung des Stadtbuchs pragmatische Geschichten von zusammenhaengender Erzaehlung und mehr oder minder geordneter Darstellung. Sie umfassten, soviel wir sehen saemtlich, die Landesgeschichte von der Erbauung Roms bis auf die Zeit des Schreibers, obwohl dem Titel nach das Werk des Naevius nur den ersten Krieg mit Karthago, das Catos nur die Ursprungsgeschichten betraf; danach zerfielen sie von selbst in die drei Abschnitte der Sagenzeit, der Vor- und der Zeitgeschichte. Bei der Sagenzeit war fuer die Entstehungsgeschichte der Stadt Rom, die ueberall mit grosser Ausfuehrlichkeit dargestellt ward, die eigentuemliche Schwierigkeit zu ueberwinden, dass davon, wie frueher ausgefuehrt ward, zwei voellig unvereinbare Fassungen vorlagen: die nationale, welche wenigstens in den Hauptumrissen wahrscheinlich schon im Stadtbuch schriftlich fixiert war, und die griechische des Timaeos, die diesen roemischen Chronikschreibern nicht unbekannt geblieben sein kann. Jene sollte Rom an Alba, diese Rom an Troia anknuepfen; dort ward es also von dem albanischen Koenigssohn Romulus, hier von dem troischen Fuersten Aeneas erbaut. Der gegenwaertigen Epoche, wahrscheinlich entweder dem Naevius oder dem Pictor, gehoert die Verklitterung der beiden Maerchen an. Der albanische Koenigssohn Romulus bleibt der Gruender Roms, aber wird zugleich Aeneas Tochtersohn; Aeneas gruendet Rom nicht, bringt aber dafuer die roemischen Penaten nach Italien und erbaut diesen zum Sitze Lavinium, sein Sohn Ascanius die Mutterstadt von Rom und die alte Metropole Latiums, das Lange Alba. Das alles war recht uebel und ungeschickt erfunden. Dass die urspruenglichen Penaten Roms nicht, wie man bisher geglaubt, in ihrem Tempel am roemischen Markte, sondern in dem zu Lavinium aufbewahrt seien, musste dem Roemer ein Greuel sein, und die griechische Dichtung kam noch schlimmer weg, indem die Goetter erst dem Enkel verliehen, was sie dem Ahn zugeschieden hatten. Indes die Redaktion genuegte ihrem Zweck: ohne geradezu den nationalen Ursprung Roms zu verleugnen, trug sie doch auch der hellenisierenden Tendenz Rechnung und legalisierte einigermassen das in dieser Zeit bereits stark im Schwunge gehende Kokettieren mit dem Aeneadentum; und so wurde dies die stereotype und bald die offizielle Ursprungsgeschichte der maechtigen Gemeinde.
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^34 Offenbar im Gegensatz gegen Fabius hebt Polybios (40, 6, 4) es hervor, dass der Graecomane Albinus sich Muehe gegeben habe, seine Geschichte pragmatisch zu schreiben.
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