Gut ist’s von ihr nippen, aber sich in sie versenken schlimm.

Dennoch duerfen die poetische Sittenlehre und die Anweisung zur Redekunst, die sich unter den Catonischen Schriften befanden, angesehen werden als die roemische Quintessenz oder, wenn man lieber will, das roemische Caput mortuum der griechischen Philosophie und Rhetorik. Die naechsten Quellen Catos waren fuer das Sittengedicht neben der selbstverstaendlichen Anpreisung der einfachen Vaetersitte vermutlich die Pythagoreischen Moralschriften, fuer das Rednerbuch die Thukydideischen und besonders die Demosthenischen Reden, welche alle Cato eifrig studierte. Von dem Geiste dieser Handbuecher kann man ungefaehr sich eine Vorstellung machen nach der goldenen, von den Nachfahren oefter angefuehrten als befolgten Regel fuer den Redner, “an die Sache zu denken und daraus die Worte sich ergeben zu lassen” ^38.

——————————————————————————-

^38 Rem tene, verba sequentur.

——————————————————————————-

Aehnliche allgemein propaedeutische Handbuecher verfasste Cato auch fuer die Heilkunst, die Kriegswissenschaft, die Landwirtschaft und die Rechtswissenschaft, welche Disziplinen alle ebenfalls mehr oder minder unter griechischem Einfluss standen. Wenn nicht die Physik und Mathematik, so fanden doch die damit zusammenhaengenden Nuetzlichkeitswissenschaften bis zu einem gewissen Grade Eingang in Rom. Am meisten gilt dies von der Medizin. Nachdem im Jahre 535 (219) der erste griechische Arzt, der Peloponnesier Archagathos in Rom sich niedergelassen und dort durch seine chirurgischen Operationen solches Ansehen erworben hatte, dass ihm von Staats wegen ein Lokal angewiesen und das roemische Buergerrecht geschenkt ward, stroemten seine Kollegen scharenweise nach Italien. Cato freilich machte nicht bloss die fremden Heilkuenstler mit einem Eifer herunter, der einer besseren Sache wuerdig war, sondern versuchte auch, durch sein aus eigener Erfahrung und daneben wohl auch aus der medizinischen Literatur der Griechen zusammengestelltes medizinisches Hilfsbuechlein die gute alte Sitte wieder emporzubringen, wo der Hausvater zugleich der Hausarzt war. Die Aerzte und das Publikum kuemmerten wie billig sich wenig um dieses eigensinnige Gekeife; doch blieb das Gewerbe, eines der eintraeglichsten, die es in Rom gab, Monopol der Auslaender, und Jahrhunderte lang hat es in Rom nur griechische Aerzte gegeben.

Von der barbarischen Gleichgueltigkeit, womit man bisher in Rom die Zeitmessung behandelt hatte, kam man wenigstens einigermassen zurueck. Mit der Aufstellung der ersten Sonnenuhr auf dem roemischen Markt im Jahre 491 (263) fing die griechische Stunde (ώρα, hora) auch bei den Roemern an gebraucht zu werden; freilich begegnete es dabei, dass man in Rom eine fuer das um vier Grade suedlicher liegende Katane gearbeitete Sonnenuhr aufstellte und ein Jahrhundert lang sich danach richtete. Gegen Ende dieser Epoche erscheinen einzelne vornehme Maenner, die sich fuer mathematische Dinge interessierten. Manius Acilius Glabrio (Konsul 563 191) versuchte der Kalenderverwirrung durch ein Gesetz zu steuern, das dem Pontifikalkollegium gestattete, nach Ermessen Schaltmonate einzulegen und wegzulassen; wenn dies seinen Zweck verfehlte, ja uebel aerger machte, so lag die Ursache davon wohl weniger in dem Unverstand als in der Gewissenlosigkeit der roemischen Theologen. Auch der griechisch gebildete Marcus Fulvius Nobilior (Konsul 565 189) gab sich Muehe wenigstens um allgemeine Kundmachung des roemischen Kalenders. Gaius Sulpicius Gallus (Konsul 588 166), der nicht bloss die Mondfinsternis von 586 (168) vorhergesagt, sondern auch ausgerechnet hatte, wie weit es von der Erde bis zum Monde sei und der selbst als astronomischer Schriftsteller aufgetreten zu sein scheint, wurde deshalb von seinen Zeitgenossen als ein Wunder des Fleisses und des Scharfsinnes angestaunt.

Dass fuer die Landwirtschaft und die Kriegskunst zunaechst die ererbte und die eigene Erfahrung massgebend war, versteht sich von selbst und spricht auch in derjenigen der zwei Catonischen Anleitungen zur Landwirtschaft, die auf unsere Zeit gekommen ist, sehr bestimmt sich aus. Dennoch fielen auch auf diesen untergeordneten eben wie in den hoeheren geistigen Gebieten die Resultate der griechischen und der lateinischen, ja selbst der phoenikischen Kultur zusammen und kann schon darum die einschlagende auslaendische Literatur nicht ganz unberuecksichtigt geblieben sein.

Dagegen gilt dasselbe nur in untergeordnetem Grade von der Rechtswissenschaft. Die Taetigkeit der Rechtsgelehrten dieser Zeit ging noch wesentlich auf in der Bescheidung der anfragenden Parteien und in der Belehrung der juengeren Zuhoerer; doch bildete in dieser muendlichen Unterweisung schon sich ein traditioneller Regelstamm und auch schriftstellerische Taetigkeit mangelt nicht ganz. Wichtiger als Catos kuerzer Abriss wurde fuer die Rechtswissenschaft das von Sextus Aelius Paetus, genannt der “Schlaue” (catus), welcher der erste praktische Jurist seiner Zeit war und infolge dieser seiner gemeinnuetzigen Taetigkeit zum Konsulat (556 198) und zur Zensur (560 194) emporstieg, veroeffentlichte sogenannte “dreiteilige Buch”, das heisst eine Arbeit ueber die Zwoelf Tafeln, welche zu jedem Satze derselben eine Erlaeuterung, hauptsaechlich wohl der veralteten und unverstaendlichen Ausdruecke, und das entsprechende Klagformular hinzufuegte. Wenn dabei in jener Glossierung der Einfluss der griechischen grammatischen Studien unleugbar hervortritt, so knuepfte die Klagformulierung vielmehr an die aeltere Sammlung des Appius und die ganze volkstuemliche und prozessualische Rechtsentwicklung an.

Im allgemeinen tritt der Wissenschaftsbestand dieser Epoche mit grosser Bestimmtheit hervor in der Gesamtheit jener von Cato fuer seinen Sohn aufgesetzten Handbuecher, die als eine Art Enzyklopaedie in kurzen Saetzen darlegen sollten, was ein “tuechtiger Mann” (vir bonus) als Redner, Arzt, Landwirt, Kriegsmann und Rechtskundiger sein muesse. Ein Unterschied zwischen propaedeutischen und Fachwissenschaften wurde noch nicht gemacht, sondern was von der Wissenschaft ueberhaupt notwendig und nuetzlich erschien, von jedem rechten Roemer gefordert. Ausgeschlossen ist dabei teils die lateinische Grammatik, die also damals noch nicht diejenige formale Entwicklung gehabt haben kann, welche der eigentliche wissenschaftliche Sprachunterricht voraussetzt, teils die Musik und der ganze Kreis der mathematischen und physischen Wissenschaften. Durchaus sollte in der Wissenschaft das unmittelbar Praktische, aber auch nichts als dies und dieses moeglichst kurz und schlicht zusammengefasst werden. Die griechische Literatur wurde dabei wohl benutzt, aber nur um aus der Masse von Spreu und Wust einzelne brauchbare Erfahrungssaetze zu gewinnen - “die griechischen Buecher muss man einsehen, aber nicht durchstudieren”, lautet einer von Catos Weidspruechen. So entstanden jene haeuslichen Not- und Hilfsbuecher, die freilich mit der griechischen Spitzfindigkeit und Unklarheit auch den griechischen Scharf- und Tiefsinn austrieben, aber eben dadurch fuer die Stellung der Roemer zu den griechischen Wissenschaften fuer alle Zeiten massgebend geworden sind.