So zog denn mit der Weltherrschaft zugleich Poesie und Literatur in Rom ein, oder, mit einem Dichter der ciceronischen Zeit zu reden:

Als wir Hannibal bezwungen, nahte mit beschwingtem Schritt

Der Quiriten hartem Volke sich die Mus’ im Kriegsgewand.

Auch in den sabellisch und etruskisch redenden Landschaften wird es gleichzeitig an geistiger Bewegung nicht gemangelt haben. Wenn Trauerspiele in etruskischer Sprache erwaehnt werden, wenn Tongefaesse mit oskischen Inschriften Bekanntschaft ihrer Verfertiger mit der griechischen Komoedie verraten, so draengt die Frage sich auf, ob nicht gleichzeitig mit Naevius und Cato auch am Arnus und Volturnus eine gleich der roemischen hellenisierende Literatur in der Bildung begriffen gewesen ist. Indes jede Kunde darueber ist verschollen, und die Geschichte kann hier nur die Luecke bezeichnen.

Die roemische Literatur, ueber die allein uns ein Urteil noch verstattet ist, wie problematisch ihr absoluter Wert dem Aesthetiker erscheinen mag, bleibt dennoch fuer denjenigen, der die Geschichte Roms erkennen will, von einzigem Wert als das Spiegelbild des inneren Geisteslebens Italiens in dem waffenklirrenden und zukunftsvollen sechsten Jahrhundert, in welchem die italische Entwicklung abschloss und das Land anfing einzutreten in die allgemeinere der antiken Zivilisation. Auch in ihr herrscht diejenige Zwiespaeltigkeit, die ueberall in dieser Epoche das Gesamtleben der Nation durchdringt und die Uebergangszeit charakterisiert. Ueber die Mangelhaftigkeit der hellenistisch-roemischen Literatur kann kein unbefangenes und durch den ehrwuerdigen Rost zweier Jahrtausende unbeirrtes Auge sich taeuschen. Die roemische Literatur steht neben der griechischen wie die deutsche Orangerie neben dem sizilischen Orangenwald; man kann an beiden sich erfreuen, aber nebeneinander sie auch nur zu denken, geht nicht an. Womoeglich noch entschiedener als von der roemischen Schriftstellerei in der fremden Sprache gilt dies von derjenigen in der Muttersprache der Latiner; zu einem sehr grossen Teil ist dieselbe gar nicht das Werk von Roemern, sondern von Fremdlingen, von Halbgriechen, Kelten, bald auch Afrikanern, die das Latein sich erst aeusserlich angeeignet hatten - unter denen, die in dieser Zeit als Dichter vor das Publikum traten, ist nicht bloss, wie gesagt, nicht ein nachweislich vornehmer Mann, sondern auch keiner, dessen Heimat erweislich das eigentliche Latium waere. Selbst die Benennung des Dichters ist auslaendisch; schon Ennius nennt sich mit Nachdruck einen Poeten ^39. Aber diese Poesie ist nicht bloss auslaendisch, sondern sie ist auch mit allen denjenigen Maengeln behaftet, welche da sich einfinden, wo die Schulmeister schriftstellern und der grosse Haufe das Publikum ausmacht. Es ist gezeigt worden, wie die Komoedie durch die Ruecksicht auf die Menge kuenstlerisch vergroebert wurde, ja in poebelhafte Roheit verfiel; es ist ferner gezeigt worden, dass zwei der einflussreichsten roemischen Schriftsteller zunaechst Schulmeister und erst folgeweise Poeten waren, und dass, waehrend die griechische erst nach dem Abbluehen der volkstuemlichen Literatur erwachsene Philologie nur am toten Koerper experimentierte, in Latium Begruendung der Grammatik und Grundlegung der Literatur, fast wie bei den heutigen Heidenmissionen, von Haus aus Hand in Hand gegangen sind. In der Tat, wenn man diese hellenistische Literatur des sechsten Jahrhunderts unbefangen ins Auge fasst, jene handwerksmaessige, jeder eigenen Produktivitaet bare Poesie, jene durchgaengige Nachahmung eben der flachsten Kunstgattungen des Auslandes, jenes Uebersetzungsrepertoire, jenen Wechselbalg von Epos, so fuehlt man sich versucht sie rein zu den Krankheitssymptomen dieser Epoche zu rechnen.

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^39 Vgl. 2, 445:

Enni poeta salve, qui mortalibus

Versus propinas flammeos medullitus.

Die Bildung des Namens poeta aus dem vulgar-griechischen ποητής statt ποιητής - wie επόησεν den attischen Toepfern gelaeufig war - ist charakteristisch. Uebrigens bezeichnet poeta technisch nur den Verfasser epischer und rezitativer Gedichte, nicht den Buehnendichter, welcher in dieser Zeit vielmehr scriba heisst (Fest. v. scriba, p. 333 M.).