In der eigentlichen Opposition, sowohl unter den liberalen Konservativen als unter den Popuhren, hatten die Stürme der Revolution mit erschreckender Gründlichkeit aufgeräumt. Unter jenen war der einzig übriggebliebene namhafte Mann Gaius Cotta (630 bis ca. 681 124 -73), der Freund und Bundesgenosse des Drusus und deswegen im Jahre 663 (91) verbannt, sodann durch Sullas Krieg zurückgeführt in die Heimat; er war ein kluger Mann und ein tüchtiger Anwalt, aber weder durch das Gewicht seiner Partei noch durch das seiner Persönlichkeit zu mehr berufen als zu einer achtbaren Nebenrolle. In der demokratischen Partei zog unter dem jungen Nachwuchs der vierundzwanzigjährige Gaius Iulius Caesar (geb. 12. Juli 652? 102) ^2 die Blicke von Freund und Feind auf sich. Seine Verschwägerung mit Marius und Cinna - seines Vaters Schwester war Marius’ Gemahlin gewesen, er selbst mit Cinnas Tochter vermählt -; die mutige Weigerung des kaum dem Knabenalter entwachsenen Jünglings, nach dem Befehl des Diktators seiner jungen Gemahlin Cornelia den Scheidebrief zuzusenden, wie es doch im gleichen Falle Pompeius getan; ein keckes Beharren auf dem ihm von Marius zugeteilten, von Sulla aber wieder aberkannten Priesteramt; seine Irrfahrten während der ihm drohenden und mühsam durch Fürbitte seiner Verwandten abgewandten Ächtung; seiner Tapferkeit in den Gefechten vor Mytilene und in Kilikien, die dem zärtlich erzogenen und fast weiblich stutzerhaften Knaben niemand zugetraut hatte; selbst die Warnungen Sullas vor dem “Knaben im Unterrock”, in dem mehr als ein Marius stecke - alles dies waren ebenso viele Empfehlungen in den Augen der demokratischen Partei. Indes an Caesar konnten doch nur Hoffnungen für die Zukunft sich knüpfen; und die Männer, die durch ihr Alter und ihre Stellung im Staat schon jetzt berufen gewesen sein würden, der Zügel der Partei und des Staates sich zu bemächtigen, waren sämtliche tot oder geächtet. So war die Führerschaft der Demokratie in Ermangelung eines wahrhaft Berufenen für jeden zu haben, dem es belieben mochte, sich zum Vertreter der unterdrückten Volksfreiheit aufzuwerfen; und in dieser Weise kam sie an Marcus Aemilius Lepidus, einen Sullaner, der aus mehr als zweideutigen Beweggründen überging in das Lager der Demokratie. Einst ein eifriger Optimat und stark beteiligt bei den über die Güter der Geächteten abgehaltenen Auktionen, hatte er als Statthalter von Sizilien die Provinz so arg geplündert, daß ihm eine Anklage drohte, und, um dieser zu entgehen, sich in die Opposition geworfen. Es war ein Gewinn von zweifelhaftem Werte. Zwar ein bekannter Name, ein vornehmer Mann, ein hitziger Redner auf dem Markt war damit der Opposition erworben; aber Lepidus war ein unbedeutender und unbesonnener Kopf, der weder im Rate noch im Felde verdiente, an der Spitze zu stehen. Nichtsdestoweniger hieß die Opposition ihn willkommen, und dem neuen Demokratenführer gelang es nicht bloß, seine Ankläger von der Fortsetzung des gegen ihn begonnenen Angriffs abzuschrecken, sondern auch, seine Wahl zum Konsul für 676 (78) durchzusetzen, wobei ihm übrigens außer den in Sizilien erpreßten Schätzen auch Pompeius’ albernes Bestreben förderlich war, bei dieser Gelegenheit Sulla und den reinen Sullanern zu zeigen, was er vermöge. Da also, als Sulla starb, die Opposition an Lepidus wieder ein Haupt gefunden hatte und da dieser ihr Führer der höchste Beamte des Staats geworden war, so ließ sich der nahe Ausbruch einer neuen Revolution in der Hauptstadt mit Sicherheit vorhersehen.
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^2 Als Caesars Geburtsjahr pflegt man das Jahr 654 (100) anzusetzen, weil er nach Sueton (Caes. 88), Plutarch (Caes. 69) und Appian (civ. 2 149) bei seinem Tode (15. März 710 44) im 56. Jahre stand; womit auch die Angabe, daß er zur Zeit der Sullanischen Proskription (672 82) achtzehn Jahre alt gewesen (Vell. 2, 41), ungefähr übereinstimmt. Aber in unauflöslichem Widerspruch damit steht es, daß Caesar im Jahre 689 (65) die Ädilität, 692 (62) die Prätur, 695 (59) das Konsulat bekleidet hat und jene Ämter nach den Annalgesetzen frühestens resp. im 37/38., 40/41. und 43/44. Lebensjahr bekleidet werden durften. Es ist nicht abzusehen, wie Caesar sämtliche kurulischen Ämter zwei Jahre vor der gesetzlichen Zeit bekleidet haben, noch weniger, daß hiervon nirgends Erwähnung geschehen sein sollte. Vielmehr legen diese Tatsachen die Vermutung nahe, daß er, da sein Geburtstag unbezweifelt auf den 12. Juli fiel, nicht 654 (100), sondern 652 (102) geboren ist, also im Jahre 672 (82) im 20/21. Lebensjahre stand und nicht im 56., sondern 57 Jahre 8 Monate alt starb. Für diesen letzteren Ansatz läßt sich ferner geltend machen, was man auffallenderweise dagegen angeführt hat, daß Caesar “paene puer” von Marius und Cinna zum Flamen des Jupiter bestellt wurde (Vell. 2, 43); denn Marius starb im Januar 668 (86), wo Caesar nach dem gewöhnlichen Ansatz dreizehn Jahre und sechs Monate alt, also nicht “beinahe”, wie Velleius sagt, sondern wirklich noch Knabe und aus diesem Grunde eines solchen Priestertums kaum fähig war. War er dagegen im Juli 652 (102) geboren, so stand er bei dem Tode des Marius im sechzehnten Lebensjahr; und dazu stimmt die Bezeichnung bei Velleius wie die allgemeine Regel, daß bürgerliche Stellungen nicht vor Ablauf des Knabenalters übernommen werden. Zu diesem letzteren Ansatz paßt es ferner allein, daß die um den Ausbruch des Bürgerkrieges von Caesar geschlagenen Denare mit der Zahl LII, wahrscheinlich dem Lebensjahr, bezeichnet sind; denn als er begann, war Caesar hiernach etwas über 52 Jahre alt. Auch ist es nicht so verwegen, wie es uns an regelmäßige und amtliche Geburtslisten Gewöhnten erscheint, in dieser Hinsicht unsere Gewährsmänner eines Irrtum zu zeihen. Jene vier Angaben können sehr wohl alle auf eine gemeinschaftliche Quelle zurückgehen und dürfen überhaupt, da für die ältere Zeit vor dem Beginn der acta diurna die Angaben über die Geburtsjahre auch der bekanntesten und höchstgestellten Römer, zum Beispiel über das des Pompeius, in der auffallendsten Weise schwanken, auf keine sehr hohe Glaubwürdigkeit Anspruch machen. Vgl. Römisches Staatsrecht, Bd. 1, S. 570.
In dem ‘Leben Caesars’ von Napoleon III. (Bd. 2, Kap. 1) ist hiergegen eingewandt worden, teils daß das Annalgesetz für Caesars Geburtsjahr nicht auf 652 (102), sondern 651 (103) führen würde, teils besonders, daß auch sonst Fälle bekannt sind, wo dasselbe nicht befolgt worden ist. Allein die erste Behauptung beruht auf einem Versehen; denn wie Ciceros Beispiel zeigt, forderte das Annalgesetz nur, daß bei Antritt des Amtes das 43. Lebensjahr begonnen, nicht daß es zurückgelegt sei. Die behaupteten Ausnahmen aber von der Regel treffen sämtlich nicht zu. Wenn Tacitus (ann. 11, 22) sagt, daß man ehemals bei der Vergebung der Ämter gar keine Rücksicht auf das Alter genommen und Konsulat und Diktatur an ganz junge Leute übertragen habe, so hat er natürlich, wie auch alle Erklärer anerkennen, dabei die ältere Zeit im Sinne, vor Erlaß der Annalgesetze, das Konsulat des dreiundzwanzigjährigen M. Valerius Corvus und ähnliche Fälle. Daß Lucullus das höchste Amt vor dem gesetzlichen Alter empfing, ist falsch; es wird nur berichtet (Cic. ac. 2. 1, 1), daß auf Grund einer uns nicht näher bekannten Ausnahmeklausel zur Belohnung für irgendwelche von ihm verrichtete Tat er von dem gesetzlichen zweijährigen Intervall zwischen Ädilität und Prätur dispensiert war - in der Tat war er 675 Ädil, wahrscheinlich 677 Prätor, 680 Konsul. Daß der Fall des Pompeius ein gänzlich verschiedener ist, liegt auf der Hand; aber auch von Pompeius wird mehrfach ausdrücklich gemeldet (Cic. imp. Cn. Pomp. 21, 62; App. civ. 3, 88), daß der Senat ihn von den Altersgesetzen entband. Daß dies für Pompeius geschah, der als sieggekrönter Oberfeldherr und Triumphator, an der Spitze eines Heeres und seit seiner Koalition mit Crassus auch einer mächtigen Partei, sich um das Konsulat bewarb, ist ebenso begreiflich, als es im höchsten Grade auffallend sein würde, wenn dasselbe für Caesar bei seiner Bewerbung um die minderen Ämter geschehen sein sollte, wo er wenig mehr bedeutete als andere politische Anfänger; und noch viel auffallender ist es, daß wohl von jener selbstverständlichen Ausnahme, aber nicht von dieser mehr als seltsamen sich Erwähnung findet, so nahe solche Erwähnungen, namentlich im Hinblick auf den 21jährigen Konsul Caesar den Sohn auch gelegen haben würden (vgl. z. B. App. civ. 3, 88). Wenn aus diesen unzutreffenden Beispielen dann die Folgerung gezogen wird, daß “man in Rom das Gesetz wenig beachtet habe, wenn es sich um ausgezeichnete Männer handelte”, so ist über Rom und die Römer wohl nie etwas Irrigeres gesagt worden als dieser Satz. Die Größe des römischen Gemeinwesens wie nicht minder die seiner großen Feldherren und Staatsmänner beruht vor allen Dingen darauf, daß das Gesetz auch für sie galt.
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Schon früher aber als die Demokraten in der Hauptstadt hatten sich in Spanien die demokratischen Emigranten wieder geregt. Die Seele dieser Bewegung war Quintus Sertorius. Dieser vorzügliche Mann, geboren in Nursia im Sabinerland, war von Haus aus zart und selbst weich organisiert - die fast schwärmerische Liebe für seine Mutter Raia zeigt es - und zugleich von der ritterlichsten Tapferkeit, wie die aus dem Kimbrischen, dem Spanischen und dem Italischen Krieg heimgebrachten ehrenvollen Narben bewiesen. Obwohl als Redner gänzlich ungeschult, erregte er durch den natürlichen Fluß und die treffende Sicherheit seiner Rede die Bewunderung der gelernten Sachwalter. Sein ungemeines militärisches und staatsmännisches Talent hatte er namentlich in dem von den Demokraten so über die Maßen elend und kopflos geführten Revolutionskrieg Gelegenheit gefunden in glänzendem Kontrast zu beweisen: anerkanntermaßen war er der einzige demokratische Offizier, der den Krieg vorzubereiten und zu leiten verstand, und der einzige demokratische Staatsmann, der dem gedankenlosen Treiben und Wüten seiner Partei mit staatsmännischer Energie entgegentrat. Seine spanischen Soldaten nannten ihn den neuen Hannibal und nicht bloß deswegen, weil er gleich diesem im Kriege ein Auge eingebüßt hatte. Er erinnert in der Tat an den großen Phöniker durch seine ebenso verschlagene als mutige Kriegführung, sein seltenes Talent, den Krieg durch den Krieg zu organisieren, seine Gewandtheit, fremde Nationen in sein Interesse zu ziehen und seinen Zwecken dienstbar zu machen, seine Besonnenheit im Glück und Unglück, seine erfinderische Raschheit in der Benutzung seiner Siege wie in der Abwendung der Folgen seiner Niederlagen. Man darf zweifeln, ob irgendein römischer Staatsmann der früheren oder der gegenwärtigen Zeit an allseitigem Talent mit Sertorius sich vergleichen läßt. Nachdem Sullas Feldherren ihn gezwungen hatten, aus Spanien zu weichen, hatte er an den spanischen und afrikanischen Küsten ein unstetes Abenteuerleben geführt, bald im Bunde, bald im Kriege mit den auch hier einheimischen kilikischen Piraten und den Häuptlingen der schweifenden Stämme Libyens. Selbst hierhin hatte die siegreiche römische Restauration ihn verfolgt; als er Tingis (Tanger) belagerte, war dem Fürsten der Stadt zu Hilfe aus dem römischen Afrika ein Korps unter Pacciaecus erschienen; aber Pacciaecus ward von Sertorius völlig geschlagen und Tingis genommen. Auf das weithin erschallende Gerücht von solchen Kriegstaten des römischen Flüchtlings sandten die Lusitaner, die trotz ihrer angeblichen Unterwerfung unter die römische Oberhoheit tatsächlich ihre Unabhängigkeit behaupteten und jährlich mit den Statthaltern des Jenseitigen Spaniens fochten, Botschaft an Sertorius nach Afrika, um ihn zu sich einzuladen und ihm das Feldherrnamt über ihre Miliz zu übertragen. Sertorius, der zwanzig Jahre zuvor unter Titus Didius in Spanien gedient hatte und die Hilfsquellen des Landes kannte, beschloß, der Einladung Folge zu leisten, und schiffte mit Zurücklassung eines kleinen Postens an der mauretanischen Küste nach Spanien sich ein (um 674 80). Die Meerenge, die Spanien und Afrika scheidet, war besetzt durch ein römisches, von Cotta geführtes Geschwader; sich durchzuschleichen war nicht möglich; so schlug Sertorius sich durch und gelangte glücklich zu den Lusitanern. Es waren nicht mehr als zwanzig lusitanische Gemeinden, die sich unter seine Befehle stellten, und auch von “Römern” musterte er nur 2600 Mann, von denen ein guter Teil Übergetretene aus dem Heer des Pacciaecus oder römisch bewaffnete Afrikaner waren. Sertorius erkannte es, daß alles darauf ankam, den losen Guerillaschwärmen einen festen Kern römisch organisierter und disziplinierter Truppen zu geben; er verstärkte zu diesem Ende seine mitgebrachte Schar durch Aushebung von 4000 Fußsoldaten und 700 Reitern und rückte mit dieser einen Legion und den Schwärmen der spanischen Freiwilligen gegen die Römer vor. Den Befehl im jenseitigen Spanien führte Lucius Fufidius, der durch seine unbedingte und bei den Ächtungen erprobte Hingebung an Sulla vom Unteroffizier zum Proprätor aufgerückt war; am Baetis ward dieser völlig geschlagen; 2000 Römer bedeckten die Walstatt. Eilige Boten beriefen den Statthalter der benachbarten Ebroprovinz, Marcus Domitius Calvinus, um dem weiteren Vordringen der Sertorianer ein Ziel zu setzen; bald erschien (675 79) auch der erprobte Feldherr Quintus Metellus, von Sulla gesandt, um den unbrauchbaren Fufidius im südlichen Spanien abzulösen. Aber es gelang doch nicht, des Aufstandes Herr zu werden. In der Ebroprovinz wurde von dem Unterfeldherrn des Sertorius, dem Quästor Lucius Hirtuleius, nicht bloß Calvinus’ Heer vernichtet und er selbst getötet, sondern auch Lucius Manlius, der Statthalter des jenseitigen Galliens, der seinem Kollegen zu Hilfe mit drei Legionen die Pyrenäen überschritten, von demselben tapferen Führer vollständig geschlagen. Mühsam rettete Manlius sich mit weniger Mannschaft nach Ilerda (Lerida) und von da in seine Provinz, auf welchem Marsch er noch durch einen Überfall der aquitanischen Völkerschaften sein ganzes Gepäck einbüßte. Im Jenseitigen Spanien drang Metellus in das lusitanische Gebiet ein; allein es gelang Sertorius, während der Belagerung von Longobriga (unweit der Tajomündung) eine Abteilung unter Aquinus in einen Hinterhalt zu locken und dadurch Metellus selbst zur Aufhebung der Belagerung und zur Räumung des lusitanischen Gebietes zu zwingen. Sertorius folgte ihm, schlug am Anas (Guadiana) das Korps des Thorius und tat dem feindlichen Oberfeldherrn selbst unsäglichen Abbruch im kleinen Kriege. Metellus, ein methodischer und etwas schwerfälliger Taktiker, war in Verzweiflung über diesen Gegner, der die Entscheidungsschlacht beharrlich verweigerte, aber Zufuhr und Kommunikationen ihm abschnitt und von allen Seiten ihn beständig umschwärmte.
Diese ungemeinen Erfolge, die Sertorius in beiden spanischen Provinzen erfocht, waren im so bedeutsamer, als sie nicht bloß durch die Waffen errungen wurden und nicht bloß militärischer Natur waren. Die Emigrierten als solche waren nicht furchtbar; auch an einzelnen Erfolgen der Lusitaner unter diesem oder jenem fremden Führer war wenig gelegen. Aber mit dem sichersten politischen und patriotischen Takt trat Sertorius, sowie er irgend es vermochte, statt als Condottiere der gegen Rom empörten Lusitaner auf als römischer Feldherr und Statthalter von Spanien, in welcher Eigenschaft er ja von den ehemaligen Machthabern dorthin gesandt worden war. Er fing an ^3, aus den Häuptern der Emigration einen Senat zu bilden, der bis auf dreihundert Mitglieder steigen und in römischen Formen die Geschäfte leiten und die Beamten ernennen sollte. Er betrachtete sein Heer als ein römisches und besetzte die Offiziersstellen ohne Ausnahme mit Römern. Den Spaniern gegenüber war er der Statthalter, der kraft seines Amtes Mannschaft und sonstige Unterstützung von ihnen einmahnte; aber freilich ein Statthalter, der statt des gewohnten despotischen Regiments bemüht war, die Provinzialen an Rom und an sich persönlich zu fesseln. Sein ritterliches Wesen machte ihm das Eingehen auf die spanische Weise leicht und erweckte bei dem spanischen Adel für den wahlverwandten wunderbaren Fremdling die glühendste Begeisterung; nach der auch hier wie bei den Kelten und den Deutschen bestehenden kriegerischen Sitte der Gefolgschaft schworen Tausende der edelsten Spanier, zu ihrem römischen Feldherrn treu bis zum Tode zu stehen, und Sertorius fand in ihnen zuverlässigere Waffengefährten als in seinen Landsleuten und Parteigenossen. Er verschmähte es nicht, auch den Aberglauben der roheren spanischen Völkerschaften für sich nutzbar zu machen und seine kriegerischen Pläne als Befehle der Diana durch die weiße Hindin der Göttin sich zutragen zu lassen. Durchaus führte er ein gerechtes und gelindes Regiment. Seine Truppen mußten, wenigstens so weit sein Auge und sein Arm reichten, die strengste Mannszucht halten; so mild er im allgemeinen im Strafen war, so unerbittlich erwies er sich bei jedem von seinen Leuten auf befreundetem Gebiet verübten Frevel. Aber auch auf dauernde Erleichterung der Lage der Provinzialen war er bedacht; er setzte die Tribute herab und wies die Soldaten an, sich für den Winter Baracken zu erbauen, wodurch die drückende Last der Einquartierung wegfiel und damit eine Quelle unsäglicher Übelstände und Quälereien verstopft ward. Für die Kinder der vornehmen Spanier ward in Osca (Huesca) eine Akademie errichtet, in der sie den in Rom gewöhnlichen höheren Jugendunterricht empfingen, römisch und griechisch reden und die Toga tragen lernten - eine merkwürdige Maßregel, die keineswegs bloß den Zweck hatte, von den Verbündeten die in Spanien nun einmal unvermeidlichen Geiseln in möglichst schonender Form zu nehmen, sondern vor allem ein Ausfluß und eine Steigerung war des großen Gedankens des Gaius Gracchus und der demokratischen Partei, die Provinzen allmählich zu romanisieren. Hier zuerst wurde der Anfang dazu gemacht, die Romanisierung nicht durch Ausrottung der alten Bewohner und Ersetzung derselben durch italische Emigranten zu bewerkstelligen, sondern die Provinzialen selbst zu romanisieren. Die Optimaten in Rom spotteten über den elenden Emigranten, den Ausreißer aus der italischen Armee, den letzten von der Räuberbande des Carbo; der dürftige Hohn fiel auf sie selber zurück. Man rechnete die Massen, die gegen Sertorius ins Feld geführt worden waren, mit Einschluß des spanischen Landsturms auf 120000 Mann zu Fuß, 2000 Bogenschützen und Schleuderer und 6000 Reiter. Gegen diese ungeheure Übermacht hatte Sertorius nicht bloß sich in einer Kette von glücklichen Gefechten und Siegen behauptet, sondern auch den größten Teil Spaniens in seine Gewalt gebracht. In der jenseitigen Provinz sah sich Metellus beschränkt auf die unmittelbar von seinen Truppen besetzten Gebietsteile; hier hatten alle Völkerschaften, die es konnten, Partei für Sertorius ergriffen. In der diesseitigen gab es nach den Siegen des Hirtuleius kein römisches Heer mehr. Sertorianische Emissäre durchstreiften das ganze gallische Gebiet; schon fingen auch hier die Stämme an, sich zu regen, und zusammengerottete Haufen, die Alpenpässe unsicher zu machen. Die See endlich gehörte ebensosehr den Insurgenten wie der legitimen Regierung, da die Verbündetem jener, die Korsaren, in den spanischen Gewässern fast so mächtig waren wie die römischen Kriegsschiffe. Auf dem Vorgebirge der Diana (jetzt Denia zwischen Valencia und Alicante) richtet Sertorius jenen eine feste Station ein, wo sie teils den römischen Schiffen auflauerten, die den römischen Seestädten und dem Heer ihren Bedarf zuführten, teils den Insurgenten die Waren abnahmen oder lieferten, teils deren Verkehr mit Italien und Kleinasien vermittelten. Daß diese allzeit fertigen Vermittler von der lohenden Brandstätte überall hin die Funken trugen, war in hohem Grade besorgniserregend, zumal in einer Zeit, wo überall im Römischen Reiche so viel Brennstoff aufgehäuft war.
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^3 Wenigstens die Grundzüge dieser Organisation müssen in die Jahre 674 (80), 675 (79), 676 (78) fallen, wenngleich die Ausführung ohne Zweifel zum guten Teil erst den späteren Jahren angehört.
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