Auch von wissenschaftlicher Bildung und selbst von dahin einschlagender Schriftstellerei gehoeren die Anfaenge in diese Epoche. Der bisherige Unterricht hatte sich wesentlich auf Lesen und Schreiben und auf die Kenntnis des Landrechts beschraenkt ^36. Allmaehlich aber ging den Roemern in der innigen Beruehrung mit den Griechen der Begriff einer allgemeineren Bildung auf und regte sich das Bestreben, nicht gerade diese griechische Bildung unmittelbar nach Rom zu verpflanzen, aber doch nach ihr die roemische einigermassen zu modifizieren.

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^36 Plautus sagt (Most. 126) von den Eltern, dass sie die Kinder “lesen und die Rechte und Gesetze kennen lehren”; und dasselbe zeigt Plut. Cato mai. 20.

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Vor allen Dingen fing die Kenntnis der Muttersprache an sich zur lateinischen Grammatik auszubilden; die griechische Sprachwissenschaft uebertrug sich auf das verwandte italische Idiom. Die grammatische Taetigkeit begann ungefaehr gleichzeitig mit der roemischen Schriftstellerei. Schon um 520 (234) scheint ein Schreiblehrer Spurius Carvilius das lateinische Alphabet reguliert und dem ausserhalb desselben stehenden Buchstaben g (I, 487) den Platz des entbehrlich gewordenen z gegeben zu haben, welchen derselbe noch in den heutigen okzidentalischen Alphabeten behauptet. An der Feststellung der Rechtschreibung werden die roemischen Schulmeister fortwaehrend gearbeitet haben; und auch die lateinischen Musen haben ihre schulmeisterliche Hippokrene nie verleugnet und zu allen Zeiten neben der Poesie sich der Orthographie beflissen. Namentlich Ennius hat, auch hierin Klopstock gleich, nicht bloss das anklingende Etymologienspiel schon ganz in alexandrinischer Art geuebt ^37, sondern auch fuer die bis dahin uebliche einfache Bezeichnung der Doppelkonsonanten die genauere griechische Doppelschreibung eingefuehrt. Von Naevius und Plautus freilich ist nichts dergleichen bekannt - die volksmaessigen Poeten werden gegen Rechtschreibung und Etymologie auch in Rom sich so gleichgueltig verhalten haben, wie Dichter es pflegen.

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^37 So heisst ihm in den Epicharmischen Gedichten Jupiter davon quod invat, Ceres davon quod gerit fruges.

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Rhetorik und Philosophie blieben den Roemern dieser Zeit noch fern. Die Rede stand bei ihnen zu entschieden im Mittelpunkt des oeffentlichen Lebens, als dass der fremde Schulmeister ihr haette beikommen koennen; der echte Redner Cato goss ueber das alberne Isokrateische “ewig reden lernen und niemals reden koennen” die ganze Schale seines zornigen Spottes aus. Die griechische Philosophie, obwohl sie durch Vermittlung der lehrhaften und vor allem der tragischen Poesie einen gewissen Einfluss auf die Roemer gewann, wurde doch mit einer aus baeurischer Ignoranz und ahnungsvollem Instinkt gemischten Apprehension betrachtet. Cato nannte den Sokrates unverbluemt einen Schwaetzer und einen als Frevler an dem Glauben und den Gesetzen seiner Heimat mit Recht hingerichteten Revolutionaer; und wie selbst die der Philosophie geneigten Roemer von ihr dachten, moegen wohl die Worte des Ennius aussprechen:

Philosophieren will ich, doch kurz und nicht die ganze Philosophie;