Von der Ursprungsfabel abgesehen, hatten im uebrigen die griechischen Historiographen sich um die roemische Gemeinde wenig oder gar nicht gekuemmert, so dass die weitere Darstellung der Landesgeschichte vorwiegend aus einheimischen Quellen geflossen sein muss, ohne dass in der uns zugekommenen duerftigen Kunde mit Bestimmtheit auseinander traete, welcherlei Ueberlieferungen ausser dem Stadtbuch den aeltesten Chronisten zu Gebote gestanden und was sie etwa von dem Ihrigen hinzugetan haben. Die aus Herodot eingelegten Anekdoten ^35 sind diesen aeltesten Annalisten wohl noch fremd gewesen und eine unmittelbare Entlehnung griechischen Stoffes in diesem Abschnitt nicht nachweisbar. Um so bemerkenswerter ist die ueberall, selbst bei dem Griechenfeind Cato, mit grosser Bestimmtheit hervortretende Tendenz, nicht bloss Rom an Hellas anzuknuepfen, sondern Italiker und Griechen als ein urspruenglich gleiches Volk darzustellen - hierher gehoeren die aus Griechenland eingewanderten Uritaliker oder Aboriginer sowie die nach Italien wandernden Urgriechen oder Pelasger.

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^35 So ist die Geschichte der Belagerung von Gabii aus Herodotischen Anekdoten von Zopyros und dem Tyrannen Thrasybulos zusammengeschrieben, eine Version der Aussetzungsgeschichte des Romulus, ueber den Leisten der Herodotischen Erzaehlung von Kyros’ Jugend geschlagen.

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Die landlaeufige Erzaehlung fuehrte in einem, wenn auch schwach und lose geknuepften Faden, doch einigermassen zusammenhaengend durch die Koenigszeit bis hinab auf die Einsetzung der Republik; hier aber versiegte die Sage ganz, und es war nicht bloss schwierig, sondern wohl geradezu unmoeglich, aus den Beamtenverzeichnissen und den ihnen angehaengten duerftigen Vermerken eine irgendwie zusammenhaengende und lesbare Erzaehlung zu gestalten. Am meisten empfanden dies die Dichter. Naevius scheint deshalb von der Koenigszeit sogleich auf den Krieg um Sizilien uebergegangen zu sein; Ennius, der im dritten seiner achtzehn Buecher noch die Koenigszeit, im sechsten schon den Krieg mit Pyrrhos beschrieb, kann die ersten zwei Jahrhunderte der Republik hoechstens in den allgemeinsten Umrissen behandelt haben. Wie die griechisch schreibenden Annalisten sich geholfen haben, wissen wir nicht. Einen eigentuemlichen Weg schlug Cato ein. Auch er verspuerte keine Lust, wie er selber sagt, “zu berichten, was auf der Tafel im Hause des Oberpriesters steht: wie oft der Weizen teuer gewesen und wann Mond und Sonne sich verfinstert haetten”; und so bestimmte er denn das zweite und dritte Buch seines Geschichtswerkes fuer die Berichte ueber die Entstehung der uebrigen italischen Gemeinden und deren Eintritt in die roemische Eidgenossenschaft. Er machte sich also los aus den Fesseln der Chronik, welche Jahr fuer Jahr nach Voranstellung der jedesmaligen Beamten die Ereignisse berichtet; namentlich hierher wird die Angabe gehoeren, dass Catos Geschichtswerk die Vorgaenge “abschnittsweise” erzaehlte. Diese in einem roemischen Werke auffallende Beruecksichtigung der uebrigen italischen Gemeinden griff teils in die oppositionelle Stellung des Verfassers ein, welcher gegen das hauptstaedtische Treiben sich durchaus auf das munizipale Italien stuetzte, teils gewaehrte sie einen gewissen Ersatz fuer die mangelnde Geschichte Roms von der Vertreibung des Koenigs Tarquinius bis auf den Pyrrhischen Krieg, indem sie deren wesentliches Ergebnis, die Einigung Italiens unter Rom, in ihrer Art gleichfalls darstellte.

Dagegen die Zeitgeschichte wurde wiederum zusammenhaengend und eingehend behandelt: nach eigener Kunde schilderten Naevius den ersten, Fabius den zweiten Krieg mit Karthago; Ennius widmete wenigstens dreizehn von den achtzehn Buechern seiner Chronik der Epoche von Pyrrhos bis auf den Istrischen Krieg; Cato erzaehlte im vierten und fuenften Buche seines Geschichtswerkes die Kriege vom Ersten Punischen bis auf den mit Perseus und in den beiden letzten, wahrscheinlich anders und ausfuehrlicher angelegten die Ereignisse aus den letzten zwanzig Lebensjahren des Verfassers. Fuer den Pyrrhischen Krieg mag Ennius den Timaeos oder andere griechische Quellen benutzt haben; im ganzen aber beruhten die Berichte teils auf eigener Wahrnehmung oder Mitteilungen von Augenzeugen, teils einer auf dem andern.

Gleichzeitig mit der historischen und gewissermassen als ein Anhang dazu begann die Rede- und Briefliteratur, welche ebenfalls Cato eroeffnet - denn aus der frueheren Zeit besass man nichts als einige, meistenteils wohl erst in spaeterer Zeit aus den Familienarchiven an das Licht gezogene Leichenreden, wie zum Beispiel diejenige, die der alte Quintus Fabius, der Gegner Hannibals, als Greis seinem im besten Mannesalter verstorbenen Sohn gehalten hatte. Cato dagegen zeichnete von den unzaehligen Reden, die er waehrend seiner langen und taetigen oeffentlichen Laufbahn gehalten, die geschichtlich wichtigen in seinem Alter auf, gewissermassen als politische Memoiren, und machte sie teils in seinem Geschichtswerk, teils, wie es scheint, als selbstaendige Nachtraege dazu, bekannt. Auch eine Briefsammlung hat es von ihm schon gegeben.

Mit der nichtroemischen Geschichte befasste man sich wohl insoweit, als eine gewisse Kenntnis derselben dem gebildeten Roemer nicht mangeln durfte; schon von dem alten Fabius heisst es, dass ihm nicht bloss die roemischen, sondern auch die auswaertigen Kriege gelaeufig gewesen, und dass Cato den Thukydides und die griechischen Historiker ueberhaupt fleissig las, ist bestimmt bezeugt. Allein wenn man von der Anekdoten- und Spruchsammlung absieht, welche Cato als Fruechte dieser Lektuere fuer sich zusammenstellte, ist von einer schriftstellerischen Taetigkeit auf diesem Gebiet nichts wahrzunehmen.

Dass durch diese beginnende historische Literatur insgesamt eine harmlose Unkritik durchgeht, versteht sich von selbst; weder Schriftsteller noch Leser nahmen an inneren oder aeusseren Widerspruechen leicht Anstoss. Koenig Tarquinius der Zweite, obwohl bei dem Tode seines Vaters schon erwachsen und neununddreissig Jahre nach demselben zur Regierung gelangend, besteigt nichtsdestoweniger noch als Juengling den Thron. Pythagoras, der etwa ein Menschenalter vor Vertreibung der Koenige nach Italien kam, gilt den roemischen Historikern darum nicht minder als Freund des weisen Numa. Die im Jahre 262 (492) der Stadt nach Syrakus geschickten Staatsboten verhandeln dort mit dem aelteren Dionysios, der sechsundachtzig Jahre nachher (348 406) den Thron bestieg. Vornehmlich tritt diese naive Akrisie hervor in der Behandlung der roemischen Chronologie. Da nach der - wahrscheinlich in ihren Grundzuegen schon in der vorigen Epoche festgestellten - roemischen Zeitrechnung die Gruendung Roms 240 Jahre vor die Einweihung des Kapitolinischen Tempels, 360 Jahre vor den gallischen Brand und das letztere, auch in griechischen Geschichtswerken erwaehnte Ereignis nach diesen in das Jahr des athenischen Archonten Pyrgion 388 v. Chr. (Ol. 98, 1) fiel, so stellt sich hiernach die Erbauung Roms auf Ol. 8, 1. Dieses war, nach der damals bereits als kanonisch geltenden Eratosthenischen Zeitrechnung, das Jahr nach Troias Fall 436; nichtsdestoweniger blieb in der gemeinen Erzaehlung der Gruender Roms der Tochtersohn des troischen Aeneas. Cato, der als guter Finanzmann hier nachrechnete, machte freilich in diesem Fall auf den Widerspruch aufmerksam; eine Aushilfe aber scheint auch er nicht vorgeschlagen zu haben - das spaeter zu diesem Zweck eingeschobene Verzeichnis der albanischen Koenige ruehrt sicher nicht von ihm her.

Dieselbe Unkritik, wie sie hier obwaltet, beherrschte bis zu einem gewissen Grade auch die Darstellung der historischen Zeit. Die Berichte trugen sicher ohne Ausnahme diejenige starke Parteifaerbung, wegen welcher der fabische ueber die Anfaenge des zweiten Krieges mit Karthago von Polybios mit der ihm eigenen kuehlen Bitterkeit durchgezogen wird. Das Misstrauen indes ist hier besser am Platz als der Vorwurf. Es ist einigermassen laecherlich, von den roemischen Zeitgenossen Hannibals ein gerechtes Urteil ueber ihre Gegner zu verlangen; eine bewusste Entstellung der Tatsachen aber, soweit der naive Patriotismus nicht von selber eine solche einschliesst, ist den Vaetern der roemischen Geschichte doch nicht nachgewiesen worden.